Drei Punkte sind Klaus von Stosch wichtig: Erstens, der Koran zeige eine tiefe Wertschätzung für Maria. Zweitens, der Koran wende sich gegen jede politische Verzweckung ihrer Person. Drittens, Maria werde im Koran nicht als unverwundbar, sondern als verletzlich dargestellt – und sei gerade darin ein Vorbild. Dies alles stelle eine Herausforderung für die christliche, aber auch für die muslimische Seite dar.
Was er damit genau meint, führt der in Bonn (DE) lehrende Theologe in einem Online-Vortrag am «Zürcher Institut für Interreligiösen Dialog» (ZIID) aus, den er eigentlich mit seiner muslimischen Kollegin Muna Tatari hätte halten sollen. Da sie erkrankt ist, präsentiert er die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Forschung heute (17.09.) allein.
«Ja» zu Maria ohne «Nein» zum Judentum
Punkt eins: «Man liest ein grosses ‹Ja› zu Maria.» Ihr ist im Koran eine eigene Sure gewidmet, die «Sure Maryam» (Q 19). Vieles aus der christlichen Theologie und Frömmigkeit finde sich hier wieder. Die grosse Zuneigung des Korans zum Christentum führe jedoch nicht zu einer Abwertung des Judentums: «Es geht immer um die Maria, die Jüdin ist.»
Auch im Koran wird die Weihnachtsgeschichte erzählt, allerdings ganz anders als in der christlichen Bibel. Dies zeige sich bereits an der Vorgeschichte von Jesu Geburt, der Geschichte von Zacharias und Elisabeth. Während das Neue Testament den unerfüllten Kinderwunsch des Ehepaares recht nüchtern beschreibe (Lk 1,7), wende sich Zacharias im Koran an Gott und bitte um Nachkommenschaft nicht nur für sich selbst, sondern für das Volk Israel (Q 19:4).
Maria als «Gottes-Wort-Gebärerin»
Auch die Rolle des Sohnes von Elisabeth und Zacharias, Johannes des Täufers, ist im Koran eine andere als in den Evangelien. Er kündige nicht nur das Kommen Jesu Christi an, sondern verkörpere die bleibende Bedeutsamkeit Israels: «Seine Geburt ist der Beweis dafür, dass es mit Israel weitergeht», so von Stosch.
Schliesslich charakterisiert der Koran auch Maria auf eigene Weise. Während ihre Aufgabe gemäss der christlichen Tradition vor allem darin bestand, den Messias zu gebären, bekommt sie in der um das Jahr 615 entstandenen «Sure Maryam» eigene Konturen. Sie denkt eigenständig, fragt kritisch nach und tut nicht einfach, was man ihr sagt.
Von anderen auf die Umstände der Geburt Jesu angesprochen, deutet Maria stumm auf ihren Sohn, der für sie sprechen soll (Q 19:27b-29). Auch die koranische Maria ist also stark auf Christus hin gedacht. Mit ihrem Verweis auf Jesu werde sie jedoch selbst zum Zeichen Gottes oder, wie von Stosch mit den Worten Tataris sagt: «Maria wird zur Gottes-Wort-Gebärerin.»
Frauen-Power über zwei Generationen
Auch die Mutter Marias – nach christlicher Überlieferung: Anna – bekommt im Koran eigenen Raum. Sie bittet für ihre Tochter und deren Nachkommen um besonderen Schutz vor dem Satan. Gott gewährt Maria diesen Schutz. «Die für die christliche Tradition so wichtige Sündlosigkeit Mariens und Jesu wird bejaht, und zwar anlässlich des Fürbittgebets von Jesu Grossmutter. Marias Mutter hat religiöse Macht. Hier zeigt sich Frauen-Power in besonderer Weise», sagt von Stosch. Zugleich bestätige der Koran die traditionelle Überlieferung von Maria – ihre Jungfräulichkeit, ihre Ergebenheit Gott gegenüber und ihren Verweis auf Jesus.
Maria als Kriegsgöttin
Im Jahr 626 entstand die Idee von Maria als Schutzmacht im Krieg. Damals verteidigte der oströmische Kaiser Herakleios Konstantinopel, das heutige Istanbul, erfolgreich gegen die einfallenden Perser und Awaren. Weil er zuvor Maria um Hilfe angerufen hatte, verbreitete die christliche Propaganda nach dem Sieg, die Gottesmutter allein habe die Schlacht entschieden. «Es galt: Wer Maria auf seiner Seite hat, der ist unbesiegbar», so von Stosch.
Den Schutz Marias als angebliche «Kriegsgöttin» nehmen sowohl Angegriffene als auch Angreifende bis heute in Anspruch. Dies zeigten zuletzt Aussagen des griechisch-katholischen Patriarchen Sviatoslav von Kiew, aber auch des russisch-orthodoxen Patriarchen Kyrill, die sich mit Bezug auf den Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine beide auf Maria beriefen.
Die fünfte Sure des Korans ist in den Jahren 630/31, also kurz nach der Belagerung Konstantinopels entstanden. Sie richtet sich ausdrücklich gegen eine politische Inanspruchnahme Marias (Q 5:17).
Zu diesem zweiten passt von Stoschs dritter Punkt: Maria werde im Koran keineswegs als unverwundbar, sondern gerade als verletzlich dargestellt. Auch dies zeigt sich in der koranischen Weihnachtsgeschichte. Ganz anders als in der Bibel bekommt Maria Jesus laut Koran alleine in der Wüste, von ihrer ganzen Familie angegriffen und verlassen wegen ihres unehelichen Kindes.
Nach der Geburt zieht sie sich zurück und möchte sterben (Q 19:23). Hier zeigt sich laut von Stosch die Verzweiflung und Verletzlichkeit einer schmerzensreichen Maria, die in der christlichen Interpretation zwar auch Platz finde, bei den Kirchenvätern und in der christlichen Propaganda von Byzanz aber überhaupt nicht vorkomme. Der Prophet Muhammad hat in seiner für ihn ebenfalls schwierigen ersten Zeit in Mekka aber offenbar stark an genau dieser Maria orientiert und in ihr Trost gefunden, betont von Stosch.
Aufforderung zu verbindendem Denken
Die drei von ihm genannten Punkte zu Maria im Koran bedeuten laut von Stosch eine Herausforderung für Christ:innen wie für Muslim:innen. Für die christliche Seite sei einerseits bedeutsam, dass der Koran in seiner Erzählung von Maria Christen- und Judentum miteinander verbinde. Andererseits vereine der Koran auch verschiedene innerchristliche Marienbilder: Das Bild der kritischen, mit sich und dem Glauben ringenden Frau, aber auch das der gehorsamen, sich Gott ganz hingebenden Maria. So würden Christ:innen dazu aufgefordert, weniger polarisierend, sondern vielmehr verbindend zu denken.
Schliesslich bedeute die Darstellung Marias im Koran ein Umdenken auch für Muslim:innen: «Mit seiner Absage an Maria als Schutzmacht im Krieg erteilt der Koran jeder politischen Theologie eine Absage, die Heiliges zu Kriegszwecken missbraucht», sagt von Stosch. Das gelte auch für die muslimische Theologie selbst – eine Erkenntnis, die innerhalb des Islams ebenso Anstoss für Erneuerung sein könnte.
Klaus von Stosch lehrt in Bonn (DE) systematische Theologie. Muna Tatari ist Professorin für Islamische Theologie in Paderborn (DE). Gemeinsam veröffentlichten sie das Buch «Prophetin – Jungfrau – Mutter. Maria im Koran» (Herder-Verlag 2021, 432 Seiten).