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Marie-Theres von Gunten (Mitte, links) führte 2025 in Saanen mit Jodelchören aus Interlaken und Geuensee ihre Jodlermesse auf.  Foto: Adolf Schmitter

Mehr als Sennenleben und Kuhglocken

Jodeln gehört neu zum Unesco Weltkulturerbe. Es ist hohe Gesangskunst und hat auch spirituelle Dimensionen. Das zeigt ein Besuch beim Oberländerchörli in Interlaken. 


Der kleine Raum im Zentrum Artos in Interlaken füllt sich mit Klang, als die sieben Frauen und ein Mann den Jodel anstimmen. «Bringt den Brustton noch etwas mehr», sagt Marie-Theres von Gunten zu der Gruppe, die die zweite Stimme singt, den so genannten zweiten Jodel. Von Gunten sitzt vorne am Klavier und hat sich beim Zuhören Notizen in die Partitur gemacht. «Wenn ihr den Mund mehr aufmacht, klingt das U schöner», sagt sie zu den Sängerinnen des ersten Jodels.

Eigentlich dirigiert von Gunten das Oberländerchörli seit Kurzem nicht mehr. Doch bei dieser Spezialprobe, an dem nur die Jodelstimmen des Chors teilnehmen, unterstützt sie den gemischten Jodelchor. Sie hat ihn 15 Jahre lang dirigiert. Von Gunten hat eine klare Vorstellung, wie der Jodel klingen soll. Ihr Feedback ist pointiert, ohne Einzelne blosszustellen. 

Gemeinsam klären die Jodler:innen an diesem Abend, welche Töne in der Brust- und welche in der Kopfstimme gesungen werden, ebenso, ob diese auf O, U oder Ü erklingen sollen. «Weil unser Chor mehrere Jodelstimmen hat, muss die Vokalisation unbedingt übereinstimmen», erklärt Carine Beeler, die den Gesamtchor leitet und in der Kleingruppe selber mitjodelt.
 


Hohe Gesangskunst 

Es ist dieser Wechsel von Kopf- und Bruststimme, der den Jodel ausmacht, erläutert Marie-Theres von Gunten im Gespräch nach der Probe. Der Kehlkopfschlag markiere diesen Registerwechsel. «Jodel ist hohe Gesangskunst», zitiert sie einen ihrer früheren Lehrer. Sie selbst ist mit dem Jodel aufgewachsen: «Ich konnte das von Kindsbeinen an, mein Vater hat gejodelt», sagt die heute 74-Jährige, die im Kanton Luzern aufwuchs. Kein Wunder, dass Jodeln für sie Heimat bedeutet. «Ich jodle aus Freude», sagt sie lachend. Dabei hätte sie als Kind lieber wie ihre Brüder in der Blasmusik mitgespielt, aber das war Frauen seinerzeit verwehrt.

«Zum Glück», möchte man in Anbetracht ihrer Jodelkarriere (siehe Infobox) sagen. «Es musste so sein», sagt sie heute ganz selbstverständlich dazu. Jodel ist für sie durchaus eine Form von Gebet: «Man drückt darin das innere Erleben aus, Trauer ebenso wie Freude.»
 

Jodellieder sind oft aus dem Leben gegriffen.

Reto Zumbrunn


So empfinden es auch drei Mitglieder des Oberländerchörlis. 30 Sänger:innen zwischen 40 und 85 Jahren singen hier aktuell mit. «Es kommt aus dem Herzen, man verbindet sich mit der Natur, mit den Bergen, man ist nahe beim Herrn», sagt Vreni Schild (69), die wie ihre Kollegin Vreni Hodler (66) seit ihrer Kindheit jodelt. Anders Reto Zumbrunn (44), der erst als junger Erwachsener damit anfing. «Mich berühren die Melodien und die Texte. Oft sind sie aus dem Leben gegriffen, es geht um den Schöpfer, um Fragen nach dem Sinn», sagt Zumbrunn. 

