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Karfreitag als Dauerzustand

Aki-Kolumne von Geneva Moser

Wie jedes Jahr tue ich mich schwer mit dem Karfreitag. Nicht weil er eben schmerzhaft ist. Eher weil wir ihn immer schon mit Blick auf Ostern feiern: Das Osterfeuer, das Exsultet, der weggerollte Stein und der fröhliche, üppige Brunch mit Ostereiern und Schokohasen – sie kommen bestimmt. Der bewusst auf die Kriege dieser Welt, die himmelschreienden Ungerechtigkeiten und Demütigungen, die Völkerrechtsbrüche und Ausbeutungsstrukturen, auf Hunger und ­Armut und auch auf das persönliche Leid gerichtete Blick, lässt sich besser aushalten, wenn klar ist: Am Sonntag früh feiern wir die frohe Botschaft. Allzu schnell geht mir das jeweils, mit dem Karfreitag und der Erinnerung. Dann ist schon wieder Samstag und wir schmücken und backen und kochen für das Fest.

Aber was bedeutete der Tod Jesu für seine Freund:innen? Was war mit ihren Hoffnungen? Was bedeutet das Zerreissen des Tempelvorhangs, in jenen ersten, bitteren Stunden, als noch niemand wusste, dass es eine Auferstehung geben wird? Und ist nicht für so viele Menschen dieser Erde, auch direkt neben mir und um mich herum, der Karfreitag eher ein Dauer­zustand als ein Pünktchen auf dem Zeitstrahl des Kirchenjahres? Eine Lebensrealität – sei es durch einen Bürgerkrieg wie im Sudan, durch ein despotisches Regierungsregime, oder durch eine Diagnose, durch Einsamkeit. Ihr Ende ist nicht in Sicht. Karfreitag ist das Ende ohne Ende.

Natürlich können wir das Wissen um die Auferstehung nicht ausblenden und wir feiern die Kar- und Ostertage ja in erster Linie als Momente der Erinnerung. Sie machen etwas präsent, was im Alltag vielleicht nicht mehr so bewusst ist. Aber Liturgie ist eben mehr: Sie antwortet auf ­einen göttlichen Ruf. Und sie soll voll sein mit unser aller Leben. Wenn der Tempelvorhang am Karfreitag reisst, wird die Wohnung Gottes für alle Menschen zugänglich. Gottes Gegenwart ist nicht mehr an den Tempel gebunden. Liturgie ist Gespräch. Für mich gehört in dieses Gespräch auch die trotzige Nichtakzeptanz all dieser Gewalt von Menschen gegen Menschen und gegen die Natur. Und der bittere Protest gegen diesen Karfreitag als Dauerzustand. Dieses Gespräch ist nicht einfach. Es konfrontiert Gott. Und es konfrontiert auch mich. Es klagt an. Verschiebt Verantwortlichkeit und Grenzziehungen. Es nimmt mich hinein in den Karfreitag anderer Menschen. 

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