Artikel

Warten bedeute, den Geist leer und offen zu machen für das, was komme, schreibt Simone Weil. Foto: Unsplash

Können wir noch warten?

Die Adventszeit gilt als Zeit des Wartens. Aber kaum jemand wartet gerne. Auf der Spur einer Praxis, die manchmal nervt, und einer Haltung, die Weihnachten näherbringt.


Dass Menschen nicht gerne warten, ist eine alte Erkenntnis. Schon Kindern fällt das Warten schwer. Daran erinnern wir uns selbst, und auch wissenschaftliche Tests bestätigen das. Das bekannteste Experiment machte der US-amerikanische Psychologe Walter Mischel Ende der 1960er-Jahre in Stanford: Er  bot kleinen Kindern ein Marshmallow an, das sie sofort essen durften. Oder sie warteten eine Viertelstunde, ohne die Süssigkeit anzurühren, dann erhielten sie eine zweite dazu. Die meisten Kinder entschieden sich nach wenigen Minuten für den geringeren, aber schnelleren Genuss.

«Wir Menschen sind mit unserer psychologischen Grundausstattung keine guten Warter», kommentierte der Konstanzer Soziologe Andreas Göttlich dieses Experiment vor einigen Jahren im Interview mit dem «Bund». «Wir müssen das Warten erst erlernen. Es ist eine Art Kulturtechnik. Schliesslich ist es Teil unserer Sozialisation, dass wir auf Dinge warten müssen.»

«Die Hälfte seines Lebens wartet man vergebens»

 Wir warten an der Ampel, bei der Ärztin oder an der Supermarktkasse. «Die Hälfte seines Lebens wartet man vergebens», «Abwarten und Tee trinken», «Warten auf den Sankt-Nimmerleins-Tag» – viele Sprichwörter thematisieren das Warten, die meisten tun es in negativer Weise.

Die in unserem Alltag fest verankerte Praxis des Wartens kann nerven. Das gilt laut Göttlich besonders, wenn sich das Warten mit besserer Planung hätte vermeiden lassen. Weniger unangenehm warte es sich, wenn man ungefähr abschätzen könne, wie lange man warten müsse, und wenn man sich sicher sei, dass man nicht vergebens warte. Schliesslich warteten wohl alle Menschen weniger gerne auf negative Ereignisse als auf Dinge, die sie mit Vorfreude erwarten könnten.

«Adventus Domini» bedeutet «Ankunft des Herrn»

 Weihnachten ist zweifellos eines dieser mit Vorfreude verbundenen Dinge. Wenngleich das Fest für viele Menschen auch Stress bedeutet und einige diesem mit gemischten Gefühlen entgegensehen, gilt es allgemein als etwas Schönes. Und auch die Wochen, die dem Fest vorausgehen, sind für die meisten Menschen eine Zeit des freudigen Vorbereitens.

Umso mehr gilt dies für Christ:innen, die an Weihnachten feiern, dass Gott Mensch geworden ist. In den Wochen davor, während des Advents, bereiten sie sich auf das Kommen Gottes vor. Das Wort «Advent» ist als Lehnwort dem Lateinischen entnommen. «Adventus Domini» bedeutet auf Deutsch «Ankunft des Herrn». Schon seit dem vierten Jahrhundert gibt es den Advent als eigens geprägte liturgische Zeit. Die Länge der Adventszeit änderte sich im Laufe der Zeit aber mehrfach. Erst im 16. Jahrhundert machte Papst Pius V. die vier Adventssonntage verbindlich.

 


Die Adventszeit war früher Fastenzeit

 Früher war die Adventszeit auch Fastenzeit, das Motiv der Umkehr und Busse wurde besonders betont. Denn die Adventszeit lenkt den Blick nicht nur auf die Geburt Jesu, sondern auch auf das von den Christ:innen erwartete Wiederkommen des auferstandenen Jesu Christi als Richter und Retter. In der heutigen Liturgie der Adventssonntage und in Kirchenliedern wie «Wachet auf» oder «Macht hoch die Tür» ist der Gedanke der Ankunft Gottes am Ende der Zeiten weiterhin sichtbar.

