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Claudia und Simone Paganini beleuchten die Menschen in den biblischen Geschichten hinsichtlich ihrer psychischen Auffälligkeiten. Themen wie beispielsweise Depression, Sucht, Trauma oder Kontrollverlust lassen sich hier ausmachen. Foto: zVg

«Fürchte Dich nicht!»

Angst, Depression, Trauma: Die Bibel erzählt von psychischen Leiden, lange bevor es Diagnosen gab. Claudia und Simone Paganini lesen sie deshalb auch als psychologisches Werk. Ein Gespräch über Hagar in der Wüste, Exorzisten und die Grenzen religiöser Deutung.

Interview: Aurel Jörg

«pfarrblatt»: Vor ziemlich genau einem Jahr fand in der Nähe von Rom ein sonderbarer Anlass statt: Papst Leo XIV. richtete eine Grussbotschaft an rund 300 Exorzisten. Was zum Teufel tut ein Exorzist im Jahr 2026? Und welche Worte richtete der Papst an diese? 

Claudia und Simone Paganini: Man könnte denken, Exorzisten gehörten eher in einen Roman über das Mittelalter als in die heutige Zeit. Aber tatsächlich gibt es Exorzisten innerhalb der katholischen Kirche bis heute. Ihre Aufgabe besteht darin, durch Gebete und Rituale Menschen von einer vermeintlichen Besessenheit durch böse Mächte oder den Teufel zu befreien. Papst Leo XIV. bezeichnete diese Tätigkeit als einen «heiklen und äusserst notwendigen Dienst der Befreiung vom Bösen». Damit wird ein sehr altes religiöses Erklärungsmodell bis in die unmittelbare Gegenwart hinein fortgesetzt. 

Es geht um die Vorstellung, dass sich in bestimmten aussergewöhnlichen psychischen oder körperlichen Zuständen nicht nur Krankheit, sondern eine von aussen kommende böse Macht manifestieren könne. Das ist aus heutiger naturwissenschaftlicher Sicht hochproblematisch. Vieles von dem, was in religiösen Traditionen als Besessenheit beschrieben wurde – Stimmenhören, unkontrollierte Bewegungen, Selbstverletzung, Krampfanfälle oder depressive Zustände –, lässt sich heute medizinisch und psychologisch sehr viel plausibler erklären.
 


Also wird psychisches Leiden noch heute als Symptom einer gestörten Gottesbeziehung gelesen?

Die Exorzisten stellen eine kleine Minderheit dar. Was man allerdings sagen kann, ist, dass dieses Erklärungsmuster eine lange und wirkmächtige religiöse Geschichte hat. Das Problem entsteht dort, wo religiöse Deutung medizinische oder psychotherapeutische Hilfe ersetzt oder ablehnt. Natürlich darf ein gläubiger Mensch seine Erkrankung spirituell deuten. Er darf beten, nach Sinn fragen, mit einem Seelsorger sprechen. Problematisch wird es, wenn aus einer Depression ein Mangel an Glauben konstruiert wird, aus einer Zwangserkrankung Besessenheit oder aus einer Angststörung mangelndes Gottvertrauen. 

Sie selbst bezeichnen die Bibel als ältestes psychologisches Werk – weshalb? 

Das ist natürlich eine Zuspitzung. Wir behaupten nicht, die Bibel sei ein Lehrbuch der klinischen Psychologie, und natürlich kannten ihre Autoren weder Neurotransmitter noch F-Diagnosen nach ICD-Kriterien. Aber die Bibel ist eines der ältesten grossen Textkorpora, das Menschen über sehr lange Zeiträume hinweg erstaunlich genau beim Denken und Fühlen, bei ihrem Bemühen, das Leben zu bewältigen, und bei ihrem Scheitern beobachtet hat. 

Wenn man sie nicht nur als religiöses Offenbarungsdokument liest, sondern auch als kulturgeschichtliche Quelle, dann begegnet einem dort eigentlich fast die gesamte Bandbreite psychischer Erkrankungen: Angst, Depression, Zwang, Sucht, Trauma, Grössenphantasien, Kontrollverlust, Stimmenhören, Wahn, kognitiver Abbau. Diese Zustände werden nicht abstrakt beschrieben, sondern in Geschichten. Die Bibel erzählt zum Beispiel, dass da eine Frau in der Wüste sitzt, sie kann nicht mehr handeln, sieht nur noch den Tod ihres Kindes vor sich, ihre Stimme versagt ihr und so fort. Das eine ist eine diagnostische Sprache, das andere sind in Geschichten erinnerte menschliche Erfahrungen.
 


Sie sehen in dieser Geschichte, der Erzählung Hagar im Alten Testament, eine eindrückliche und gleichzeitig unscheinbare Darstellung einer depressiven Episode. Warum? 

