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Maciel Pinto (42, links) und Antun Tunic (45) pilgerten gemeinsam nach Fátima. Bild: zVg

«Ich bin gläubig, dazu darf ich stehen»

Die beiden Sakristane Antun Tunic und Maciel Pinto lernten sich auf dem Weg von Porto nach Fátima neu kennen. Ein Beitrag aus unserem Jahresrückblick 2025. Erstpublikation am 3.9.25.

 

«pfarrblatt»: Herr Tunic, Sie und Herr Pinto nennen sich «Brate». Auf Kroatisch bedeutet das «Bruder». Seit neun Jahren leben Ihre Familien Tür an Tür. Man könnte meinen, da gibt es keine Geheimnisse. 

Antun Tunic: Das dachte ich auch. Aber dann sind wir gemeinsam gepilgert. Wir sind an sechs Tagen rund 270 Kilometer gelaufen, von 4 Uhr morgens bis 17 Uhr abends. Wir haben gebetet und gesungen. Dabei lernt man sich noch einmal anders kennen. Ich wusste nicht, wie stark gläubig Maciel ist.

Herr Pinto, Sie sind den Weg von ihrem Heimatort in der Nähe von Porto bis nach Fátima dieses Jahr zum 19. Mal gelaufen. Warum machen Sie das? 

Maciel Pinto: Unser Sohn kam vor zwanzig Jahren mit einem Herzfehler zur Welt. Als er sechs Tage alt war, musste er operiert werden. Es ging alles gut. Dafür wollte ich der Mutter Maria und Gott danken. Auf meinem Weg habe ich zwei sehr alte Menschen getroffen, die jedes Jahr nach Fátima gehen. Bis sie sterben, haben sie mir gesagt. Da dachte ich: Das mache ich auch! 

Sie gehen nicht den Panoramaweg am Meer entlang, sondern die parallele Strecke im Landesinneren, 40 bis 45 Kilometer pro Tag, bei meist sehr hohen Temperaturen. Gehört Pilgern und Leiden für Sie zusammen? 

Pinto: Bis zu einem gewissen Punkt schon. Ich glaube, Gott und die Mutter Maria wollen, dass wir uns anstrengen. Quälen sollen wir uns aber nicht. Im Frühsommer hatte ich Probleme mit der Hüfte. Eigentlich wollte ich dieses Jahr aussetzen. Da kam Antun und sagte, er gehe mit. Das war wie ein Wink Gottes für mich. 

Wussten Sie, worauf Sie sich einlassen, Herr Tunic?

Tunic: Ich dachte, ich bin fit und sportlich. Aber am dritten Tag habe ich mich gefragt, ob ich aufgeben soll. Ich hatte Blasen am Fuss, Hüftschmerzen, Krämpfe. Ich war schon oft an Wallfahrtsorten. Aber es ist etwas ganz anderes, dorthin zu laufen. Als wir in Fátima all die Menschen sahen, die dort knieten, mit Schmerzen und Tränen, da waren meine Beschwerden plötzlich weg. Ich war voller Freude. Das werde ich nie vergessen.

Kennen Sie dieses Gefühl, Herr Pinto? 

Pinto: Auf jeden Fall. Die Lichterprozession in der Kathedrale von Fátima ist sehr bewegend. Ich pilgere, um meine Dankbarkeit zu zeigen und zu beten. Ich gehe den Weg, um etwas zu geben, aber ich bekomme viel mehr zurück.

Tunic: Als wir wieder daheim waren, hat mich eine Frau aus der Gemeinde gefragt: «Ist Dein Rucksack jetzt leer, Antun?» Und ich habe gesagt; «Ja, mein Rucksack ist jetzt leer.» Auf dem Weg haben wir immer mehr Steine hineingelegt, aber am Ende konnten wir alle bei der Mutter Maria deponieren.
 


Sie haben Steine in Ihren Rucksack gelegt? 

Pinto: Nein, keine echten! Das war nur ein Gedankenspiel von uns. Es waren Sorgen und Fragen, die wir miteinander geteilt haben. Und auch die Geschichten der Menschen, die wir getroffen haben. Viele haben uns gebeten, für sie zu beten. Da haben wir immer gesagt, komm, wir legen noch einen Stein dazu. Wir haben auch ganz allgemein für den Frieden in der Welt und zwischen den Religionen gebetet. 

