Wenn Sandra Luginbühl-Winkler von ihrer Arbeit als Doula (siehe Infobox) erzählt, fällt ein Wort immer wieder: Herzensaufgabe. Dass die 54-Jährige diese gefunden hat, verdankt sie nicht zuletzt einer Krise. «Vor fünf Jahren fiel ich in ein Burnout. Ich begann, meine Werte zu hinterfragen und suchte nach einer Richtung. Mein Sohn war erwachsen geworden, und ich spürte: Neben meiner Arbeit als Kauffrau brauche ich wieder etwas, das mein Herz erfüllt.»
Die Inspiration kam unerwartet – durch eine amerikanische Fernsehserie. Dort stiess sie erstmals auf Doulas: Frauen, die werdende Eltern vor, während und nach der Geburt begleiten. «Ich wusste sofort: Das ist es.» Im Juni 2023 schloss sie die neunmonatige Ausbildung zur Doula ab und begleitet seither Geburten im Raum Thun, Bern und Berner Oberland. Dies bewusst in kleinem Rahmen, ein bis drei Familien pro Jahr, «damit es exklusiv bleibt, für sie und für mich».
Wiederaufnahme einer alten Tradition
Was in der westlichen Gesellschaft heute wiederentdeckt wird, hat eine lange Geschichte. Früher wurden Geburten auch hier von Frauen aus der Familie oder Dorfgemeinschaft begleitet. Mit zunehmender Medikalisierung verlagerte sich das Geschehen ins Spital und «vermehrt in ärztliche Männerhände», sagt Luginbühl-Winkler. Damit ging vielerorts auch das traditionelle weibliche Wissen um Geburtshilfe verloren. Heute findet ein Umdenken statt. «Gebären ist mehr als ein medizinischer Vorgang», hält Luginbühl-Winkler fest.
«Die Sicherheit im Spital ist gut. Doch eine Geburt folgt keinem Protokoll, sondern ist ein Prozess, der jedes Mal anders verläuft.» Hier kommt die Doula ins Spiel. Sie übernimmt keine medizinische Verantwortung, sondern ist ganz für die Frau und das Paar da – emotional, körperlich und menschlich. «Ich bin eine Freundin auf Zeit», sagt die Doula. Eine, die da ist, wenn andere wegmüssen. Eine, die beruhigt, stärkt, vermittelt und medizinischen Jargon übersetzt.
Vertrauen als Grundlage
Geburtsbegleitung beginnt schon während der Schwangerschaft. In Gesprächen lernen sich werdende Eltern und Doula kennen. Es geht um Vorstellungen, Wünsche, Ängste und Fragen wie: Wo möchte ich gebären? Was hilft mir, mich zu entspannen? Welche Rolle soll mein Partner einnehmen? «Dabei ist gegenseitige Sympathie entscheidend», sagt LuginbühlWinkler. Passt es, kommt es zu einem Vertrag.
Wenn nicht, begleite sie nicht, denn «Vertrauen ist die Grundlage für alles, was folgt». Jeweils zwei Wochen vor und nach dem Geburtstermin ist sie als Doula rund um die Uhr erreichbar. Wenn die Geburt losgeht, kommt sie nach Hause oder ins Spital und bleibt, solange es sie braucht. «Ich halte den Raum und schaue: Was braucht diese Frau jetzt? Wärme oder Kälte? Ruhe oder Berührung?»
Sie zeigt Atemtechniken, schlägt Massagen vor, spricht beruhigend zu und bleibt präsent – auch, wenn die Hebamme nicht im Raum ist. «Für manche Frauen ist das entscheidend. Allein zu sein, kann Angst auslösen.» Das führe zu Anspannung, was wiederum den Schmerz verstärke.
