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Glaube soll befreien. Dazu möchte Peter Trummer mit seinen Büchern einen Beitrag leisten. Foto: Karl-Georg Michel

Gott braucht kein Sühneopfer

Am Karfreitag hören wir es wieder vielerorts: Jesus starb für unsere Sünden. Das sei Unsinn, sagt der Grazer Theologe Peter Trummer in seinem jüngsten Buch. 


Jesus starb nicht für unsere Sünden. So lautet die Kernbotschaft von Peter Trummer (84), bis 2006 ausserordentlicher Professor für Neues Testament an der Universität Graz. «Jesus ohne Opfer» lautet sein jüngstes Buch, gegliedert in sechzehn Essays. Er will damit zu einem befreienden Glauben beitragen.

Dazu aber, so seine Überzeugung, ist es nötig, sich von einem Gott zu verabschieden, der ein Sühneopfer braucht: «Sündenböcke sind eine eklatante Fehlleistung menschlicher Projektionen», schreibt Trummer. In immer neuen Formulierungen kritisiert er das Bild eines Gottes, der strafen muss, um lieben zu können: Von einem «Sündenfall des Glaubens» ist die Rede, von «Milchmädchenrechnungen zu Schuld und Gnade» und «Misstrauenserklärungen an Gott».  

Bedingungslos gütiger Gott 

Dass Christus «für unsere Sünden gestorben» sei, steht allerdings im Neuen Testament (1 Kor, 15, 3). Laut Trummer ist die Aussage aber älter und kann sich nicht auf Jesus beziehen. Diese Deutung des Kreuzestodes gehe auf Bischof Anselm von Canterbury (1033 – 1109) zurück und sei beeinflusst von germanischen Rechtsvorstellungen.  

Jesus spreche hingegen von einem bedingungslos gütigen, barmherzigen Gott. Er habe den Märtyrertod bewusst in Kauf genommen, um diesen Gott zu bezeugen. Ohne diesen letzten Schritt wären seine Person und Botschaft wohl spurlos an der Nachwelt vorübergegangen.

Die Botschaft dieses liebenden Gottes bedeute, dass auch die Menschen ihr Leben mit jesuanischem Gottvertrauen gestalten dürften. Ein Gott, der nicht anklage, sondern ermutige, sich selbst und anderen vertrauensvoll zu vergeben.  

Brotbrechen als Wesen des Christentums 

Trummers Kritik beschränkt sich nicht auf den Sühnetod Jesu. Er zieht in Zweifel, dass Jesus Mensch und Gott zugleich war. Den Begriff der Gottesnatur hätten Kirchenmänner sich ausgedacht, um ihre eigenen Vorstellungen über Jesus möglichst unanfechtbar abzusichern. Trummer betont demgegenüber, dass alle Menschen Gotteskinder sind.

Wenn das Konzil von Nizäa, welches die Gottesnatur Jesu festlegte, die «gottmenschliche Würde jedes Menschenkindes» erkannt hätte, würde die Welt anders aussehen, weil dies «das konsequente Ende aller Sklaverei, Menschenverachtung und Gewalttaten» bedeute.  

Im letzten Teil kritisiert Trummer die Hochstilisierung des gemeinsamen Brotbrechens zur Gegenwart Gottes in der Eucharistie. Ein Konstrukt, mit dem laut Trummer die Mehrheit der Katholik:innen nichts anfangen kann. «Einzig das Brotbrechen war identitätsstiftend», sagt Trummer über die frühe Christenheit und sieht darin die eigentliche Bedeutung des Abendmahls. «Alle werden ermutigt, sich zu stärken und Nahrung zu sich zu nehmen», und damit hätten auch alle teil an der Verheissung des Lebens in Fülle für alle. Entsprechend ist für Trummer das gemeinsame Essen, das alle sozialen Grenzen überschreitet, das Wesen des Christentums.