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Der Religionssoziologie Detlef Pollack sieht die Zukunft von Religiosität und Spiritualität pessimistisch. Foto: zVg

Detlef Pollack: «Immer weniger Menschen verstehen sich als religiös oder spirituell»

Die wachsenden Herausforderungen in Beruf, Familie und Freizeit, aber auch die sozialen Medien ziehen die Aufmerksamkeit von Religion, Kirche und Glaube ab.

Interview: Aurel Jörg*


«pfarrblatt»: Die Landeskirchen verlieren Mitglieder, trotzdem galt lange: ‹Die Zahl der Kirchenaustritte sagt nichts über die Gläubigkeit der Bevölkerung aus, Spiritualität wird in einer modernen Gesellschaft viel individueller ausgelebt.› Trifft dies noch zu?

Detlef Pollack: Die Menschen treten nicht nur aus der Kirche aus, weil sie sie unglaubwürdig finden oder auf andere Weise mit ihr unzufrieden sind – sondern auch deshalb, weil ihnen der Glaube, Spiritualität und Religiosität nichts mehr sagen. Und trotzdem muss der Kirchenaustritt muss nicht gleichbedeutend sein mit einem Mangel an Spiritualität oder Frömmigkeit. Bei den meisten ist aber eben genau das der Fall.

Genau dies zeigen Ihre Studien: In fast allen Ländern nimmt Religiosität ab, auch in traditionell religiösen Gesellschaften wie etwa Italien oder Polen. Gibt es Ausnahmen?

Pollack: In einigen Ländern Ost- und Ostmitteleuropas verbündet sich religiöse Zugehörigkeit mit nationaler Identität. In Russland zum Beispiel sagt eine Mehrheit von etwa 70 Prozent, ein guter Russe, eine gute Russin sei orthodox. Es ist diese Allianz von Religion und Nationalismus, die in Russland, aber auch in Ländern wie Georgien, Serbien, Rumänien oder Bulgarien zum Aufschwung der Religiosität beiträgt.

Warum ist das so?

Pollack: Oft geht die religiöse Aufladung des Nationalbewusstseins mit Gefühlen der kulturellen Überlegenheit zusammen. Und in Ländern wie Russland mischen sich diese Überlegenheitsansprüche mit starken Gefühlen der nationalen Kränkung. Religiöse Ideen können da politische Ambitionen durch Gut-Böse-Zurechnungen legitimieren, ja, geradezu befeuern.

Aber auch in den USA sieht man den grossen politischen Einfluss der Evangelikalen – wenn die Moderaten verlieren und die Extremen gewinnen, dann hat das auch politische Auswirkungen.

Pollack: Genau, in den USA können wir das gut beobachten. Die Evangelikalen verfolgen mit ihrer fundamentalistischen Frömmigkeit nicht nur religiöse, sondern auch politische, sexualethische und nationalistische Interessen. Damit halten sie die Zahl ihrer Anhänger:innen einigermassen stabil. Gerade diese Vermischung von Politik und Religion stösst aber auch viele Amerikaner:innen  ab, vor allem die, die ein eher moderates und liberales Religionsverständnis haben. 
In den USA haben die evangelikalen Gemeinschaften ihren Mitgliederbestand in etwa bewahren können – und zugleich ist der Anteil derer, die sagen, sie hätten keine Religion, in den letzten drei Jahrzehnten dramatisch angestiegen: von sieben auf etwa 30 Prozent.

Haben Menschen keine Zeit mehr für Religion oder fehlt ihnen vielmehr der Sinn dafür?

Pollack: Die Herausforderungen in Beruf, Familie und Freizeit sind in den westlichen Gesellschaften gestiegen. Denken wir nur einmal daran, wie viel Zeit die Menschen mit sozialen Medien, mit ihrem Smartphone oder im Internet verbringen. Das zieht die Aufmerksamkeit und die emotionale Energie von anderen Dingen, etwa auch von der Religion, ab.

Was ist denn mit all den Alternativangeboten, die wir überall beobachten können, vom Achtsamkeitskurs über die Yogastunde hin zu Ayahuasca-Retreats?

Pollack: Da versucht man dann wieder aufzutanken und sich zurückzuholen, was man andernorts an Kraft investiert hat. Diese Formen einer alternativen Religiosität erfreuen sich ja ziemlicher Beliebtheit, wecken aber auch manchmal bloss Neugier und Interesse.

Ist dies auch eine Generationenfrage?

Pollack: Im Grossen und Ganzen kann man sagen, dass vor allem die mittleren Jahrgänge in den alternativen Meditations-, Spiritualitäts- und Energiekursen involviert sind. Die Teilnahme an solchen Kursen kostet ja auch einiges. Man muss also finanziell einigermassen gut ausgestattet sein, um sie sich leisten zu können.

Religion verschwindet also nicht einfach, sondern sie verschiebt sich. Ist abzusehen, wie sich dieses Feld weiterentwickelt?

Pollack: Sie verschwindet nicht, aber sie transformiert sich auch nicht einfach nur. Ihre gesellschaftliche Bedeutung geht zurück und gleichzeitig verflüssigen und individualisieren sich ihre dominanten Formen, was zusätzlich zu ihrem Bedeutungsrückgang beiträgt. Ich sehe keine Anzeichen für eine religiöse Gegenbewegung. Wahrscheinlich setzen sich die beobachteten Prozesse in Zukunft fort mit der Tendenz, sich zu beschleunigen. Je geringer die Zahl der Menschen, die sich religiös engagieren, desto weniger fühlen sich andere Menschen motiviert, sich zu engagieren. Die Abwärtsbewegungen verstärken sich gegenseitig.

Und trotzdem zeigt die schreckliche Brandkatastrophe in Crans Montana: In der Not suchen Menschen den Raum der Kirche zum Trauern und um sich in Gottesdiensten zu versammeln – warum?

Pollack: Im Christentum ist das Bewusstsein aufbewahrt, dass der Mensch sein Leben nicht vollständig in der Hand hat, dass er des Vertrauens in eine höhere Macht bedarf. Letztlich dass seine Handlungsfähigkeit Grenzen hat. Im Augenblick der Trauer kommen die Menschen zusammen, um Trost zu finden, aber auch, um ihre Verbundenheit mit den Trauernden zu zeigen. Die Kirche ist dafür der richtige Ort, aus Traditionsgründen, aber auch, weil dort die Worte und Rituale zu finden sind, die den Menschen bestärken, ihn in dem Gefühl seiner Ohnmacht abholen und auf etwas Höheres, das ihn übersteigt, verweisen.


* Das Interview wurde schriftlich geführt

 

Detlef Pollack ist 1955 in Weimar geboren. Nach seinem Studium und der Promotion in Leipzig habilitierte er sich an der soziologischen Fakultät in Bielefeld. Er hatte Professuren in Leipzig, Frankfurt an der Oder, Münster und New York inne. Seit 2023 ist Detlef Pollack Seniorprofessor an der Universität Münster. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören neben der Religionssoziologie die politische Kultur im wiedervereinigten Deutschland und die Demokratisierung in Ostmitteleuropa.