Vor meinem Fenster hing dichter Nebel. Es war kurz vor Weihnachten. Ich hatte an diesem Tag noch andere Termine und mit meiner Freundin vereinbart, dass wir uns zu einem stündigen Spaziergang treffen. Dass unser Weg uns dabei an die Nebelgrenze führen würde, hatten wir nicht erwartet. Es war kalt, an den Bäumen hingen kleine Eiszapfen und jeder noch so kleine Ast war voller filigraner Eiskristalle. Die Spuren von Wind und Kälte waren auf jedem Busch zu sehen. Immer wieder hielten wir inne und staunten. Wir versuchten, ein paar Fotos zu machen, um schnell festzustellen, dass sich dieses Phänomen auf keinem Bild wirklich festhalten lässt. Man kann dieses Glücksgefühl nur erleben und in Erinnerung behalten. Mit eisigen Fingern und etwas beschämt versteckten wir unsere Handys in die Taschen und trotzten der Kälte mit einem angemessenen Marschtempo. Es ging steil bergauf und plötzlich drückte sich eine helle runde Scheibe durch die Nebelwand. Konnte das die Sonne sein?
Nebelschwaden mischten sich mit goldenen Sonnenstrahlen, die wie durch einen Vorhang die mit Raureif überzogene Landschaft berührten. Aufs Neue blieben wir stehen und staunten. Wir standen an einem Übergang, ein fast heiliges Gefühl überkam uns und wir standen verzaubert am Tor zu einer sich im Sonnenlicht eben vor unseren Augen neu erschaffenden Winterwunderwelt. Wir standen einfach da und die Zeit schien still zu stehen.
«Lass uns noch ein paar Höhenmeter weiter aufsteigen», schlug ich vor, «vielleicht können wir das Nebelmeer von oben sehen.» Fünf Minuten später sahen wir es. Die Sonne schien jetzt kräftig und über der himmlischen Watte, die sich zu unseren Füssen ausbreitete, hörten wir im Wald ein Klirren. Das Eis löste sich aus den Tannenzweigen und regnete mit silbrigem Klang auf uns herab. Wir standen lange unter verschiedenen Bäumen. Die grosse Tanne am Wegrand hatte es uns besonders angetan. Mit geschlossenen Augen liessen wir uns mit Silbersegen beregnen und fühlten uns beschenkt für immer. «Lass gut sein, das war schon Weihnachten. Ein silbriges, klingendes Geschenk der Natur. Wie wunderbar.»
Simone Bühler, Seelsorgerin im Inselspital