«pfarrblatt»: Frau Oldenhage, Sie sagen: Solange es die Bibel gibt, braucht es Feminismus. Warum?
Tania Oldenhage: Die Bibel ist eines der grossen patriarchalen Werke unserer Kulturgeschichte – ihre Wirkung reicht bis heute. Und gerade deshalb braucht es immer noch den feministischen Blick auf ihre Entstehung und ihre Deutung.
Wie kam Feminismus in Kontakt mit dem Christentum?
Oldenhage: Schon im 19. Jahrhundert haben Frauen begonnen, die Bibel neu zu lesen. In New York entstand damals die Women’s Bible – eine Art Gegenlektüre zur gängigen patriarchalen Lesart. Die Herausgeberinnen waren Suffragetten. Sie kommentierten biblische Texte, die ihnen besonders sexistisch erschienen: etwa die Geschichte von Eva, die nicht als verführte Sünderin, sondern von ihnen als wissbegierige Frau interpretiert wird, der das Paradies mit Adam einfach zu langweilig war. Oder der Vers «sollen die Frauen in der Versammlung schweigen» (1 Kor 14,34) – dazu schrieben sie: Offenbar stellten die Frauen so viele unbequeme Fragen, dass die Männer überfordert waren. Diese feministischen Lesarten waren witzig, klug und befreiend. Sie stellten die Bibel buchstäblich auf den Kopf.
Und Sie selbst? Wie sind Sie zu dieser Sicht gekommen?
Oldenhage: Ich bin in den 1980er-Jahren gross geworden, als die zweite Welle des Feminismus auch in der Theologie Fahrt aufnahm. Da erschienen die Klassiker der feministischen Theologie, und für mich war schnell klar: Wenn ich als Theologin arbeite, dann nur mit dieser Perspektive. Mir fällt es schwer, zu verstehen, wie man christliche Theologie betreiben kann, ohne die feministische Theologie zumindest ein Stück weit an der Seite zu haben.
Viele Ihrer Tätigkeiten – Predigt, Kunstprojekte, Arbeit mit Geflüchteten – klingen sehr engagiert. Ist feministische Theologie eine Form von Aktivismus?
Oldenhage: Wenn Aktivismus bedeutet, sich für gesellschaftliche Veränderung einzusetzen, dann gehört feministische Theologie dazu. Sie benennt Missstände, auch innerhalb der Kirche, und sucht Wege, sie zu verändern. Das hat eine schmerzhafte Geschichte: In den 1970er- und 80er-Jahren galten feministische Theologinnen als zu politisch, ihre Arbeit als «nicht objektiv». Viele bekamen keine Lehrstühle. Heute wissen wir: Es gibt keine wertfreie Theologie. Jede Auslegung entsteht aus einem Standpunkt – feministische Theologie macht das einfach sichtbar.
Sie stellen auch gängige Gottesbilder in Frage. Wie haben Sie sich Gott als Kind vorgestellt?
Oldenhage: Vielleicht nie so richtig als alten Mann mit Bart, aber dieses Bild war natürlich überall. Irgendwann wurde mir klar: Das kann’s nicht sein. Heute nähere ich mich Gott lieber über die Via Negativa, also über das, was Gott nicht ist. Ich bin überzeugt: Gott ist kein Herr – auch wenn das Wort «Herr» immer noch die gängigste deutsche Übersetzung des Gottesnamens ist. Ein gutes Beispiel ist die Zürcher Bibel, die vor knapp 20 Jahren neu übersetzt wurde. Das Team hat entschieden, den Gottesnamen mit «HERR» in Grossbuchstaben wiederzugeben. Das halte ich in unserer Zeit für schwierig, gerade auch in der Arbeit mit Jugendlichen. Denn «HERR» ist patriarchal besetzt und suggeriert ein männliches Bild von Gott. Dies ist für viele Menschen, die ich kenne, nicht mehr plausibel. Die Bibel in gerechter Sprache hat das anders gemacht: Sie verwendet wechselnde Übersetzungen für den Gottesnamen – «die Ewige», «der Lebendige», «Ich bin da». Das öffnet den Blick.
