In der Gusshalle der Firma Rüetschi in Aarau ist der Schmelzofen schon seit Stunden angeheizt, knallorangerot leuchtet es oben heraus. Die flüssige Glockenspeise, Kupfer und Zinn im Verhältnis 79 : 21, sind bald auf rund 1100 Grad erhitzt. Zeit für zwei der vier Arbeiter, den Gusskanal an die richtige Stelle zwischen Ofen und Eingussloch zu wuchten.
Was dann folgt, dauert nur wenige Minuten: Der Gusstechnologe Philipp Rüfenacht kippt den Ofen leicht nach vorn, das flüssige Metall läuft aus der Öffnung heraus in den Kanal, hinunter in die Glockenform, die fest in die Erde der Giessgrube eingegraben ist. Wenn die Form voll ist, ist die Arbeit erst einmal getan. Die Glocke muss dann ruhen und fest werden, bevor sie aus der Form geschlagen werden kann.
Ob beim Guss alles geklappt hat? «Das sehen wir erst in einigen Tagen», sagt Rüfenacht. Er habe aber ein gutes Gefühl. «Zu wenig Metall war es jedenfalls nicht.»
Ohne neue Kirchen gibt es kaum neue Glocken
Rüfenacht giesst seit 29 Jahren Glocken. In der Regel freitags um 15.00, der Sterbestunde Jesu. Dieser Termin hat seit Jahrhunderten Tradition, aber auch praktische Gründe sprechen dafür. Am Wochenende ist es in der Firma ruhig, und die Glocke kann ohne Erschütterung einhärten. Die Gelegenheit zum Glockenguss bekommt Rüfenacht heute weniger regelmässig als früher.
Wo keine neuen Kirchen gebaut werden, braucht es kaum neue Glocken. Einmal installiert, tut ein Geläut oft jahrhundertelang seinen Dienst. Die ältesten noch funktionstüchtigen Kirchenglocken in der Schweiz stammen aus dem 13. Jahrhundert. In der Firma Rüetschi, der einzigen noch existierenden Glockengiesserei der Schweiz, liegt der letzte Kirchenglockenguss ein Jahr zurück.
Die Glocke, die Rüfenacht und seine Kollegen heute giessen, hat der Verein Glockenmuseum Basel in Auftrag gegeben. Sie soll Teil eines mobilen, zwei Oktaven umfassenden Glockenspiels werden, das in einem Container durch die Schweiz touren und die Glockenkunst wieder mehr ins öffentliche Bewusstsein rücken soll.
Die Glocke vereint Handwerk, Musik und Technik
«Die Glocke ist Kunstgegenstand und Musikinstrument. Sie vereint hochkulturelles Handwerk, Klang und Technik», sagt Matthias Walter, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Denkmalpflege des Kantons Bern. Walter faszinierte «die Stimme aus dem Kirchturm» schon während seiner Kindheit. Das Geläut der Antoniuskirche in Bümpliz gliederte seinen Tag. «Mich hat interessiert, warum es aus anderen Türmen anders klingt. Da ist dieses Verborgene, das dann doch eine grosse öffentliche Wirkung entfaltet», sagt der Präsident der Schweizer «Gilde der Carillonneure und Campanologen». Wenn es um Glocken geht, bezeichnet Walter sich selbst als Freak. Tatsächlich ist der 47-Jährige der bekannteste Glockenexperte der Schweiz.
Der Klang ist entscheidend
In dieser Funktion bekommt er Aufträge, wenn ein Kirchturm saniert wird oder eine Glocke beschädigt ist, vor allem aber, wenn Pfarreien den Klang ihres Geläuts als nicht mehr angenehm empfinden oder wenn es Beschwerden aus der Bevölkerung gibt. Das Geläut von Kirchenglocken werde heute weniger selbstverständlich hingenommen als noch vor zwanzig Jahren, sagt Walter.
