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Nicht bis zur Pensionierung Vollgas geben: Edith Zingg gibt ihre Leitungsrolle in Ostermundigen ab. Foto: zVg

«Ich habe nie etwas Geheimes gemacht, aber auch nicht immer alle gefragt»

Edith Zingg leitete zehn Jahre lang die Pfarrei Guthirt Ostermundigen. Bald verlässt sie Bern in Richtung Ostschweiz. Ein Gespräch über Führung in der Kirche, Förderprogramme für Frauen und das Ausnutzen von Spielräumen.

 

«pfarrblatt»: Sie haben in Ihrem Leben schon als Kauffrau und als Krankenschwester gearbeitet, in Indien gelebt und in Afrika. Ist es jetzt einfach Zeit für etwas Neues? 

Edith Zingg: Ich bin seit zehn Jahren in Bern und gestalte das Pfarreileben intensiv mit. Vor ein paar Jahren wurde mir klar, dass ich auf diesem Niveau nicht bis zur Rente arbeiten will. Viele Leitungsaufgaben, wie Finanzen und Personalführung, habe ich gerne gemacht. Aber ich freue mich jetzt auf mehr Zeit für mich und die Arbeit an der Basis, in der Seelsorge und der Erwachsenenbildung. 

Sie gehen auf der Karriereleiter freiwillig eine Stufe runter. 

Zingg: Ja, man muss nicht bis zur Pensionierung Vollgas geben. Mit bald 60 habe ich noch die Energie für einen Wechsel, und ich bin froh, bald wieder als ganz normale Pfarreiseelsorgerin in der Ostschweiz zu arbeiten. 

Die Stelle in Ostermundigen war Ihre erste Leitungsposition. Was haben Sie gelernt? 

Zingg: Als ich in Guthirt neu war, dachte ich, wir müssen die Bedürfnisse aller Menschen abdecken, also zum Beispiel gleich viele Eucharistiefeiern haben wie Kommunionfeiern. Dann merkte ich: Kommunionfeiern sind unsere Stärke, weil sie sehr gut zu der Art passen, wie wir hier Gemeinde leben. Darauf sollten wir uns konzentrieren. Es gab Leute, die deswegen in die Dreif oder nach Bruder Klaus abwanderten. Das fand ich am Anfang unmöglich. Dann habe ich gelernt, es ist gut, wenn sie dort eine Heimat finden. Dafür kommen auch Menschen aus den anderen Pfarreien zu uns. 

Ich habe auch gelernt, dass ich nicht gleich alles anders machen muss, auch wenn ich die Möglichkeit dazu habe. Hier in der Pfarrei gibt es einen ElternKind-Treff. Erst dachte ich, das ist doch nicht Aufgabe der Kirche. Dann habe ich gemerkt, wie wichtig die Gemeinschaft dort ist. Es geht in der Kirche darum, Räume zu öffnen und Gemeinschaft zu fördern. 

Wo ist Ihnen das gelungen? 

Zingg: Wir haben einen Frauen- und Familientreff als ökumenisches Projekt auf die Beine gestellt, wir hatten ein Kirchenasyl und unterstützen Migrant:innen auf verschiedene Weise. Auch der Kontakt mit den Mitarbeitenden gehört dazu, das Hören auf ihre Wünsche und Anliegen. Im Foyer der Pfarrei haben wir einen Kaffeeautomaten installiert, wo man keine Jetons braucht, es steht einfach ein Kässeli da. Man wirft eine Münze hinein oder auch nicht, einen Kaffee bekommen alle. 

Beim Frauen*KirchenStreik 2019 haben Sie gesagt, manchmal sei «nicht fragen der erste Schritt». Wann haben Sie einfach gemacht? 

Zingg: Öfters! Ich habe nie etwas Geheimes gemacht, aber eben auch nicht immer alle gefragt. Bei der feierlichen Kommunion sind wir zum Beispiel neue Wege gegangen. Als Leitungsperson braucht man den Mut, Dinge zu entscheiden und dafür geradezustehen. Das Wichtigste war mir, theologisch verantwortet zu handeln. Wenn das geklärt war, konnte ich mich guten Gewissens in Grauzonen bewegen. 

Ich vermute, die Grauzonen entstanden aufgrund der fehlenden Weihe. 

