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Der Messias und seine Anhänger:innen. Foto: Minerva Pictures

«Il Vangelo di Giuda»: Der Verräter als Mensch

Am Filmfestival in Locarno feiert eine neue Passionsgeschichte Weltpremiere: ein meditatives Drama über Schuld, Glaube und einen zerrissenen Judas.


Schon in der allerersten Szene von «Il Vangelo di Giuda» (internationaler Titel: «Judas’ Gospel») stirbt Jesus am Kreuz. Judas hängt nur wenige Schritte entfernt an einem Baum. Zwei Tote. Zwei Schicksale. Zwei Spiegelbilder. Beide sterben am selben Tag. Beide müssen sterben, damit sich die Geschichte erfüllt. Im Moment seines Todes beginnt Judas zu erzählen. Er blickt zurück auf sein Leben. So wird er zum Erzähler der bekannten Passionsgeschichte. Aber in dieser Version steht er im Zentrum. 

Judas wird unter schwierigen Umständen geboren. Seine Mutter ist eine Prostituierte. Sie stirbt bei der Geburt. Auch sein Zwillingsbruder überlebt nicht. Der Vater bleibt unbekannt. Judas Iskariot wächst im Bordell auf. Dort erfährt er früh Gewalt und wird als Kind zum Mörder. Er trinkt. Er spielt. Er sucht Halt – und findet ihn nicht. Bis er eines Tages Jesus begegnet. 

Es ist Maria Magdalena, seine Wahlschwester, die ihn zu Jesus bringt. Die Erscheinung Jesu fasziniert ihn. Er schliesst sich ihm an. Weitere Männer und Frauen folgen ebenfalls. Etwas später wird Judas als Letzter der zwölf Apostel berufen. Gemeinsam ziehen sie durch das Land. Vom Norden Israels, aus Galiläa, bis nach Jerusalem im Süden. 

Der Einzug in die Stadt zur Zeit des Pessachfestes ist ein Wendepunkt. Judas beginnt zu zweifeln. Ist Jesus wirklich der Erlöser? Oder ist alles nur eine Illusion? Was dann folgt, ist bekannt. Das letzte Abendmahl, der Verrat durch Judas, die Verhaftung von Jesus und schliesslich dessen Kreuzigung. Damit schliesst sich der Kreis. 
 


Ein fiktionaler Judas, aber ein glaubwürdiger Mensch 

«Il Vangelo di Giuda» ist keine klassische Bibelverfilmung. Vieles ist erfunden. Zum Beispiel: Maria Magdalena und Judas waren keine Geschwister. Dafür gibt es keine biblischen oder historischen Belege. Auch der Ort seiner Geburt – ein Bordell – ist nicht überliefert. Ebenso wenig seine frühen Gewalterfahrungen oder seine Rolle als Mörder. 

Trotzdem wirkt diese Geschichte nicht völlig unglaubwürdig. Denn die Gewalt, die der Film zeigt, war damals real. Sie gehörte zum sozialen, politischen und religiösen Leben. Zudem stärkt diese filmische Zuspitzung Judas Position als «Aussenseiter unter den Jüngern». Ein Mann mit Schuld, mit Scham, mit Zweifeln. 

An anderen Stellen bleibt der italienische Schauspieler, Regisseur und Theologe Giulio Base nahe an der Bibel. Der Verrat von Judas an Jesus wird im Neuen Testament, insbesondere im Matthäusevangelium, mit 30 Silberlingen beschrieben. Judas erhielt diese Summe von den Hohepriestern als Lohn dafür, sie zu Jesus zu führen. Im Film werden zwar Goldmünzen erwähnt, aber sonst ist die Überlieferung ziemlich akkurat. 
 


Der Mensch hinter dem Verräter

 Was den Film besonders macht, ist der Blickwinkel. Giulio Base, der hier auch das Drehbuch schrieb, zeigt uns die Geschichte aus Judas’ Sicht. Dadurch entsteht Nähe. Judas wird nicht nur als blosser Verräter dargestellt, sondern als jemand, der seinen Platz in der Welt sucht. Der Jesus folgt, weil er an ihn glaubt. Und der ihn verrät – nicht aus Hass oder Gier, sondern aus innerer Zerrissenheit. 

Judas will dazugehören. Er will seine Seele retten. Doch das gelingt ihm nicht. Der Verrat ist für ihn kein Sieg, sondern ein Bruch. Eine Tat, die ihn selbst zerstört. Anders als in der klassischen Schuld-Inszenierung von Mel Gibsons «Die Passion Christi», wird Judas in Bases Film denn auch nicht mit dem Tod bestraft. Nachdem er die Tragweite seines Handelns erfasst hat, wählt er den Freitod, weil er emotional und geistig zerbricht. 

Judas bleibt in Giulio Bases Film ambivalent. Er ist Täter – und zugleich Opfer. Vielleicht sogar ein Werkzeug Gottes. Denn ohne seinen Verrat gäbe es keine Kreuzigung. Und ohne Kreuzigung keine Auferstehung. Diese Idee kennt schon das Neue Testament. Auch Martin Scorsese griff sie in seinem Film «The Last Temptation of Christ» auf. Dort ist Judas ebenfalls ein Teil des göttlichen Plans. Ein notwendiger Katalysator. So ähnlich sieht es auch Base. 
 


Ein Film, der nachdenklich macht

 Giulio Base will keine festen Antworten geben. Er urteilt nicht. Er bewertet nicht. Er zeigt Judas als Mensch, Sünder, Werkzeug und Getriebener – alles auf einmal. Und er lädt das Publikum ein, mitzudenken. Was ist Schuld? Was ist Glaube? Was ist freier Wille – und was ist vorherbestimmt?

Der Film ist ruhig, langsam, fast meditativ. Er wirkt wie ein innerer Monolog vor dem Tod. Judas spricht mit sich selbst. Über Jesus. Über den Verrat. Über das, was bleibt. Die Beziehung zu Jesus ist nicht eindeutig. Es gibt Momente von Nähe, vielleicht sogar Liebe. Dann wieder Wut, Eifersucht, Enttäuschung. Der Film deutet vieles an – aber legt sich nie fest. 
 


Stilistisch mutig – und visuell stark 

Auch visuell fällt der Film auf. Judas ist die meiste Zeit über in schwarze Gewänder gehüllt, sein Gesicht ist dabei nie zu erkennen. Dadurch rücken seine Stimme, seine Gedanken und Empfindungen stärker in den Fokus. Gedreht wurde in der süditalienischen Region Kalabrien. Diese Landschaften schaffen eine atmosphärisch dichte, erdverbundene Kulisse, die sowohl die archaische Welt biblischer Zeiten als auch die innere Isolation Judas’ widerspiegelt. 

Am Ende fühlt sich der, der als Verräter beschimpft wurde, selbst verraten. Weil er glaubte, Jesus sei der Sohn Gottes. Weil dieser ihm sagte, er sterbe nie. Doch Jesus sei nicht vom Kreuz gestiegen. Er sei einfach gestorben. Als normaler Mensch.

Nun, resümiert Judas, würde sich niemand mehr an Jesus’ erinnern. «Dein Name wird nie mehr erwähnt werden», glaubt Judas und in diesem Glauben stirbt er. Diese letzten Gedanken sind die eindringlichsten des Films. Leider gehen sie im Abspann durch das Dröhnen der unpassenden Rockmusik unter, die schon den Film einläutete.