Seit der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils (1963–1965) steht die Vorbereitung auf die Geburt Jesu, die Menschwerdung Gottes, während der Adventszeit aber im Vordergrund. Der Advent ist institutionalisierte Wartezeit. Feste Rituale und Bräuche haben sich etabliert, am bekanntesten unter ihnen ist der Adventskranz. Er kommt ursprünglich aus dem häuslichen protestantischen Umfeld. Ab 1930 fand er weitere Verbreitung, und seit Ende des Zweiten Weltkriegs findet man ihn auch in katholischen Kirchen.

Die verlernte Kunst des Wartens

  Zu warten passe nicht zu unserem Selbstbild vom modernen, selbstbestimmten Menschen, sagt der Soziologe Göttlich. Und tatsächlich ist das Warten wohl selbst für Christ:innen nicht das Erste, das sie mit dem Advent verbinden. Die Adventszeit ist stark säkularisiert. Guetzli, Glühwein, Weihnachtsmärkte, alles steht schon lange vor dem Fest zum Konsum bereit. Geschenke aus Adventskalendern versüssen die Zeit bis Weihnachten so sehr, dass sich das Gefühl des zähen Wartens höchstens noch bei Kindern einstellt. 

Einer, der die «verlernte Kunst» des Wartens im Alltag wieder stark machen will, ist der Frankfurter Journalist und Autor Timo Reuter. In seinem vor einigen Jahren erschienenen Buch «Warten» plädiert er dafür, Wartezeiten nicht als verlorene Zeiten zu sehen. 

Es sei absurd: Die Sehnsucht nach Langsamkeit und Innehalten werde immer grösser. Wenn sich aber genau dazu beim Warten die Gelegenheit ergebe, versuchten wir, schnell Dinge auf dem Smartphone zu erledigen, um die Wartezeit zu «nutzen». Reuter will Wartezeiten dagegen als ein «Tor zur Musse» sehen, als Gelegenheit, mit anderen Menschen ins Gespräch oder auf neue Gedanken zu kommen. 

Wer aufmerksam sein will, muss warten können 

Die Offenheit, die das Warten mit sich bringen sollte, betont auch die französische Philosophin Simone Weil. In einem Aufsatz von 1942 schreibt sie über den Zusammenhang von Warten und Aufmerksamkeit. Aufmerksamkeit, «attention», ist ihr zufolge die Grundlage für die Gottes- und Nächstenliebe. Für die Aufmerksamkeit brauche es das Warten, «attente». 

Bei diesem gehe es darum, das Denken auszusetzen und den Geist leer und offen zu machen für das, was komme. Dabei wisse er nicht, worauf er warte. Es sei nichts Bestimmtes, nichts, was er kenne oder was seinen Vorstellungen entspreche. «Die kostbarsten Güter soll man nicht suchen, sondern erwarten», schreibt Weil. 

Wartezeit als heilige Zeit 

Für Christ:innen ist Wartezeit als Zeit der Hoffnung und Erwartung auch eine heilige Zeit. In der Bibel finden sich viele Stellen, die das Warten als etwas betonen, das sich auszahlt. «Er wird im Warten Früchte tragen», heisst es im Lukas-Evangelium, und im Sprüche-Buch ist zu lesen, das Warten der Gerechten werde Freude bringen. Wie können Christ:innen heute im Advent wieder ins Warten kommen? Vielleicht, indem sie sich erst einmal wieder bewusst machen, dass der Advent eine Wartezeit ist. Und dass Warten nicht etwas Nerviges sein muss, das es zu vermeiden gilt, sondern dass gerade im Warten Chancen liegen. Schliesslich wissen Christ:innen, worauf sie warten.