Die beiden Frauen nicken bestätigend. «Wir wissen, wovon wir singen», ergänzt Vreni Hodler, und meint damit das Sennenleben, das Geläut von Kuhglocken und die Berge, die besungen werden. Auch wenn die Chormitglieder Jodel von sich aus nicht mit dem Begriff Spiritualität in Verbindung bringen, wird im Gespräch deutlich, dass in vielen Liedern eine höhere Macht angesprochen wird. «Es geht um die Schöpfung, aber auch um die Macht und Gewalt der Natur», sagt Schild. 

Positive Lieder

Auch im Lied «I wett e Rose finde», das der Chor für das diesjährige Jodlerfest in Basel probt, wird die Natur besungen. Die gesuchte Rose soll sein wie «e Huuch us allne Winde, vom Meer an Jungfrou-Schnee». Den oft gehörten Vorwurf, Jodellieder besängen eine heile Welt und vergangene Traditionen, lässt Marie-Theres von Gunten nicht gelten. «Früher lebte man in diesem Bewusstsein, warum soll man das nicht besingen? Man singt ja auch Opern, die in früheren Zeiten spielen.» Von modernen Bewegungen oder «provokativem Getue» wie dem in Stans beheimateten feministischen Jodelchor «Echo vom Eierstock» hält sie nicht viel. 
 

Ich mag nicht singen, wenn das Lied nicht positiv ist.

Marie-Theres von Gunten 


Von Gunten hat selbst rund 100 Jodellieder komponiert, ausserdem eine Jodlermesse und ein Requiem, beides Auftragskompositionen. Die Texte dazu stammten meist von ihrem Bruder Jules Walthert. Der könne besser texten. Mit den Jodelliedern möchte sie vor allem Freude bereiten: «Wenn man die Augen offen hält, sieht man so viel Schönes», ist sie überzeugt. Dabei leugnet sie das weniger Schöne nicht, aber sie hält es nicht für die Aufgabe des Jodelliedes, dieses zu besingen. «Ich mag nicht singen, wenn das Lied nicht positiv ist.»  

Dass Jodeln neu zum immateriellen Weltkulturerbe der Unesco gehört, freut von Gunten. Sie hofft, dass der Jodel dadurch die Anerkennung erhält, die dieser Gesangskunst ihrer Meinung nach zusteht.

 

Jodlerin und Komponistin 

Marie-Theres von Gunten wuchs in Baldegg (LU) als jüngstes von zehn Kindern in einer musikalischen Familie auf. Von ihrem 20. Lebensjahr an sang sie in diversen Jodelclubs und Duett-Formationen. Ab 1978 dirigierte sie Jodelchöre, darunter das Wäber-Chörli Bern, das Jodlerchörli Geuensee (LU) und das Oberländerchörli Interlaken. 1981 begann sie zu komponieren. Für das Kirchenmusikfest Cantars schrieb sie 2011 auf Initiative des Luzerner Organisten Wolfgang Sieber die Jodlermesse «Bhüet euch!». 2006 wurde sie für ihr Gesamtwerk mit dem Goldenen Violinschlüssel ausgezeichnet.

Unesco Weltkulturerbe 

Im Dezember hat die Unesco das Jodeln in das immaterielle Weltkulturerbe aufgenommen. Dieses umfasst lebendige Traditionen wie mündliche Ausdrucksformen, darstellende Künste, Rituale und Feste, Praktiken im Umgang mit der Natur oder Fachwissen über traditionelle Handwerkstechniken. Das Bundesamt für Kultur hat die Kandidatur unter Einbezug von Jodel-Expert:innen und Fachorganisationen koordiniert. Die Ernennung ist in einem Diplom festgehalten. Um dieses zu behalten, müssen Massnahmen wie Nachwuchsförderung und Digitalisierung umgesetzt werden. Die Unesco überprüft dies regelmässig.