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Im Juni wurde in Damaskus eine Kirche zerstört. Foto: Kirche in Not

Gemeinsam für Religionsfreiheit

Vor 50 Jahren fanden in Bern und Zürich Schweigemärsche statt. Tausende protestierten gegen die Verfolgung von Christ:innen im kommunistischen Osteuropa. Anlässlich dieses Jubiläums erinnerten die Schweizer Kirchen in Bern an die Gefährdung der Religionsfreiheit weltweit.

 

Die Tagung «Religionsfreiheit im Fokus» fand am 7. November im Kornhausforum in Bern statt. Aus diesem Anlass publizierten die christlichen Kirchen und Gemeinschaften eine gemeinsame Botschaft: Sie erinnern daran, dass Religionsfreiheit ein Menschenrecht ist, das nach wie vor weltweit verletzt wird. «Ausdrücklich schützen die Menschenrechte die Gewissens-, Religions- und Weltanschauungsfreiheit», heisst es in der Botschaft. «Nach dem Selbstverständnis der christlichen Kirchen und ihres Menschenbildes folgt eine unbedingte Pflicht, für diese Rechte aller Personen und Glaubensgemeinschaften einzutreten.» 

Unterzeichnet wurde Adie Erklärung von Charles Morerod, Präsident der Schweizer Bischofskonferenz (SBK), Rita Famos, Präsidentin der Evangelisch-Reformierten Kirche Schweiz (EKS), dem Christkatholischen Bischof Frank Bangerter sowie den Präsidenten der Schweizerischen Evangelischen Allianz (SEA) und des Dachverbands der Freikirchen und christlichen Gemeinschaften Schweiz. 

Befremdung und Zumutung aushalten

Religiöse Diskriminierung und Verfolgung gründeten häufig in bedrohten kulturellen Identitäten oder religiöser Überheblichkeit, heisst es darin weiter. Dabei sei keine Glaubensgemeinschaft vor religiöser Intoleranz geschützt, wie die Geschichte der christlichen Konfessionen in der Schweiz zeige. «Unabhängig davon, ob religiöse Überzeugungen und Ausdrucksformen miteinander vereinbar sind, Befremdung hervorrufen oder sie als Zumutung erfahren werden, schützt die Religionsfreiheit ihr Nebeneinander», argumentieren die Kirchen. Die Ablehnung eines Glaubens rechtfertige niemals die Diskriminierung von Personen dieser Glaubensgemeinschaft. 

Unterschiedliche Haltungen bei Abstimmungen

Bei Abstimmungen, die die Religionsfreiheit in der Schweiz betreffen, sind sich die christlichen Kirchen und Gemeinschaften in der Schweiz allerdings nicht immer einig, wie die gemeinsame Botschaft vermuten lässt. So gab die SBK 2021 bei der Initiative über ein Verhüllungsverbot («Burka-Initiative») keine klare Stellungnahme ab. Während sich die EKS dagegen aussprach, trat die SEA für ein Ja ein. Anders 2009 beim Minarett-Verbot. Hier sprachen sich die SBK, der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (heute EKS) und die SEA gegen ein Verbot aus. Die Initiative sei nicht geeignet, die Probleme des Zusammenlebens zu lösen, hielten die Bischöfe damals fest

Schweigemärsche in Bern und Zürich

Im September 1975 gingen in Bern und Zürich rund 15'000 Menschen auf die Strasse. Mit Schweigemärschen machten sie auf die Situation verfolgter Christ:innen im kommunistischen Osteuropa aufmerksam. Treibende Kraft dahinter war der reformierte Pfarrer Hansjürg Stückelberger, der später das Hilfswerk «Christian Solidarity International» und die Stiftung «Zukunft Schweiz» gründete. Zum Protest aufgerufen hatten zudem mehrere christliche Hilfs- und Missionswerke, darunter die Christliche Ostmission und die Ostpriesterhilfe (heute «Kirche in Not»), wie aus einer SRF-Nachrichtensendung vom 23.9.1975 hervorgeht. Im Bericht wird deutlich, dass die Schweigemärsche innerkirchlich umstritten waren. Kritisiert wurde, dass die Initiant:innen unter dem Deckmantel der Religionsfreiheit eine politische, antikommunistische Agenda verfolgten und dass der Fokus einseitig auf Christ:innen läge.