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In der Zentralschweiz gibt es die Tradition des Alpsegens – ein öffentliches Gebet. Foto: Gregor Gander-Thür, aufsehen.ch

«Ich warte mit dem Beten nicht, bis ich in eine Kirche komme»

Was bedeutet es Christ:innen heute, zu beten? Wir haben Menschen aus Bern und Umgebung gefragt.


«Ich bete jeden Tag. Schon wenn ich morgens die Augen öffne, spreche ich mit Gott. Ich bete, wo immer ich auch bin. Ich warte nicht damit, bis ich in eine Kirche komme. Gott möchte, dass wir uns mit ihm treffen, wann immer wir können, wo immer wir sind, denn der Tempel, in dem Gott wohnt, das sind wir! Gott ist immer mit uns, deshalb können wir immer mit ihm sprechen. Zu beten, heisst für mich, aufrichtig mit Gott zu kommunizieren. Ich kann Dankbarkeit ausdrücken, Gott loben, Bitten äussern oder einfach reden. Beim Beten stelle ich eine persönliche Verbindung zu Gott her und drücke meinen Glauben aus. Ich kann Gott und andere Menschen nur lieben, weil ich selbst geliebt und gehört werde. Darauf vertraue ich. Gott liebt uns, trotz all unserer Fehler.»

Denise Gilgen-dos Santos, Portugiesischsprachige Katholische Mission Bern-Solothurn
 


«Ich bete vor allem zusammen mit anderen. In Gottesdiensten das Vaterunser zu beten, berührt mich immer sehr. Es stärkt in mir das Gefühl, dass ich nicht allein bin, dass die Gemeinschaft und Gott in schwierigen Situationen für mich da sind. Im ‹privaten› Umfeld, also zum Beispiel vor dem Schlafengehen, bete ich nicht. Ausser ich suche verzweifelt nach einem Gegenstand, dann bitte ich den Heiligen Antonius, mir bei der Suche zu helfen (‹Heiliger Antonius, hilf mir suchen›). Das habe ich von meiner Mutter übernommen, sie hat das auch immer gemacht.»

Christoph Janser (57), Christkatholische Kirchgemeinde Bern
 


«Mein Mann und ich beten jeden Abend mit unseren Kindern. Das ist für uns ein festes Ritual. Wir kommen zu viert zusammen und machen das Kreuzzeichen, dann tragen wir unsere Bitten vor oder unseren Dank. Am Schluss sprechen wir gemeinsam das Vaterunser. Ich bin auch so aufgewachsen. Mein Vater hat einen starken Glauben, für mich war das als Kind immer wie ein grosses Licht. Er hat uns jeden Abend ein Stück aus den Evangelien vorgelesen, alle Kapitel hintereinander. Das wollte ich mit unseren Kindern auch machen. Aber es hat nicht funktioniert. Vielleicht sind sie noch zu klein. Da kamen so viele Fragen, das dauerte zu lange. Es war irgendwie ‹too much›. Jetzt machen wir das Beten in kleinerem Rahmen. Unser Ritual dauert nicht lang, drei oder vier Minuten. Aber es ist uns wichtig. Damit beenden wir den Tag.»

Ilaria Arigoni-Affolter (33), Pfarrei Dreifaltigkeit Bern
 


«Ich bete mit meinen Eltern. Wir geben uns dann die Hand, aber ich strecke immer eine Hand nach oben, in den Himmel. Mein Bruder macht das auch. Wir sagen: ‹Lieber Jesus, danke für den Tag.› Früher habe ich oft gebetet, dass wir nicht sterben. Vor Weihnachten halten wir immer das Jesuskind in der Hand, wenn wir beten.»