Geschichte schreiben meist die Sieger – und oft waren dies Männer. Wie hat sich das auf die Bibel und ihre Inhalte ausgewirkt?
Oldenhage: Bereits in den biblischen Texten selbst – erst recht aber in ihren Überlieferungen und Übersetzungen – sind Frauen oft unter die Räder gekommen. Das kann man sehr gut am Neuen Testament zeigen. Dort tauchen zwar Frauennamen auf – Lydia, Priska, Phöbe, Junia –, aber sie standen lange unbeachtet am Rand. Feministische Exegetinnen in den 1980er-Jahren haben sie wiederentdeckt. Eine von ihnen war Elisabeth Schüssler Fiorenza, eine katholische Theologin, die uns lehrte, Bibeltexte mit einer «gesunden Portion Misstrauen» zu lesen. Sie sagte: Diese Texte seien keine Fenster in die Vergangenheit, in die wir schauen und dann die Realität von Frauen und Männern in der ganz, ganz frühen christlichen Bewegung sehen. Stattdessen haben die Texte sowie auch ihre Überlieferungsgeschichte und die Übersetzung die Realität verzerrt.
Wenn wir die Bibel ernst nehmen, müssen wir wahrnehmen, wer in den Texten fehlt, wer kleingemacht oder unsichtbar wurde.
Zum Beispiel?
Oldenhage: Besonders aufschlussreich ist Phöbe. Im Römerbrief nennt Paulus sie jemanden, die «im Dienst der Gemeinde in Kenchreä» steht. Klingt harmlos … bis man den griechischen Urtext anschaut: Dort steht «diakonos», also Diakonin – ein Titel. Bei Männern übersetzt man das selbstverständlich so, bei Frauen jahrhundertelang nicht. Heute ist das korrigiert. Ein anderes Beispiel ist Junia. Im selben Brief nennt Paulus Andronikus und Junia «berühmte Apostel». Doch über Jahrhunderte machte man daraus «Junias», also einen Mann, weil man sich schlicht nicht vorstellen konnte, dass es eine weibliche Apostelin gab. Auch das ist inzwischen revidiert. Und daran sieht man: Jede Bibelübersetzung ist immer auch ein Spiegel ihrer Zeit.
Wenn man hört, wie sehr Frauenstimmen in der Bibel übergangen wurden – geht es letztlich um mehr als um Geschlechterfragen?
Oldenhage: Es geht immer auch um Macht – darum, wer sprechen darf und wer nicht. Die biblischen Texte sind voll von Menschen, deren Stimmen kaum gehört wurden: Frauen, Versklavte, Arme, Fremde. Viele Übersetzungen haben diese Ungleichheiten überdeckt. Aus einer Sklavin wurde eine Magd, aus einem Sklaven ein Diener, und schon klingt das alles harmloser.
Feministische Theologie schaut also nicht nur auf Frauen …
Oldenhage: Nein, auf all diese Verstrickungen, denn Unterdrückung hat viele Gesichter: Geschlecht, Herkunft, Besitz, Hautfarbe, soziale Stellung. Das lässt sich nicht trennen. Wenn wir die Bibel ernst nehmen, müssen wir wahrnehmen, wer in den Texten fehlt, wer kleingemacht oder unsichtbar wurde. Feministische Theologie fragt also: Von welchen Personen wird erzählt, wer verschwindet zwischen den Zeilen? Und was bedeutet das für uns heute – in einer Welt, in der sich ähnliche Machtverhältnisse immer noch zeigen?
Tania Oldenhage (56) ist Pfarrerin an der reformierten Johanneskirche in Zürich. Sie lehrt ausserdem Neues Testament an der theologischen Fakultät der Universität Basel und ist Radio predigerin beim Schweizer Radio und Fernsehen (SRF).