«pfarrblatt»: Sie waren in diesem Jahr erneut in der Ukraine. Was hat Sie auf dieser Reise am meisten berührt oder überrascht?
Magda Kaczmarek: Ich war im März zuletzt vor Ort, doch ich stehe praktisch täglich mit unseren Projektpartner:innen in Kontakt. Man kennt sich, vertraut sich, es fühlt sich immer stärker wie eine Familie an. Im Fokus unserer Mission stand Traumabewältigung, und besonders berührt haben mich diesmal die vielen Gespräche mit Menschen, die ihre Häuser verloren haben oder sich auf der Flucht befinden und nicht wissen, wie ihr Leben morgen aussieht.
Wie gestalten die Menschen ihren Alltag unter ständiger Bedrohung?
Kaczmarek: Die Menschen versuchen, eine Form von Normalität zu bewahren – trotz Stromausfällen, zerstörter Infrastruktur und permanentem Alarm. In der Ostukraine leiden viele unter enormer psychischer Belastung: Eltern erzählen mir, wie ihre Kinder aus Angst nicht mehr allein schlafen wollen. Auch in den westlichen Regionen, wo es sicherer scheint, kommt es wieder zu massiven Angriffen. Das alltägliche Leben kostet die Menschen unglaublich viel Kraft.
Welche Sorgen und Hoffnungen teilen Familien, Priester und Ordensschwestern mit Ihnen?
Kaczmarek: Viele Mütter wissen nicht, ob ihre Männer oder Söhne noch leben. Kinder trauern um ihre Väter. Priester und Ordensfrauen, die Geflüchtete und Trauernde begleiten, erreichen oft ihre Belastungsgrenze und benötigen selbst psychologische Unterstützung. Gleichzeitig spürt man überall eine tiefe Sehnsucht nach Frieden und eine beeindruckende Fähigkeit, einander Halt zu geben.
Wie hat sich das Leben der Menschen seit 2022 verändert – emotional, sozial und spirituell?
Kaczmarek: Emotional leben viele in einem Zustand stetiger Anspannung. Sozial erleben wir eine Art «Völkerwanderung»: Menschen fliehen, kehren zurück, fliehen erneut. Spirituell beobachte ich etwas Erstaunliches: Viele, die ihren Glauben kaum praktiziert hatten, suchen heute bewusst die Nähe der Kirche. In Saporischschja – 30 km von der Frontlinie – sehen wir viele neue Gesichter in den Messen.
Gibt es in der Bevölkerung noch Vertrauen in ein baldiges Ende des Krieges? Wie definieren die Menschen heute Frieden?
Kaczmarek: Ja – die Hoffnung ist ungebrochen. Seit Beginn der Invasion sagen die Menschen: «Wir werden gewinnen, es gibt keine andere Wahl.» Frieden bedeutet für sie nicht nur das Ende der Kämpfe, sondern die Rückkehr zu einem Leben ohne Angst. Auf Friedhöfen erzählen uns Angehörige oft, dass ihre gefallenen Söhne und Männer ihr Leben als Opfer für diesen Frieden gegeben hätten.
Welche Rolle spielt der Glaube im Kriegsalltag – gibt er Halt, oder wird er auch herausgefordert?
Kaczmarek: Beides. Der Glaube ist für viele zur Lebensader geworden – gleichzeitig ist der seelische Druck enorm. Deshalb unterstützen wir Projekte für Exerzitien, Traumabegleitung, Kinderlager und psychologische Hilfe. Viele Priester und Ordensleute bilden sich weiter, um den Menschen auch professionell beistehen zu können. Und selbst Soldaten, die kaum religiöse Erfahrung haben, tragen heilige Bildchen oder einen Rosenkranz bei sich – als Zeichen von Schutz und Hoffnung.
Wie säkular oder gläubig erleben Sie die ukrainische Gesellschaft in dieser Krise?
Kaczmarek: Besonders in der Ostukraine war die vom Kommunismus gezeichnete Gesellschaft traditionell weniger kirchlich geprägt, oft lediglich kulturell orthodox. Doch gerade dort wächst das Bedürfnis nach spirituellem Halt. Die Kirchenräume sind zwar nicht überfüllt, aber sie füllen sich stetig mit Menschen, die nach Gott und Trost im Alltag suchen oder einfach jemanden zum Zuhören.
Was bedeutet für die Menschen vor Ort christliche Nächstenliebe, wenn gleichzeitig Verteidigung notwendig ist?
Kaczmarek: Die Ukrainer:innen sehen klar, wer der Aggressor und wer das Opfer ist. In dieser Situation verstehen sie Verteidigung als moralische Pflicht – als Schutz ihrer Familien. Gleichzeitig bemühen sie sich, Hass nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. Das beeindruckt mich zutiefst: Trotz allem bleibt die Haltung geprägt von Würde und Menschlichkeit.
Wie wird in der Ukraine über christliche Friedensethik nachgedacht – über das Spannungsfeld zwischen Gewaltverzicht und Verantwortung?
Kaczmarek: Alle wissen: Die Ukraine hat diesen Krieg nicht begonnen. Es geht um Selbstverteidigung, um das Recht auf Leben und Freiheit. Kirchliche Vertreter:innen betonen immer wieder die Bedeutung von Gebet und Dialog. Der Heilige Stuhl engagiert sich stark, etwa bei der Freilassung von Gefangenen. Gleichzeitig ist allen klar, dass Friede nicht durch Passivität entsteht, sondern durch Verantwortung – für das eigene Volk.
Was können wir in der Schweiz aus der Erfahrung der ukrainischen Gläubigen lernen – und was wünschen sich die Menschen dort von uns?
Kaczmarek: Ich erlebe die Schweiz als sehr solidarisch und empathisch. Viele Menschen haben ein feines Gespür für Leid und für internationale Verantwortung. Die Ukrainer:innen wünschen sich vor allem eines: Dass wir sie nicht vergessen. Jede Form der Unterstützung – auch kleine – wird mit grosser Dankbarkeit angenommen. Und wir können von den Ukrainer:innen viel lernen, über ihre Fähigkeit zu verzeihen und trotz allem weiterzugehen.
Zur Person
Magda Kaczmarek arbeitet seit 34 Jahren für das internationale katholische Hilfswerk «Kirche in Not (ACN)». Als Projektleiterin für die Ukraine steht sie in engem Austausch mit Bischöfen, Priestern und Ordenspersonen sowie Familien, die im Kriegsgebiet seelsorgerisch und materiell unterstützt werden. Sie begleitet pastorale Hilfsprojekte und setzt sich für psychologische und spirituelle Unterstützung ein. Am 2. Dezember, ab 19 Uhr, hält sie in der Kath. Pfarrei Dreifaltigkeit Bern einen Vortrag zum Thema «Ukraine – Hoffnung auf baldigen Frieden?». Der Eintritt ist frei.