Felix (5), Sohn von Ilaria Arigoni-Affolter, Pfarrei Dreifaltigkeit Bern
 


«Den Rosenkranz zu beten, ist für mich etwas sehr Schönes und Wichtiges. Ich mache das auch zu Hause, aber es ist nicht dasselbe wie in der Kirche. Ich mag es, laut in der Gruppe zu beten. Mit der Rosenkranzgruppe treffen wir uns am Donnerstagabend und mittwochs früh vor der Messe. Oft beten wir für etwas Bestimmtes, für persönliche Anliegen oder auch für den Frieden. Eine richtige Gruppe sind wir allerdings nicht. Meistens sind wir drei oder vier Frauen, manchmal auch nur zwei. Vielen Leuten bedeutet der Rosenkranz nichts. Einige sagen mir, früher musste ich immer beten, das brauche ich jetzt nicht mehr. Ich sehe das anders. Mir gibt das viel. Ich glaube auch daran, dass es gut ist, zu beten. Das ist für mich kein Opfergang oder so etwas. Ich werde den Rosenkranz so lange beten, wie ich kann.»

Margrith Argano (80), Pfarrei Maria Geburt Lyss-Seeland
 


«Beten bedeutet für mich vor allem die Pflege meiner Beziehung zu Gott. Ich bete zu dem Gott, der sich in Jesus von Nazaret offenbart hat. Für mich ist er der Vater, der Schöpfer der Welt. Das Gebet ist für mich deshalb wie ein Weg nach Hause, zurück zu dem, von dem mein Leben kommt. Ich mag die klassischen Formen des Gebets, die heilige Messe, den Rosenkranz, das Bibelstudium und die theologische Reflexion, aber auch Tanz, Gesang und Anbetung. 

Wie zu jeder Beziehung gehört auch das Bitten zum Gebet. Ich bringe meine Bedürfnisse vor Gott – aber nicht in dem Sinn, dass er meine Probleme lösen oder mich vor allem Unheil bewahren soll. Ich bitte um die Kraft, das zu tun, was in meiner Macht steht, und das anzunehmen, was ich nicht ändern kann.»

Ozioma Nwachukwu (61), Pfarreien St. Marien und St. Martin Thun
 


«Ich bete, wenn ich Zeit für mich allein habe. Das kann auf einer Runde im Wald sein, wenn ich mit dem Velo unterwegs bin oder daheim spät am Abend. Ich habe keine fixen Gebetszeiten. Traditionelle Gebete habe ich als Kind gesprochen und auch später mit meinen eigenen Kindern, als sie noch klein waren. Wenn ich heute bete, bin ich vor allem Hörende. Ich habe keinen ‹Plan›. Ich schaue, was passiert, wenn es still ist. Wo stehe ich, wie ist mein Leben gerade? Was hat der Tag gebracht? Es gibt Zeiten, in denen drücke ich beim Beten vor allem Dankbarkeit aus. Ich bin dankbar für alles, was ich habe und was gut ist in meinem Leben. Dann gibt es Zeiten, in denen andere Themen im Vordergrund stehen. Natürlich bete ich auch als Pfarrerin, in der Gemeinde, mit und für andere Menschen. Das ist aber etwas anderes als das persönliche Beten.»

Sonja Gerber (44), Reformierte Kirchgemeinde Bern-Nord

 

Nationaler Bettag 

Der Eidgenössische Dank-, Buss- und Bettag wird seit 187 Jahren schweizweit am dritten Sonntag im September begangen, dieses Jahr also am 21. September. Im Kanton Genf wird stattdessen der Genfer Bettag gefeiert. Dieser fällt jeweils auf den Donnerstag nach dem ersten Sonntag im September. 

Der Bettag ist der einzige religiöse Feiertag in der Schweiz, der nicht von der Kirche, sondern vom Staat eingerichtet wurde: Bei der Gründung des Bundesstaates 1848 diente der landesweit einheitlich festgelegte Feiertag als Zeichen und Instrument staatlicher und konfessioneller Einigung. 

Der Bettag wird von allen christlichen Kirchen und von der Israelitischen Kultusgemeinde gefeiert. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962–65) und der Öffnung der katholischen Kirche gegenüber anderen christlichen Konfessionen gilt er als explizit ökumenisches Fest.