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Glaube als Prozess: An Fronleichnam macht sich Kirche auf den Weg. Archivfoto: Pia Neuenschwander

Im Glauben voranschreiten

Fronleichnam wird mancherorts noch mit einer Prozession begangen. An vielen Orten ist der Feiertag dagegen aus dem Bewusstsein verschwunden. Was an dem Tag gefeiert wird, fordert heraus – im besten Sinne.


Angefangen hat alles im 13. Jahrhundert mit einer frommen Frau: Juliana von Lüttich beschreibt, wie sie in einer Vision eine Mondscheibe gesehen habe, an deren Rand sich ein dunkler Fleck befand. Sie deutete dieses Bild so, dass der Kirche ein Fest fehlte. An diesem Fest, das sie fortan propagierte, solle die Gabe der Eucharistie im Zentrum stehen. 

Das Anliegen von Juliana fiel auf fruchtbaren Boden. Denn die Eucharistiefrömmigkeit, insbesondere die Verehrung der Gegenwart Christi im eucharistischen Brot, war zu jener Zeit in der Bevölkerung bereits verbreitet. Bald schon wurde das Fest für die gesamte Kirche eingeführt und terminlich auf den Donnerstag nach dem Dreifaltigkeitssonntag gelegt. 

Der Name des Festes «Fronleichnam» leitet sich her aus den beiden mittelhochdeutschen Worten «vron» (dem Herrn gehörend) und «lichnam» (lebendiger Leib). Gefeiert wird also der lebendige (!) Leib des Herrn, oder in der Sprache des Glaubens, die bleibende Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie. Im Laufe der Zeit gaben Prozessionen dem Fest eine neue, erweiterte Form. Die konsekrierte (geweihte) Hostie wird dabei in einer Monstranz mitgetragen und den Gläubigen so sichtbar vor Augen geführt. Kunstvoll gefertigte Blumenteppiche am Wegrand prägen bis heute das Bild der Fronleichnamsprozessionen. 

Wie trage ich meinen Glauben nach aussen? 

In einer Gesellschaft, in der die Säkularisierung fortschreitet und Religion immer mehr zur Privatsache wird, löst der Glaube, wie er an Fronleichnam zur Schau gestellt wird, bisweilen Befremden aus. Mehr als andere kirchliche Feste fordert Fronleichnam zu der Frage heraus: Was ist mein Glaube? Und (wie) trage ich meine Glaubensüberzeugungen nach aussen? 

Gezeigt wird an Fronleichnam eine Hostie, banaler ausgedrückt ein Stück Brot. Sorgfältig eingelegt in ein oft prunkvolles Schaugefäss wird allerdings bereits durch diese «Verpackung» darauf hingewiesen, dass da mehr drinsteckt, als sich dem blossen Auge zeigt. Die Überzeugung, dass Jesus Christus gegenwärtig ist im eucharistischen Brot, beruft sich auf die Überlieferung vom letzten Mahl Jesu. Und sie setzt den österlichen Glauben voraus, dass Gott Jesus von den Toten auferweckt hat. 

Gottesbegegnungen im alltäglichen Leben 

Kirche macht sich an Fronleichnam auf den Weg. Während in früheren Jahrhunderten die Fronleichnamsprozessionen nicht selten auch als antireformatorisches Bekenntnis praktiziert wurden, steht heute ein anderes Bewusstsein im Zentrum: Der Glaube ist ein Prozess. Wie für das persönliche Leben, so ist auch für den Glauben die Weg-Metapher eine geeignete Seh- und Verstehhilfe. Wir sind unterwegs, gewinnen neue Einsichten, sammeln neue Erfahrungen – und das unser Leben lang. Auch Glaube entwickelt sich weiter, und es ist für die eigene Identität ein Gewinn, sich (immer wieder) auf den Weg zu machen, hinauszugehen aus dem Vertrauten oder – mit heutigen Worten – die eigene Komfortzone zu verlassen. Denn dort wartet (neues) Leben! 

Fronleichnamsprozessionen führen nicht über rote Teppiche oder einen «Glaubens-Highway». Sie finden auf Strassen und Wegen des Alltags statt. Die Grenzen zwischen «heilig» und «profan» verschwinden. Gottesbegegnung findet statt, wo sich sonst Alltägliches abspielt. Zu dem, was Glaubende an Fronleichnam gemeinsam praktizieren, ist im Grunde jeder Mensch täglich aufgerufen: mit dem unterwegs sein, was man glaubt, und zu dem stehen, was einen trägt. Das alltägliche Leben wird so (oder so) zum Bekenntnis für die eigenen Überzeugungen und Haltungen.


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