Umso wichtiger sei ein angenehmer Klang. «Glocken sollen sympathisch und warm klingen, nicht schrill und peitschend. Auch die Gemeindemitglieder wollen nicht von ohrenbetäubendem Lärm in die Kirche getrieben werden.» Auf welcher Tonhöhe eine Glocke erklingt, bestimmt die Wahl des Glockenprofils am Anfang des Herstellungsprozesses.
Das Profil wird mit Hilfe einer Holzschablone konstruiert. Die Glocke, die heute in Aarau entsteht, hat das zweigestrichene C als Schlagton. Darüber, ob dieser bald auf angenehme Weise erklingt, entscheiden vor allem Machart und Positionierung des Klöppels, des schwingenden Schlagstocks in der Mitte der Glocke. Um dessen Funktion zu optimieren, werden ständig neue Methoden und Techniken entwickelt.
Der «Glöckner von Notre Berne»
Das weiss auch Felix Gerber, Sigrist am Berner Münster. Bei ihm gebe es nie Reklamationen wegen des Geläuts, sagt der 59-Jährige, «null». Aber auch an den Münsterglocken, einem der ältesten noch spielbaren Grossgeläute der Welt, wurden schon vier Klöppel erneuert. Gerber ist seit 2007 auf seiner heutigen Stelle, das Geläut liegt ihm besonders am Herzen.
Er hat es als liturgisches Element in der reformierten Kirchgemeinde des Münsters etabliert. «Es gibt den Gedanken der äusseren und der inneren Sammlung vor Gebet und Gottesdienst», erklärt er. «Im Kirchenraum ist es die Orgel, draussen sind es die Glocken, die die Gemeinde zusammenrufen.»
Ausserdem legt der «Glöckner von Notre Berne», wie Gerber auch genannt wird, Wert auf eine diversifizierte Läuteordnung. An den verschiedenen Sonn- und Feiertagen kommen die sieben Glocken des Münsters auf unterschiedliche Weise zum Einsatz. An Weihnachten ist die Grosse Glocke beim Einläuten auch einmal solo zu hören. Das ist sonst nur an sechs anderen Tagen im Jahr der Fall.
Glocken als Zeitzeugen
Einen besonderen Auftritt bekommt das Münstergeläut seit 18 Jahren am 1. Januar, auch das war Gerbers Idee. Beim Neujahrsgeläut steuert er von der elektrischen Läuteanlage aus ein Stück, das der Münsterorganist Christian Barthen eigens für diesen Anlass immer neu komponiert. Die «Sammlung» der Menschen funktioniert dann besonders gut.
Mehrere Hundert kommen jedes Jahr zum Glockenkonzert auf den Münsterplatz. Drei der sieben Glocken des Berner Wahrzeichens, eine der beiden ehemaligen Feuerglocken, die Silberglocke und die Burgerglocke, stammen aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Sie sind also vorreformatorische, eigentlich «katholische» Glocken.
Auch die Grosse Glocke stammt aus dieser Zeit, sie wurde im Laufe der Jahrhunderte aber zwei Mal eingeschmolzen. Bei ihrem letzten Neuguss 1611 erhielt sie eine antikatholische Inschrift. Darin liest man noch heute vom «blinden Aberglauben» und vom neuen «wahren Glauben, Frömmigkeit und Religion», denen die Glocke fortan diene.
Die Berner Münstergemeinde vertritt freilich seit Jahrzehnten eine weitaus ökumenischere Haltung. Auch wenn der Klang eines Geläuts zeitlos ist, sind die Glocken selbst eben Zeugen ihrer Zeit. Das sieht allerdings erst, wer den Weg hinauf in den Kirchturm findet. Die Glocken, die der Verein Glockenmuseum Basel bald auf die Reise durch die Schweiz schicken will, sollen ohne grosse Mühe für alle sichtbar sein. Glocken zum Anfassen sozusagen. Auf einer von ihnen steht: «Viel Spass».