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Mentaltraining im Spital

Kolumne aus der Inselspitalseelsorge

Ich sitze bei einer jungen Patientin. Ihr Aufenthalt im Spital wird noch ein Weilchen dauern. Sie ist so geschwächt, dass sie nicht allein aufstehen kann, geschweige denn, ein paar Meter gehen. Jeder Tag, den sie länger hier ist, schlägt ihr mehr aufs Gemüt, etwas, was sie sonst nicht kennt. Normalerweise sei sie gerne draussen in der Natur. Am besten erholen könne sie sich bei einem Spaziergang im Wald, erzählt sie mir. Das fehle ihr jetzt, und sie spüre, wie sie hier im Spital von Tag zu Tag trübsinniger werde. Sie ist abgeschnitten von ihrer Kraftquelle. 

«Waren sie schon mal in Gedanken im Wald spazieren», frage ich sie. Sie schaut mich erstaunt an. Laut wissenschaftlichen Studien verarbeitet unser Gehirn Vorstellungen und tatsächliche Erlebnisse in denselben neuronalen Zentren. Das brauchen Sportlerinnen zur Wettkampfvorbereitung oder ­Musiker zum Üben besonders schwieriger Passagen. Man weiss, wenn sie sich den geforderten Ablauf Schritt für Schritt ganz genau vorstellen, geht es bei der nächsten Durchführung besser. Und man weiss auch, dass der blosse Abruf einer Erinnerung an einen Waldspaziergang uns so beruhigen kann, wie ein richtiger Spaziergang. Unser Vorstellungsvermögen kann uns einen mentalen Kurzurlaub ermöglichen. ­Davon erzähle ich ihr.

Auf dem Heimweg hänge ich dieser Begegnung in Gedanken noch nach, diese Patientin kannte ihre Kraftquelle so gut, auch wenn sie gerade gefühlt unerreichbar war. Und meine Kraft­quellen? Kann ich immer auf sie zurückgreifen? Vielleicht sollte ich mir einen kleinen Notfallkoffer anlegen mit besonderen Momenten, die mir Kraft schenken. In Gedanken beginne ich zu sammeln: einen Ort, der mir Geborgenheit schenkt, einen Tee, der mir guttut, dieses eine Lied, das mir Mut und ­Hoffnung schenkt – überhaupt meine Lieblingsmusik –, einen Duft, der mich ­beruhigt, wenn ich aufgewühlt bin. Ein Gegenstand, der meine Zuversicht stärkt, gehört sicher auch mit hinein und ein paar Fotos – zur Erinnerung(für mich und andere).

Martina Wiederkehr-Steffen, Seelsorgerin im Inselspital

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