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Ausgeglichene Verhältnisse: Gerechtigkeit ist ein Thema, das die Menschen schon immer begleitet. Foto: Unsplash

Gerechtigkeit ohne Gott

Ob Rente, Bildungssystem oder die Besteuerung von Superreichen – hinter allem steht die Frage: Was ist gerecht? Ein Klärungsversuch.


Von der Wiege bis zur Bahre begleitet uns die Frage nach der Gerechtigkeit. Kinder diskutieren darüber beim Kampf um die Sandschaufel im Kindergarten, Erwachsene in der Arbeitsund Beziehungswelt. Am Ende des Lebens stehen die Menschen häufig vor der Aufgabe, ihr Erbe nach gerechten Massstäben aufzuteilen. 

Der gerechte Gott – der gerechte Mensch

 Gerechtigkeit ist auch eines der Hauptthemen in der jüdischchristlichen Tradition. In Psalm 145 heisst es: «Gerecht ist der Herr auf all seinen Wegen und getreu in all seinen Werken.» Verantwortlich für Gerechtigkeit und Recht sind im Denken der vorderorientalischen Welt wie in der Antike generell also Gott (oder die Götter). 

Für das Volk Israel ist sein Gott der höchste Gerechte, er wacht über die Gesetze und ist barmherzig denen gegenüber, die sich an sie halten; die sie nicht befolgen, setzen sich seinem Zorn aus. Der ganzen Schöpfung ist das göttliche Gesetz eingeprägt. Die Aufgabe des Menschen ist es, Recht und Gerechtigkeit aus dem göttlichen Gesetz herauszulesen und in richtiges Handeln zu übersetzen.

Mit dem Wissen um diese Zusammenhänge wird klar, warum im Alten Testament so ausführliche und alle Lebensbereiche umfassende Rechts- und Gesetzestexte enthalten sind. Ein Beispiel dafür ist folgendes Gebot aus Dtn 25,13–16: 
 

13 Du sollst in deinem Beutel nicht zwei verschiedene Gewichte haben, ein grösseres und ein kleineres. […] 15  Volle und richtige Gewichte sollst du haben, volle und richtige Hohlmasse sollst du haben, damit du lange in dem Land lebst, das der Herr, dein Gott, dir gibt. 16 Denn alle, die so etwas tun, alle Betrüger, sind dem Herrn ein Gräuel. 


Dieser kurze Abschnitt formuliert eine Regel für das faire Zusammenleben (die Gewichte und Masse müssen stimmen), aber zugleich wird diese Regel an der göttlichen Gerechtigkeit gemessen: Wer ungerecht handelt, ist in den Augen Gottes ein Betrüger. Eine Warnung kommt noch hinzu, die hier zwar den Einzelnen anspricht, aber das ganze Volk Israel mit meint: Wenn ihr Betrüger werdet, ist es schnell vorbei mit dem verheissenen Land. Ungerechtigkeit zerstört eine Gesellschaft. 
 


Stellvertreter Gottes auf Erden

Nach dem altorientalischen Verständnis gibt es Menschen, die von Gott zur Wahrung von Recht und Gerechtigkeit eingesetzt worden sind. Dies sind die Könige eines Volkes, die idealerweise so gerecht sein sollten wie der Gott, von dem sie ihre Macht erhalten haben. 

Anstatt für Recht und Gerechtigkeit zu sorgen, gefallen diese sich wie die gesamte Oberschicht aber in Prunk und pompöser Grandezza. Propheten wie Hosea oder Amos stellen die Könige deshalb vor die Wahl: «Entweder kehrt Ihr wieder zum Recht Eurer Väter zurück – oder Gott selbst wird über Euch zu Gericht sitzen!»

Eine Hoffnung auf künftige Gerechtigkeit entsteht

Die Vorstellung, dass Gott und König im Hier und Jetzt für Recht und Gerechtigkeit sorgen müssen, entwickelt sich wegen der traumatischen Verluste der beiden Königreiche Israel und Judäa im 7. und 6. Jahrhundert vor der Zeitenwende, wegen Exilerfahrungen und wegen fortdauernder Fremdherrschaften (fast zwangsläufig) zu einer glühenden Hoffnung weiter – einer Hoffnung auf das im Keimen bestehende, vollgültig aber erst noch kommende Reich Gottes, das Jesus der armen Bevölkerung Galiläas verkündet. 