Tunic: Wir haben in unseren Muttersprachen gebetet, ich auf Kroatisch, Maciel auf Portugiesisch, und zusammen auf Deutsch. Beten verbindet. Diese Erfahrung hat mich sehr berührt. Für Gott ist es auch egal, wer betet. Maciel sagt immer, wir Sakristane seien die Kleinsten in der Architektur der Kirche, wie Ameisen in Gottes Welt. Aber das spielt keine Rolle. Egal, woher man kommt, im Gebet sind alle gleich. 

Meinen Sie, beten hilft? 

Pinto: Ich glaube, ja. Nicht im Sinne eines Handels: «Wenn du mir das gibst, Gott, gebe ich dir das.» Das wäre für mich ein falscher Glaube. Deshalb sage ich auch: Ich bin frei, ich muss diesen Weg nicht machen. Ich muss kein Opfer bringen oder so etwas. Ich bitte Gott auch nicht. Er weiss, was ich brauche. Und wenn er mir etwas gibt, bin ich dankbar. Beim Beten und Pilgern komme ich in Kontakt mit Gott und der Mutter Maria. Ich nehme mir die Zeit dafür. 

Beim Pilgern geht es um mehr als nur ums Beten. 

Pinto: Ja, es geht auch um ein Innehalten, um die Konzentration auf das Wesentliche. Fast niemand weiss, dass ich den Weg jedes Jahr gehe. Ich will nicht angeben damit. Es ist eine Sache zwischen mir und Gott. Es gibt auch Leute, die mich sehen, und komisch finden, was ich da mache. Das stört mich nicht. Auch wenn die Leute sich wundern, hat es einen Effekt. Sie kommen ins Nachdenken über Gott und die Welt. Deshalb laufe ich auch, wenn andere schlecht über mich denken. 

Herr Pinto, für Sie ist klar, dass Sie nächstes Jahr wieder nach Fátima gehen. Herr Tunic, was sind Ihre Pläne? 

Tunic: Ich möchte so etwas auf jeden Fall auch wieder machen. Im Moment plane ich eine Pilgerwanderung für Sakristane. Denn auch für meinen Beruf hat mich dieser Weg wirklich gestärkt. Als ich vor ein paar Jahren die Hauswartsschule gemacht habe, haben mich die anderen gefragt, wo ich arbeite. Ich habe etwas zurückhaltend «in der Kirche» geantwortet. Nach dem Weg traue ich mich, das deutlicher zu sagen. Mir ist jetzt klarer: Ich bin gläubig, dazu darf ich stehen.

 

Der Wallfahrtsort Fátima

 Fátima ist einer der grössten Marienwallfahrtsorte der Welt. Die «Basilica da Santissima Trindade» ist die viertgrösste Kirche der Welt. Über 6 Millionen Menschen pilgern jährlich dorthin. Jeden Abend findet eine Lichterprozession statt, an der alle Pilger:innen teilnehmen können. 

Im Jahr 1917 soll die Gottesmutter Maria in Fátima mehrfach drei Hirtenkindern erschienen sein. Dabei prophezeite sie ihnen unter anderem einen neuen Weltkrieg, die Rechristianisierung Russlands nach dem Kommunismus und das Attentat auf einen «Bischof in Weiss». In der dritten Prophezeiung sah Papst Johannes Paul II. die Ankündigung des Attentats auf ihn am 13.Mai 1981. Seine Rettung schrieb er der Muttergottes von Fátima zu.

Im Jubiläumsjahr 2017 wurden zwei der «Seher-Kinder» von Fátima, Jacinda und Francisco Marto, durch Papst Franziskus heiliggesprochen. 

Der Weg Nach Fátima führen verschiedene Pilgerwege. Eine Übersicht finden Sie hier.

 

Zu den Personen 

Antun Tunic (45) ist seit 2011 Sakristan in der Pfarrei Guthirt in Ostermundigen. Er ist in Kroatien aufgewachsen, ist verheiratet und hat drei Kinder. Maciel Pinto (42) ist Sakristan der spanischsprachigen Mission in Ostermundigen. Der gebürtige Portugiese lebt mit seiner Frau und den zwei Kindern seit 2016 in der Pfarrei Guthirt.