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Das Herz von Kurt Meier hängt an der Begleitung des alltäglichen Sonntagsgottesdienstes. Foto: zVg

Kirchenmusik als lebendige Verkündigung

Ein Leben lang war Kurt Meier im Dienst der Kirchenmusik unterwegs. Auch nach seiner Pensionierung ist für ihn lange noch nicht Schluss.


Christian Geltinger, Verantwortlicher Kommunikation im Pastoralraum Bern und Umgebung

Das waren noch Zeiten, als der einfache Dorfschullehrer ganz selbstverständlich jeden Sonntag seinen Dienst an der Königin der Instrumente versah, während er unter der Woche seinen Zöglingen Lesen und Schreiben beibrachte. «Damals gehörte zur Lehrerausbildung das Erlernen eines Instruments einfach dazu», so Kurt Meier, dessen Vater in einem kleinen Dorf im Fricktal als Lehrer und Organist tätig war. Vom vielfach beschworenen Fachkräftemangel war man vor einem halben Jahrhundert noch weitgehend verschont. Auch im Selbstverständnis der Kirchenmusik hat sich seitdem einiges verändert.

Keine Garnitur, sondern Mittel der Verkündigung

«Die Kirchenmusik hat mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil eine deutliche Aufwertung erfahren», so Kurt Meier. Bis dahin war die Musik im Rahmen der Liturgie gewissermassen eine Art Lückenfüller, solange der vom restlichen Kirchenvolk abgeschottete Priester mit dem traditionellen Ritus am Altar nicht fertig war. Mit dem Zweiten Vatikanum war Musik nicht mehr nur Garnitur, sondern stand nun selbst im Dienst der Verkündigung. Gleichzeitig hat sich das Repertoire deutlich erweitert, etwa um die Evangelienmotetten von Vulpius, Franck und Schütz über Mendelssohn bis hin zu Brunner, mit denen man jetzt auf die jeweiligen Tagestexte Bezug nehmen kann, aber auch um das Neue Geistliche Lied oder die Musik aus anderen Kulturen wie die Gospelmusik.

Sensibilität für die Dramaturgie des Gottesdienstes

Umgekehrt wurden die grossen Orchestermessen von Haydn und Mozart, die heute noch gerne musiziert und gehört werden und für die auch die Dreifaltigkeit weit über ihre Pfarreigrenzen hinaus bekannt ist, genau auf den traditionellen Rhythmus abgestimmt, sodass hinsichtlich der Aufführungspraxis dieser Werke neue Wege gefunden werden mussten. «Früher ging es während des ‹Sanctus› oder des ‹Angus Dei› am Altar einfach weiter. Wenn wir heute eine komplette Orchestermesse aufführen, kann die Liturgie zum Stehen kommen, und es besteht die Gefahr, dass sich das Ganze enorm in die Länge zieht. Hier muss man sehr behutsam mit der liturgischen Dramaturgie umgehen, damit der Gottesdienst nicht zum Konzert wird.»

Stilistische Vielfalt statt Purismus

Denn eines ist für Kurt Meier unbestritten: Die Musik steht im Gottesdienst im Dienst der Litur­gie, ist aber spätestens seit dem Vatikanum eine gleichberechtigte Ausdrucksform. Wir leben in einer Zeit der Vielfalt – einer Zeit des «anything goes», solange die einzelnen Teile gut aufeinander abgestimmt sind. Teilhabe und Verkündigung seien wichtiger als kirchenmusikalischer Purismus. «Und wenn ‹anything goes›, ist doch auf das Wie zu achten: Stilistische Kriterien sind so wichtig wie litur­gische.» Aber bei den vielen Gottesdiensten während des Jahres (grad an der Dreif) sei es spielend und ohne zu konkurrenzieren möglich, die Liturgie einmal mit einer Orchestermesse, einmal (und wieder vermehrt) mit Neuem Geistlichem Lied / «Rise up» zu gestalten; in den Bilingue-Gottesdiensten an Festtagen singen problemlos Dreifchor, Chœur St-Grégoire, Chœur africain und Kinderchor mit der Gemeinde zusammen.

Die Zeichen der Zeit im Blick

Gerade was den Gesang anbelangt, ist allgemein zu beobachten, dass sich immer weniger Menschen kontinuierlich an einen Chor binden wollen. «Konzertchöre haben es da teilweise etwas einfacher, weil sie für ein konkretes Projekt im Jahr proben, während die Mitgliedschaft in einem Kirchenchor voraussetzt, dass man auch an den grossen Festen wie Weihnachten, Ostern oder Pfingsten präsent ist», so Meier. Die Dreifaltigkeit plant, künftig neben dem bisherigen Dreifchor und dem professionellen Vokalensemble auf einzelne Projekte zu setzen, für die punktuell zu drei bis vier Proben eingeladen wird, ohne irgendeine dauerhafte Verpflichtung. Hier blickt die Dreifaltigkeit durchaus selbstbewusst und entschlossen in die Zukunft.

Gottesdienstbegleitung als Herzensangelegenheit

Kurt Meier dirigierte auch Konzertchöre, unter anderem seinerzeit den Singkreis Ittigen, leitet hie und da seit 1989 stellvertretend die Berner Kantorei in den Münstervespern und wurde mit der Dreif-Choralschola bereits zur Mithilfe in zahlreichen Konzerten im In- und Ausland eingeladen. Sein Herz hängt aber an der Begleitung des alltäglichen Sonntagsgottesdienst: «Am schönsten ist es für mich, eingebunden zu sein in die Liturgie, in die Verkündigung.» Möglicherweise spiegeln sich darin die ­Anfänge seiner Lebensentscheidungen wider: Er wollte ursprünglich Lehrer werden und war für fast ein Jahr als Kandidat im Benediktinerkloster Maria­stein. Nachdem ihm klar geworden war, dass er die Gelübde nicht halten konnte und wollte, begann er mit dem Kirchenmusikstudium, erst an der Akademie für Schul- und katholische Kirchenmusik Luzern, und fuhr dann am Institut für reformierte Kirchenmusik in Zürich weiter.

Sonntag auch mal frei

Vor allem Geschichte und Literatur hat es Kurt Meier angetan. Das wird auch weiterhin neben dem Kochen für gute Freund:innen ein Steckenpferd bleiben, wenn er in Zukunft ein wenig kürzertreten wird. «Ich freue mich vor allen Dingen, befreundete Personen besuchen zu können, wann ich will, und nicht mehr so sehr Rücksicht nehmen zu müssen auf Sonn- und Fest­tage.» Der Kirchenmusik bleibt er aber auf jeden Fall treu und freut sich auch auf regelmässiges, vertieftes Orgelüben, das bisher oft zu kurz kam. Für das Training der Finger hat Meier schon seit Langem ein Betätigungsfeld nebst den Tasten: Er hat auch eine Ausbildung in klassischer Ganzkörpermassage bis zum Gesundheitsmasseur-Diplom absolviert – ein wunderbarer Ausgleich, um die Gedanken einmal hinter sich zu lassen.