Wie wir unsere Körper in der Öffentlichkeit präsentieren, folgt keinem zeitlosen Gesetz, sondern ist kulturell geprägt. So wie uns etwa die aufwendige Verhüllung bürgerlicher Damen des 19. Jahrhunderts überzogen erscheint, so hätten die Menschen von damals wohl unsere heutige Körperpräsentation als schamlos und liederlich bewertet.
Wandel geschieht schnell: Tätowierungen, vor vierzig Jahren in der Mittelschicht kaum denkbar, sind heute fast selbstverständlich.
Der lange Schatten christlicher Leibfeindlichkeit
Der Einfluss der Religion auf unser Körperverständnis wird unterschätzt. Das Christentum hat über Jahrhunderte geprägt, wie Menschen ihren Körper sehen und bewerten. Dabei entstanden problematische Tendenzen, die bis heute nachwirken. Besonders ist die sogenannte «Leibfeindlichkeit» zu nennen: Lange galt der Geist oder die Seele als das eigentlich Göttliche im Menschen, während der Körper als minderwertige, triebhafte Hülle angesehen wurde, die den Geist eher behindert als unterstützt.
Diese Sicht ist historisch erklärbar. Frühe Theolog:innen versuchten, den christlichen Glauben gegenüber gebildeten Menschen des Römischen Reiches zu verteidigen, indem sie ihn mit griechischer Philosophie verbanden.
Besonders prägend war Platons Vorstellung, dass die unsterbliche Seele das eigentliche Wesen des Menschen ist, während der Körper als ihr «Gefängnis» gilt. Diese Idee floss in die christliche Theologie ein und verstärkte die Abwertung des Körpers. Theologen wie Augustinus vertieften diese Perspektive weiter, etwa durch die Erbsündenlehre.
Körperliche Aspekte wie Sexualität wurden zunehmend negativ bewertet und häufig Frauen zugeschrieben, während geistige Bereiche mit Männern verbunden wurden. Das trug zu tiefgreifenden Ungleichheiten bei: Frauen galten oft als moralisch und körperlich minderwertig – ein Denken, dessen Spuren sich bis heute finden lassen.
Auch kirchliche Praktiken spiegeln diese Haltung. In der Beichte wurden körperliche Triebe detailliert kontrolliert und als potenziell sündhaft bewertet. Gleichzeitig entstand das Ideal des zölibatären Priesters als Symbol besonderer Reinheit, was zu einer starken Überhöhung geistlicher Autorität führte und ebenfalls problematische Folgen hatte.
Der Körper als Ausdruck der eigenen Identität
Ein Blick in die Bibel zeigt jedoch, dass dieses einseitige theologische Verständnis eine Fehlentwicklung war. In ihr überwiegt ein ganzheitliches Menschenbild: Körper und Geist gehören untrennbar zusammen.
Im Buch Genesis wird der Mensch als Einheit aus von Gott geformtem Leib und göttlichem Lebensatem beschrieben. Auch Jesus begegnet Menschen leiblich – durch Berührung, Heilung und konkrete Zuwendung.
Erlösung wird biblisch nie nicht nur geistig gedacht, sondern als umfassende, leibliche Erfahrung verstanden. Daraus lässt sich für heute eine positive Perspektive gewinnen: Der menschliche Körper kann als Geschenk verstanden werden, als Ausdruck der eigenen Identität in all seiner Vielfalt. Er ist nicht Makel, sondern Grundlage von Beziehung, Wahrnehmung und Nähe – zu anderen Menschen und zu Gott.
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