Sprachrohr im Spital
Geburten sind körperlich und seelisch intensiv. Als Doula sei es nicht ihre Aufgabe, einen bestimmten Weg vorzugeben, sagt Luginbühl-Winkler. Ob natürliche Geburt oder Kaiserschnitt, ob mit oder ohne Schmerzmittel, entscheidend sei, dass es für die Frau stimme. «Ich bewerte nicht und bin für jeden Plan da.» Dabei gehe es auch um sehr persönliche Themen. Erfahrungen, Grenzen, Wünsche nach Nähe oder Distanz – all das finde Raum. «Manche Frauen möchten berührt oder gehalten werden, andere nicht. Das klären wir vorher.»
Letzten Juli hat Andrea Hänni ihre Tochter Yana zur Welt gebracht. Luginbühl-Winklers geburtsvorbereitende Hypnose fand sie sehr entspannend und wohltuend. Die Doula habe dem Paar mit ihrer «guten Art» vermittelt, «dass wir das zu dritt packen». Vor der Geburt thematisierten sie, dass sie bei einer Komplikation oder Notsituation im Spital die Meinung der werdenden Eltern vertreten würde.
Im Geburtszimmer massierte Luginbühl-Winkler der Gebärenden die Füsse und gab auch ihrem Partner Sicherheit. Die Geburt verlief dann sehr schnell. «Dabei hätte Sandra sicher noch manchen Trick auf Lager gehabt», meint Andrea Hänni. «Sie war immer parat für uns, und das Preis-Leistungs-Verhältnis war top.»
Nähe auf Zeit
Nach der Geburt bleibt die Doula, bis sich alles eingespielt hat. Rund sechs Wochen später folgen ein bis zwei Gespräche zu Fragen und Gefühlen um das Erlebte. Die Frauen schauen dann anders auf die Geburt, und es kommen Themen wie Stillen, Elternrolle, Unterstützung aus dem Umfeld oder psychische Probleme auf. «Ich war Zeugin dieser Geburt», sagt Luginbühl-Winkler. «Gemeinsam können wir sie einordnen und verarbeiten. Für mich heisst das, gut hinzuschauen und weiterführende Kontakte zu vermitteln.»
So intensiv die Begleitung ist, so bewusst ist auch ihr Ende. «Das Loslassen fällt manchmal schwer», gibt die Doula zu. Doch die neue Familie soll ihren eigenen Weg gehen. «Ich bleibe nicht, aber wir behalten uns gegenseitig im Herzen.» So notiert sie sich alle Geburtstage «ihrer» Kinder und gratuliert ihnen jeweils mit einem Kärtchen.
Jenseits von Worten
Wer Sandra Luginbühl-Winkler zuhört, spürt: Für sie ist jede Geburt mehr als ein Ereignis. «Es ist etwas Heiliges – ein magischer, spiritueller Moment.» Ob gläubig oder nicht, die meisten Eltern spürten in diesem Augenblick etwas, das sich kaum beschreiben lasse. «Da ist eine ganz besondere Stimmung im Raum, und dieses neue Wesen ist da.
Man merkt, dass es von woanders kommt und noch nah an dieser anderen Welt ist.» Staunen und Dankbarkeit beobachte sie dann bei jeder Familie. Das sei stets überwältigend. Zu einer guten Doula gehören für Luginbühl-Winkler Empathie, Präsenz und «die Fähigkeit, sich selbst zurückzunehmen». Es gehe darum, Raum zu geben, nicht, ihn zu füllen. Dementsprechend ist ihre Arbeit für sie «nicht ein Job, sondern eine Herzensangelegenheit». – Und ein kraftvoller Dienst am Leben selbst.
Was machen Doulas?
Eine Doula (griech. «Dienerin der Frau») begleitet werdende Eltern vor, während und nach der Geburt emotional und praktisch, ergänzend zur Hebamme und ohne medizinische Aufgaben. Sie bietet eine kontinuierliche Eins-zu-eins-Betreuung und stärkt das Vertrauen und die Selbstbestimmung der Frau. Die Kosten zwischen 900 und 2000 Franken werden meist privat bezahlt, wobei einzelne Zusatzversicherungen Beiträge leisten.