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Geständnis

Kolumne aus der Inselspitalseelsorge

Als ich vor 17 Jahren meine Tätigkeit als Seelsorgerin am Inselspital begann, lebten auf dem Gelände neben vielen Wildtieren auch Hühner und Gänse. An einem frühen Sonntagmorgen – es war einer meiner ersten Wochenenddienste – begegnete ich mitten auf der Kreuzung Murtenstrasse / Friedbühlstrasse einer Schar fröhlich ausgebüxter Hühner. Mit einem etwas überschiessenden Diensteifer, wie er Anfänger:innen bisweilen eigen ist, fühlte ich mich auch für die gefiederten Inselbewohner verantwortlich und alarmierte umgehend die Polizei. Zwei junge Polizisten trieben die übermütigen Hühner dorthin zurück, wo ich annahm, dass sie hingehörten: zum Gehege auf dem Spitalgelände. Leider war das kein glücklicher Ausgang für das Federvieh. 

In der folgenden Woche erfuhr ich nämlich, dass die Ausreisserinnen gar nicht zum Inselspital gehört hatten, sondern einem Steinmetz an der Murtenstrasse. Die Inselgänse und -hühner sollen über die wundersame Vermehrung wenig entzückt gewesen sein. Zum Glück überstanden die Hühner ihre Fremdplatzierung, wenn auch etwas gerupft.

Manchmal ist eben gut gemeint nicht wirklich gut. Mit den Jahren, so hoffe ich jedenfalls, habe ich ein feineres Gespür dafür entwickelt, wann Initiative gefragt und wann eher Zurückhaltung angebracht ist.

Ich würde sogar sagen: Die feine Gratwanderung zwischen helfendem Eingreifen und achtsamem Nicht-Handeln gehört zu den wichtigsten Fähigkeiten in der Begleitung von Menschen in Ausnahmesituationen.
 

nid mache
nid tue
lehre z luege
wis chunnt
u wis geit
la lige
la wachse
la sta

 

Aus: Balts Nill: «vo wäge DO», berndeutsche Übersetzung von Laotse, Tao Te King, S. 10

Marianne Kramer, Seelsorgerin im Inselspital

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