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Franz macht deutlich: Die Menschen am Rande der Gesellschaft sind Kinder Gottes. Sie brauchen nicht nur Geld. Sie brauchen Liebe und Nähe. Foto: unsplash

Menschen am Rande der Gesellschaft brauchen nicht nur Geld, sondern auch Liebe und Nähe.

Der Kirchenhistoriker Volker Leppin zeigt, wie wenig wir gesichert über Franziskus wissen und wie viel er uns dennoch zu sagen hat. Ein Gespräch über prekäre Quellen, einen radikalen Bruch mit dem Vater – und die Frage, was Franziskus gewählte Armut heute bedeuten würde.

Interview: Aurel Jörg

Ihr Buch trägt den Untertitel «Ein unbequemer Heiliger». Wem war Franziskus unbequem – und wem ist er es heute noch, 800 Jahre nach seinem Tod? 

Volker Leppin: Franz erinnert an die Radikalität der Botschaft Jesu. Das war vor 800 Jahren unangenehm und ist es heute gleichermassen. Als Sohn eines reichen Kaufmanns wollte er keine Kompromisse machen. Er wollte nicht von Privilegien profitieren, sondern bei denen sein, denen aufgrund von Krankheit oder Armut kein Platz in der Gesellschaft vergönnt war. 

Franz’ Eltern hatten diese Menschen nicht vergessen, aber sie hatten sich damit begnügt, ihnen etwas von ihrem Reichtum abzugeben. Damit waren sie zufrieden – und vielleicht sind wir heute auch viel zu oft damit zufrieden, ab und zu für gute Zwecke zu spenden. Franz macht deutlich: Die Menschen am Rande der Gesellschaft sind Kinder Gottes. Sie brauchen nicht nur Geld. Sie brauchen Liebe und Nähe. 

Die Quellenlage zum Leben von Franziskus ist prekär. Es gibt die Ansicht, dass alle Überlieferungen eigenen Interessen folgen, die Autor:innen der Quellen quasi «ihren» eigenen Franz bilden wollten. Wie kommen Sie als Historiker durch diese Schichten hindurch?

Leppin: Man könnte sagen, überhaupt nicht – wenn es darum geht, als Autor behaupten zu können: «Ich stelle Franz genau so dar, wie er war.» Das kann niemand. Denn in der Tat: Von Franz selbst gibt es nur sehr wenige Texte mit ganz wenigen autobiographischen Bemerkungen. Und seine Biographien dienten von Anfang an der Heiligenverehrung. Da sammelt man halt was gut ist, preiswürdig, verehrungswürdig. Ein echtes, menschliches Bild entsteht da nicht. 

Als Historiker muss ich bei jeder Episode fragen: Könnte das erfunden sein? Macht es vielleicht ein bisschen «zu viel» Sinn für die Heiligenverehrung? Dann schaue ich mir die Überlieferungslage an, gucke, was in der Lebenswirklichkeit des 13. Jahrhunderts plausibel war. Dabei sage ich nicht einfach, «Was in unsere Köpfe nicht hineinpasst, ist auch nicht geschehen.» Dann könnte ich alle Wundererzählungen streichen. Manches mag durchaus so passiert sein, wie die Biographen es erzählen. Wir müssen heute nicht von Wundern sprechen. Aber als Märchen müssen wir es auch nicht abtun. 
 


Franz von Assisi kam aus vermögender Familie und prasste in seiner Jugend. War dies erst die Grundlage, dass er später den Weg in die leibliche und geistliche Armut gehen konnte? 

Leppin: Tja, sehen Sie: Nicht mal das wissen wir genau. Thomas von Celano, der erste Franziskus-Biograph, hat sich zweimal an eine Lebensbeschreibung gemacht. Kurz nach dem Tod des Heiligen schildert er diesen tatsächlich als einen üblen Typen in Assisi – zwanzig Jahre später, in der zweiten Biographie, spricht er dann plötzlich davon, Franz habe über Seelengrösse und edle Sitten verfügt. Welchem Celano soll ich dann bitte glauben? 

Eine Schlüsselszene ist jedenfalls historisch wahrscheinlich: Der junge Kaufmannssohn entkleidet sich vor dem Bischof, gibt dem Vater die Kleider zurück und wendet sich von diesem ab. Sie deuten das Leben von Franziskus über seine Beziehungen – was sehen Sie in dem Bruch mit dem Vater? 

Leppin: Für mich ist das tatsächlich die Schlüsselszene. Franziskus sagt nach den Berichten, er wolle nun nicht mehr Pietro die Bernardone seinen Vater nennen, sondern nur noch seinen Vater im Himmel. Dieser begegnete ihm konkret im Bischof von Assisi. Wir wundern uns ja oft, dass Franz so kirchentreu geblieben ist, anders als Personen wie Petrus Waldes oder die Katharer: Das liegt genau an diesem Übergang von den leiblichen Eltern in die Arme der Mutter Kirche. 

Die Kirche seiner Zeit war aber eine Macht- und Besitzinstitution. Wie hat Franziskus es geschafft, radikal zu bleiben, ohne zum Ketzer erklärt zu werden? 

Leppin: Eigentlich ist es schrecklich, sich das klarzumachen: Er verdankte das ausgerechnet Innozenz III., einem der machtgierigsten Päpste des Mittelalters. Innozenz hat erkannt, wie kirchenfromm Franz spätestens seit der eben erwähnten Wende war. 

Franz wollte der Kirche gehorsam sein – und er konnte damit dem Papst sehr nützlich sein. Denn mit der franziskanischen Bewegung schuf er für diejenigen, die die Kirche kritisierten, einen Platz in genau dieser Institution. Dadurch wurde Franz’ Radikalität in gewisser Weise domestiziert. 

Gleichzeitig blieb die von Franziskus freiwillig gewählte Armut radikal. 

Leppin: In den Menschen am Rande der Gesellschaft entdeckte Franz Gott selbst. Ganz im Sinne von Matthäus 25: Was ihr für eines dieser meiner geringsten Geschwister getan habt, das habt ihr für mich getan. Und diese Aussenseiter:innen, das waren zunächst noch gar nicht allgemein die Armen, sondern sehr konkret die Aussätzigen. Ich musste während der Zeit der Pandemie oft an diesen Franz denken: Haben wir da immer in unseren Nächsten Jesus Christus selbst erkannt? 

Dieser Gedanke bringt uns zur Gegenwart: Was würde Franziskus Armutsbegriff heute konkret bedeuten, jenseits symbolischer Bescheidenheitsgesten? 

Leppin: Solche Konjunktive haben Historiker:innen bekanntermassen nicht so gern. Franz war ein Mann des 13. Jahrhunderts. Aber wenn ich mich frage, wie könnte man heute mit dem umgehen, wofür er damals stand, dann glaube ich schon: Er würde uns ständig daran erinnern, dass wir die Menschen am Rande der Gesellschaft nicht vergessen dürfen.

Das sind die Migrant:innen, das sind die Menschen, die wegen ihres Geschlechts ausgegrenzt werden, das sind die Menschen, denen wegen Krankheit oder Alter der volle Zugang zu den Möglichkeiten unserer reichen Gesellschaft verwehrt wird. Was wir ihnen tun, tun wir Jesus Christus – da haben wir noch eine Menge Aufgaben vor uns. 

 

Zur Person 

Volker Leppin (*1966) unterrichtete in Jena und Tübingen Kirchengeschichte, ehe er 2021 an die Yale University in den USA wechselte. Dort hat er den renommierten Horace Tracy Pitkin Lehrstuhl für historische Theologie inne.