Mit römischer Fremdherrschaft, mit Rechtlosigkeit und mit der Pervertierung göttlicher Ordnung wird es in diesem Reich Gottes ein für alle Mal vorbei sein; die kosmische – gerechte! – Ordnung wird dann wieder vollständig hergestellt sein. Auf den Anbruch des Reiches Gottes steuern Christ:innen heute immer noch zu. Zugleich sind sie dazu angehalten, durch Taten und Tugenden der Gerechtigkeit an der Realisierung dieses Reiches mitzuarbeiten.
 


Gerechtigkeit gottlos denken 

In unseren westlichen Gesellschaften können die allgemein geltenden Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit aber nicht mehr mit Gott begründet werden. Andernfalls müsste man davon ausgehen, dass alle Menschen den Glauben an ein und denselben Gott mit der gleichen Vorstellung von Recht und Gerechtigkeit teilten. Das hat schon früher nicht gut funktioniert. In Gesellschaften wie der unseren, in denen vielfältige Kulturen und Überzeugungen zusammenleben, ist dieses Ziel unerreichbar. 

Der Vorhang des Nichtwissens

Wie kann es dann aber gelingen, allgemeine Grundsätze der Gerechtigkeit zu begründen? Diese Frage hat wie keine zweite die vergangenen Jahre in der Ethik bestimmt. An ihrem Ausgangspunkt steht das Werk «Eine Theorie der Gerechtigkeit» des US-amerikanischen Philosophen John Rawls. Seine ebenso geniale wie heiss diskutierte Lösung ist die eines Gedankenexperiments. 

Er bittet seine Leser:innen, sich ein Meeting vorzustellen, bei dem alle Bürger:innen die Grundsätze der Gerechtigkeit beraten. Der Weg zu diesem Meeting führt durch einen «Vorhang», der alles Wissen über die private Lebenssituation, Talente und Ziele für die Dauer des Meetings raubt. 

Zwei Grundsätze der Gerechtigkeit

Rawls argumentiert, dass dieses Meeting zu zwei Grundsätzen der Gerechtigkeit führen würde, die anschliessend das Fundament von Recht und Gesetz bilden: Erstens, dass alle Menschen über die gleichen Grundrechte verfügen sollen und dass, zweitens, wirtschaftliche (!) Ungleichheiten nur dann möglich sein sollen, wenn sie den Ärmeren den grösstmöglichen Vorteil bieten. 

Rawls fragt: Würden nicht alle wollen, dass sie vorrangig am gesellschaftlichen Erfolg teilhaben dürfen, wenn sie das Leben aufgrund reinen Zufalls in eine ungünstige Ausgangslage befördert hätte? Niemand kann ja bestimmen, in welche Lebensumstände man hineingeboren wird.

Richtschnur im Alltag

 Rawls Gerechtigkeitsgrundsätze haben in der christlichen Ethik viel Zustimmung erfahren. Denn hier wie dort stehen ärmere Personen im Fokus der Gerechtigkeit, wenngleich mit unterschiedlichen Begründungen. Geht es im Christentum um eine vorrangige Option für die Armen, welche die Zuwendung Gottes zu den Rechtlosen und ungerecht Behandelten verdeutlicht, geht es John Rawls um das ganz praktische Funktionieren einer modernen Gesellschaft.

Doch gerade im Alltag kann uns das Gedankenexperiment Rawls’ als Richtschnur bei der Beantwortung schwieriger Gerechtigkeitsfragen helfen. Denn mit Rawls können wir uns von unserer eigenen Lebenssituation distanzieren und uns, ohne auf den eigenen Vorteil zu schielen, fragen, welche Lösung in einer gegebenen Situation tatsächlich gerecht wäre.


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