Krieg und Frieden erscheinen heute in einem anderen Licht als noch vor wenigen Jahrzehnten. Nach dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Ost-West-Konflikts 1989/90 schien ein auf den Menschenrechten aufbauendes Gesellschafts- und Politikmodell international fest etabliert. Das Gegenteil ist heute der Fall: Der Angriffskrieg Russlands auf die Ukraine, die Situation in den USA und die neuen Autoritarismen in Europa legen als neues Paradigma das Recht des Stärkeren nahe. Über die Möglichkeit einer Verteidigung des Rechts zur Not mit Mitteln der Gewalt muss neu nachgedacht werden. Dies fordert die christliche Friedensethik heraus und stellt auch die kirchliche Verkündigung unter veränderte Vorzeichen.
So veröffentlichte die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) Anfang November vergangenen Jahres eine Denkschrift, die als Zäsur innerhalb ihrer friedensethischen Positionierung bewertet werden kann. Der Grund für diese Einschätzung liegt vor allem in dem Abschied der EKD vom Pazifismus. Als universale politische Ethik lasse sich dieser nicht legitimieren, heisst es in der Denkschrift. Die vorangegangenen Texte der EKD hatten sich in der Frage nach Gewaltfreiheit noch deutlich anders positioniert. Bisher stand eine pazifistische Haltung im Mittelpunkt der Überlegungen.
Die Denkschrift von 2007 mit dem Titel «Aus Gottes Frieden leben – für gerechten Frieden sorgen» etwa schloss, aufbauend auf der ersten EKD-Friedensdenkschrift von 1981, die Anwendung rechtserhaltender Gewalt als ultima ratio zwar nicht aus. Doch ersetzte die Schrift die traditionelle Lehre vom «gerechten Krieg» durch das Konzept eines «gerechten Friedens».
Russlands Angriffskrieg erforderte ein Umdenken
Mit Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 geriet die EKD mit ihrer pazifistisch geprägten Haltung in die Defensive. Die Frage, unter welchen Bedingungen Gewalt gerechtfertigt ist, erscheint angesichts der aktuellen militärischen Konflikte dringender denn je. Die vor diesem Hintergrund veröffentlichte Denkschrift mit dem Titel «Welt in Unordnung – gerechter Frieden im Blick» ist das Ergebnis eines drei Jahre währenden, von innerkirchlichen Kontroversen geprägten Prozesses.
Zwar bleibt das Motiv des «gerechten Friedens» in dieser Schrift weiterhin zentral, angesichts der aktuellen politischen Herausforderungen erfährt es jedoch eine Relativierung. Das kategorische Nein zum Besitz von Atomwaffen etwa wird nicht aufrechterhalten. Der pazifistische Flügel innerhalb der evangelischen Kirche übte nach der Veröffentlichung denn auch deutliche Kritik.
In etwas abgeschwächter Form finden sich die für die EKD beschriebenen Entwicklungen auch auf Seiten der katholischen Kirche wieder. Ende des 20., Anfang des 21. Jahrhunderts fand hier zumindest im europäischen Kontext ebenfalls ein Paradigmenwechsel statt.
Die Lehre vom gerechten Krieg
Davor hatte sich die katholische Friedensethik über Jahrhunderte an der Lehre vom gerechten Krieg (Bellum-iustum-Lehre) orientiert. Vor allem im amerikanischen Kontext spielt die Just War Theory bis heute eine Rolle. Die Anfänge dieser Lehre gehen bereits auf Augustinus (354–430) zurück und wurden von Thomas von Aquin (1225–1274) weiterentwickelt. Dieser formulierte drei Prüfkriterien zur Rechtfertigung von Kriegen: erstens die zur Entscheidung über die Kriegsführung befugte politische Autorität, zweitens einen gerechtfertigten Grund zum Kriegseintritt und drittens die rechte Absicht.
Als weitere Kriterien kamen im Lauf der Geschichte die Aussicht auf Erfolg, die Ausschöpfung aller anderen Mittel (Krieg als ultima ratio) und die Wahrung der Verhältnismässigkeit im Einsatz der kriegerischen Mittel dazu. Da auch die praktische Durchführung des Krieges einer moralischen Beurteilung unterzogen werden muss, kennt die Lehre vom gerechten Krieg zwei Teile: zum einen die Frage nach dem Recht zum Krieg (ius ad bellum), zum anderen die Frage nach dem Recht im Krieg (ius in bello).
Frieden und Gerechtigkeit
Im Jahr 2000, also bereits vor der Denkschrift der evangelischen Kirche, veröffentlichten die deutschen Bischöfe das Wort «Gerechter Friede». Es knüpft an das Friedenswort der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) von 1983 an und behandelt schwerpunktmässig nicht mehr die Frage, unter welchen Bedingungen die Anwendung militärischer Gewalt gerechtfertigt sein kann, sondern Überlegungen darüber, welche Wege zum Frieden führen. Frieden wird dabei nicht einfach als Abwesenheit von Krieg definiert, sondern als eine umfassende, gerechte Ordnung menschlichen Zusammenlebens, die als normative Leitvorgabe sowohl für das Friedenshandeln als auch für politische Stellungnahmen der christlichen Kirchen zu gelten habe.
Leitend ist die Idee, dass Frieden aktiv hergestellt und Krieg dadurch präventiv verhindert werden kann. Es geht also nicht nur darum, Gewalt zu überwinden, sondern gleichzeitig darum, Bedingungen zu schaffen, die ein dauerhaftes friedliches Zusammenleben ermöglichen. Zu diesen Bedingungen zählen unter anderen wirtschaftliche Zusammenarbeit, faire politische Teilhabe, Schutz von Minderheiten, supranationale Kooperation sowie die Stärkung ziviler, gewaltpräventiver Konfliktbearbeitung. Zur Realisierung eines gerechten Friedens müssen verschiedene Dimensionen wie Recht, Politik und Wirtschaft zusammenwirken. Das Bischofswort macht sich in diesem Sinne auch stark für die Perspektive eines internationalen Gemeinwohls.
Haltung der Bischöfe und der Evangelischen Kirche Schweiz
Das neueste Friedenswort der DBK stammt von Februar vergangenen Jahres. Darin halten die Bischöfe an der grundsätzlich gewaltfreien Haltung des Christentums fest, betonen aber stärker als bisher die Notwendigkeit legitimer Selbstverteidigung. Auch hier zeigt sich also ein «Zurück» zur Perspektive auf die reale Möglichkeit des Krieges. Statt auf die Lehre vom gerechten Krieg zurückzukommen, sprechen die Bischöfe allerdings von «gerechtfertigter Gewaltanwendung» angesichts einer Wirklichkeit, in der Gewalt auf unabsehbare Zeit existieren werde.
In ähnlich konkreter Weise wie die deutschen Kirchenvertreter:innen äussern sich ihre Schweizer Kolleg:innen nicht. Das aktuellste Papier zum Thema veröffentlichte die Evangelisch-reformierte Kirche Schweiz (EKS) 2024 unter dem Titel «Ernstfall Frieden». In diesem Dokument gibt sie einen geschichtlichen Überblick über verschiedene historisch einflussreiche friedensethische Positionen und benennt grundlegende Bedingungen christlicher Friedensarbeit, so etwa die ökumenische Zusammenarbeit, die Sorge für den:die Nächste:n sowie Versöhnungsbereitschaft.
Dieser Artikel erschien zuerst in leicht abgeänderter Form in der Schweizerischen Kirchenzeitung.