Hagar wird mit ihrem Sohn Ismael von Sarah aus dem Familienverband gedrängt und in die Wüste geschickt. Irgendwann ist das Wasser aufgebraucht. Jetzt wäre schnelles Handeln gefragt: Wasser suchen, Hilfe organisieren, zurückgehen, protestieren, irgendetwas tun. Aber Hagar tut nichts von all dem. Sie legt ihr Kind ab, setzt sich entfernt von ihm hin und denkt nur noch: «Ich kann den Tod des Kindes nicht ansehen.» Sie plant nicht mehr. Sie fordert nichts ein. Sie ruft nicht einmal nach Gott. Ihre Wahrnehmung verengt sich, sie ist hoffnungslos, es kommt zu passivem Rückzug und einer starken Einengung auf negative Zukunftserwartungen. 

Die Wendung der Erzählung ist psychologisch interessant. Die göttliche Stimme bietet nämlich zunächst Sicherheit und Beziehung an. Gott sagt: «Was hast du, Hagar?» und «Fürchte dich nicht». Dann folgt eine konkrete Aufforderung: «Steh auf. Nimm das Kind.» Das erinnert an die Verhaltensaktivierung in der Behandlung von Depressionen. Erst danach heisst es: «Gott öffnete ihre Augen, und sie sah einen Brunnen.» Theologisch kann man das als Wunder lesen. Psychologisch lässt sich darin zugleich ein Bild dafür sehen, dass in Zuständen starker Hoffnungslosigkeit mögliche Auswege aus dem Blick geraten können – und mit neuer Aktivität und Hoffnung wieder wahrnehmbar werden. 

Die wiederkehrende biblische Formel «Fürchte dich nicht!» beschreiben Sie als die «vielleicht älteste psychotherapeutische Intervention der Menschheitsgeschichte». Das müssen Sie erklären. 

Wenn jemand heute mit einer Angststörung in eine psychotherapeutische Praxis kommt, wäre «Fürchte dich nicht!» allein eine ziemlich schlechte Therapie. Angst verschwindet natürlich nicht, weil jemand sagt, man solle sie nicht haben. Aber in der Bibel steht dieser Satz eben fast nie allein. Er wird in einer Situation der Beziehung gesprochen: «Ich bin da. Du bist nicht allein. Du musst das nicht allein tragen.» Das ist etwas völlig anderes als zu sagen: «Stell dich nicht so an.» 

Im Buch beschreiben wir Angst als eine anthropologische Grundkonstante. Die Bibel versucht gar nicht, eine Welt ohne Angst zu entwerfen. Viele ihrer grossen Gestalten haben Angst: Mose, Jakob, Gideon, Maria, Petrus, die Jünger, selbst Jesus. Die Frage lautet vielmehr: Wie lässt es sich handeln, obwohl die Angst da ist? Der Satz «Fürchte dich nicht!» unterbricht die Fixierung auf die Bedrohung, richtet die Aufmerksamkeit wieder auf Beziehung und Handlungsfähigkeit. Modern könnte man von einem korrigierenden emotionalen Angebot sprechen.
 


In Ihrem Buch werden gerade die «psychisch kranken» Menschen der Bibel zu Trägern von Hoffnung, ja zu Glaubensvorbildern. Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Würdigung und Romantisierung von Leiden? 

Natürlich wäre es fatal, psychische Erkrankungen als eine Form göttlicher Erwählung darzustellen. Das wäre nicht nur wissenschaftlich falsch, sondern gegenüber Betroffenen ausgesprochen zynisch. Psychisches Leiden ist zunächst Leiden. Eine Depression kann Leben zerstören. Angst kann Menschen massiv einschränken. Psychosen können Beziehungen und Selbstständigkeit schwer beeinträchtigen. Trauma verschwindet nicht dadurch, dass man ihm im Nachhinein einen Sinn verleiht. Aber das leugnen die biblischen Autoren ja auch nicht. Für sie sind diese Menschen nicht wertvoll oder von Gott erwählt, weil sie leiden. Vielmehr behalten sie ihre Bedeutsamkeit in ihrem Leiden oder trotz ihres Leidens, sie tragen die Heilsgeschichte mit, ohne zuvor wieder einwandfrei funktionieren zu müssen. Heilung muss nicht bedeuten, dass alle Symptome verschwinden. Manchmal bedeutet sie, dass ein Mensch trotz seiner Wunden wieder Handlungsspielraum, Sinn und Zukunft gewinnt. 

 

 

Zu den Personen

Claudia Paganini (*1978) ist als Philosophin an der Universität Innsbruck tätig. Zuvor wirkte sie als Gastdozentin an verschiedenen Universitäten und hatte zuletzt in München eine Professur für Medienethik inne. Sie ist Autorin mehrerer Romane und Kurzgeschichten. Simone Paganini (*1972) ist nach Stationen in Innsbruck, Wien und München seit 2013 Professor für Biblische Theologie an der Technischen Hochschule Aachen. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Bücher.