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Wann ist ein Mann ein Mann? Über Geschlechterbilder sollten wir schon in der Schule sprechen, meint Anne-Christine Halter. Foto: iStock

«Geschlechtsspezifische Gewalt ist ein gesellschaftliches Problem»

Die «Bösen» sind nicht immer nur die anderen, sagt die Religions- und Politikwissenschaftlerin Anne-Christine Halter. Ein Gespräch über geschlechtsspezifische Gewalt, Männlichkeit und den Einfluss der Religion.

Interview: Sarah Stutte

«pfarrblatt»: Viele Debatten über geschlechtsspezifische Gewalt konzentrieren sich auf einzelne Täter. Was geht verloren, wenn wir nicht auch über gesellschaftliche Männlichkeitsbilder sprechen? 

Anne-Christine Halter: Wenn die Bösen immer «die anderen» sind, dann hat das mit uns selber nichts zu tun, und wir müssen unsere eigenen Rollen und Beziehungen nicht hinterfragen. Die Idee von einzelnen «Monstern» entlastet die Gesellschaft. Geschlechtsspezifische Gewalt entsteht jedoch nicht isoliert, sondern in gesellschaftlichen Strukturen und Rollenbildern. Der Fokus auf Einzelfälle verdeckt, wie sehr wir selbst in diese Strukturen eingebunden sind. Entscheidend ist daher auch die Frage, welche Männlichkeitsbilder, die Gewalt begünstigen, wir alle in uns tragen. 

Welche Rolle spielen religiöse Traditionen dabei – stabilisieren sie patriarchale Männlichkeitsbilder oder hinterfragen sie diese? 

Halter: Beides ist möglich. Die Soziologin und Islamwissenschaftlerin Noemi Trucco betont, dass Geschlechterordnungen häufig mit Tradition und konservativem Traditionalismus zu tun haben, der in vielen Religionen vorkommt. In der politischen Debatte wird geschlechtsspezifische Gewalt häufig als «Ausländerproblem» dargestellt. Besonders muslimische Gemeinschaften geraten dabei schnell unter Generalverdacht. 

Empirisch lässt sich das nicht belegen. Problematische Geschlechterbilder finden sich in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen und religiösen Kontexten, sagt etwa der Kriminologe Ahmed Ajil. Gleichzeitig gibt es religiöse Stimmen, die Geschlechtergleichheit und Befreiung betonen. 

Warum ist es wichtig, Religion, Gewalt und antimuslimischen Rassismus gemeinsam zu betrachten? 

Halter: Weil diese Themen zusammenhängen. Noemi Trucco beschreibt die Geschlechtsabhängigkeit von antimuslimischem Rassismus als eines seiner zentralen Organisationsprinzipien. Sie sagt: «Man konstruiert den Mann als gefährlich, als patriarchal und die Frau als naives, passives Opfer ohne Handlungsfähigkeit. Alle anderen können sich dann über diese Abgrenzung als geschlechtergerecht definieren, obwohl das ja überhaupt nicht stimmt.» 

Gibt es Formen von «progressiver Männlichkeit», die Sie überzeugend finden? 

Halter: Der deutsche Autor und politische Publizist Kim Posster kritisiert, dass «kritische Männlichkeit» oft bei der Selbstreflexion stehen bleibt, ohne aktiv dazu beizutragen, die Strukturen zu verändern. Er sagt: «Es geht nicht darum, dass Männer herausfinden, wie sie im Patriarchat zu den Guten werden. Sondern es gibt eben das Patriarchat, und es gibt eine Bewegung, die dagegen kämpft, sie heisst Feminismus. Mit ihr müssen sich Männer auseinandersetzen und sich fragen, wie sie sich solidarisch daran beteiligen können.» 

Der Männer- und Gewaltberater Christoph Gosteli betont, es komme nicht darauf an, dass Männer die richtigen Sätze lernen, sondern dass sie handeln – besonders wenn es kritisch wird. Männer müssten andere Männer konfrontieren und auf ihr sexistisches Verhalten ansprechen. 

Wenn junge Männer heute nach Orientierung suchen: Welche Narrative wären hilfreich – und welche müssten wir verlernen? 

Halter: Es gibt viele Angebote: Fachstellen wie «männer.ch», feministische und queere Theologien und Literatur, Podcasts oder Social Media. Wichtig ist auch, bereits in der Schule über Geschlechterbilder zu sprechen, weil diese uns von Anfang an prägen. Fachstellen wie «Oh Boy*» können dabei unterstützen. Gleichzeitig erleben wir online eine starke antifeministische Dynamik, die extreme Geschlechterrollen propagiert. Umso wichtiger sind Gegenentwürfe, die Verantwortung, Solidarität und Verletzlichkeit stärken. Schlussendlich braucht es Widerstand und Vernetzung. 

Warum war es Ihnen wichtig, gerade jetzt einen Anlass zu diesem Thema zu organisieren? 

Halter: Wir erleben momentan eine starke Betonung autoritärer Männlichkeitsbilder. Politisch wird vielerorts der «starke Mann» inszeniert. Gleichzeitig radikalisieren sich junge Männer online in antifeministischen Szenen. In der Schweiz gab es letztes Jahr ein Rekordjahr an Femiziden – wobei die Fälle noch nicht einmal flächendeckend erfasst werden. Und wie Agota Lavoyer in ihrem Buch «Jede_ Frau» schreibt, kann sich jede Frau oder queere Person an sexistische Grenzüberschreitungen erinnern, die sie erleben musste. 

Oft wird geschlechtsspezifische Gewalt als Problem «der anderen» dargestellt. Das macht es einfach, sich selbst nicht betroffen zu fühlen und das Thema beiseite zu schieben. Doch wir alle sind in gesellschaftliche Strukturen eingebunden, die von Sexismus und Rassismus geprägt sind. Der erste Schritt ist deshalb, hinzuschauen und diese Prägungen ernst zu nehmen – bei uns selbst.

 

Zur Person 

Anne-Christine Halter (*1995) ist Religions- und Politikwissenschaftlerin und übernimmt bei der Zeitschrift «Neue Wege» die Öffentlichkeitsarbeit. Sie organisiert Veranstaltungen und engagiert sich politisch für die SP.

Texte der im Interview erwähnten Autor:innen finden sich in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift «Neue Wege» mit dem Titel «Autoritäre Männlichkeit». Sie sind auch nachzulesen auf www.neuewege.ch

Die Veranstaltung «Geschlechterspezifische Gewalt – Männlichkeit – Religion» findet am Samstag, 30. Mai, 15.00–17.00 im Stadtkloster Frieden, Friedensstrasse 9 in Bern statt.
Der Eintritt ist frei – es gibt eine Kollekte.