Zingg: Eine Zeitlang habe ich sehr darunter gelitten, dass ich als Frau nicht geweiht werden konnte. Ich bin als Gemeindeleiterin genauso vom Bischof beauftragt wie jeder Mann in dieser Position. Bei der Einsetzung habe ich mir den Segen der Pfarrei gewünscht. Alle Gemeindemitglieder, die das wollten, haben mich für meinen Dienst gesegnet. Das war für mich eine Art Weihe. Ich bin für die Frauenordination und gleichzeitig unsicher, ob ich in dieser Kirche überhaupt geweiht werden wollte. Würde ich damit nicht ein System stabilisieren, das eigentlich unheilvoll und nicht zukunftsweisend ist?

Die Bistümer Basel und St.Gallen führen neu ein Mentoring-Programm für Frauen ein. Haben Sie sich schon als Mentorin gemeldet? 

Zingg: Nein, ich bin da ambivalent. So ein Programm ist gut und reicht doch nicht. Ich werde langsam allergisch, wenn Männer meinen, sie müssten Frauen ermächtigen. Bischof Beat habe ich etwas überspitzt gesagt: «Wir brauchen gar kein Empowerment. Ihr müsst uns nur einfach machen lassen.» Ich finde, die Bistumsleitung sollte sich fragen, warum nur wenige Frauen bereit sind, Führungspositionen zu übernehmen. Vielleicht liegt es an unterschiedlichen Führungsstilen. Frauen sollten sich nicht der Männerwelt anpassen müssen. Es sollte darum gehen, Räume zu schaffen, in denen sich Frauen und Männer gleichermassen entfalten können. 

Was raten Sie einer Frau, die jetzt eine Führungsrolle in der Kirche übernimmt? 

Zingg: Hab Mut, Entscheidungen zu fällen, und sei dir nicht zu schade, überall mit anzupacken. Ein spiritueller Halt hilft dabei, die eigene Rolle zu finden. Als ich in die Pfarrei Guthirt kam, hiess es schnell: «Jetzt bist du die gute Hirtin.» Kurz habe ich mich geschmeichelt gefühlt. Dann habe ich gemerkt, dass ich das gar nicht bin. Gott ist der Hirte. Mit meiner geistlichen Begleitung habe ich das Bild des Hirtenhundes entdeckt. Der schaut zu den Schafen und ist mit dem Hirten im Kontakt, das hat für mich gut gepasst. 

In der NZZ war vor Kurzem ein Lob auf die «unzeitgemässe» Kirche zu lesen. Die These: Dort, wo die Kirche den Mut habe, sich gegen den kulturellen Mainstream zu stellen, verzeichne sie einen Zuwachs. Wie stehen Sie dazu? 

Zingg: So einfach ist es nicht. Unsere Gesellschaft ist so komplex, viele Menschen sehnen sich nach einfachen Antworten. Die Kirche sollte aber gerade die Zwischentöne hochhalten. Kirche kann Vielfalt integrieren, das ist ihre Kompetenz. Wenn wir in Schwarz-Weiss-Tönen sprechen, werden wir der christlichen Botschaft nicht gerecht. Man muss sich gegenseitig die Freiheit geben, Dinge anders zu sehen und zu machen. 

Wie trägt man diese Sicht in die Welt? 

Zingg: Indem die Pfarreien sich auch politisch und sozial engagieren. Kirche darf kein Insiderding bleiben. Wir sollten uns immer wieder vergewissern, welche Hoffnung uns trägt. Dann sind wir beim Reich Gottes und bei den Seligpreisungen, bei Jesu Aussage aus dem Matthäusevangelium: «Was ihr den Geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, habt ihr mir getan.» Es ist unser Auftrag, die Welt zum Guten mitzugestalten. 

Wie geht es in der Pfarrei Guthirt ohne Sie weiter?

Zingg:  Sehr gut! (lacht) Im August und im November fangen mit Christina Herzog und Bernhard Waldmüller eine Theologin und ein Theologe neu an. Auch für die Leiterin des Sekretariats, die in die Frühpensionierung geht, hat sich mit Cécile Minka II eine kompetente Nachfolgerin gefunden. Meine eigene Nachfolge wird gerade geregelt. Ich denke, das Team ist damit dann sehr gut aufgestellt.

 

Zur Person 

Edith Zingg (*1966) arbeitete als Kauffrau und als Krankenschwester, bevor sie in Chur, Luzern und Wien katholische Theologie studierte. Anschliessend doktorierte sie im Neuen Testament. Sie trat der Gemeinschaft der Helferinnen bei und absolvierte das Noviziat in Indien. Nach zehn Jahren verliess sie den Orden. 2016 kam sie ins Bistum Basel und übernahm die Leitung der Pfarrei Guthirt Ostermundigen. Im Rahmen des Pfarreifestes am 30. Mai wird sie verabschiedet.