Etwas fehlt. Das merkte Hedwig Hayoz-Häfeli, als sie 30 Jahre alt war. Damals schien sie eigentlich alles zu haben, was eine Frau in der Schweiz Mitte der 1960er Jahre brauchte: eine kaufmännische Ausbildung, drei Söhne und einen Mann an ihrer Seite. Heute ist sie 90 und sagt: «Eigentlich hätte ich glücklich sein sollen.»
Dass sie das nicht sein konnte, wird klar, wenn man die Künstlerin in ihrer Berner «Galerie am Königweg» besucht. Auf rund 150 Quadratmetern Fläche sind hier Bilder, Figuren und Skulpturen ausgestellt, Zeitungsartikel und Auszeichnungen, ein Überblick über 60 Jahre erfolgreichen Malens und Modellierens. Mit 30 begann die gebürtige Aargauerin ihr künstlerisches Schaffen – und hörte erst vor Kurzem damit auf.
«Meinst du wirklich, man könnte je ein Bild von dir ausstellen?»
Dabei stiess die Idee der jungen Frau, Malerin zu werden, zunächst überall auf Ablehnung. Ihr Mann schlug die Hände über dem Kopf zusammen. «Meinst du wirklich, man könnte je ein Bild von dir ausstellen?», fragte er sie. Ihre Mutter bat sie, mit Nähen und Konfitüre kochen zufrieden zu sein, ihr Vater warnte sie davor, die Söhne nicht zu vernachlässigen.
Doch Hayoz-Häfeli war klar: «Ich möchte etwas machen, das bleibt. Etwas, das mir guttut. Das ist es, was mir fehlt.» Sie vertiefte sich in die Biografien berühmter Maler, besuchte Ausstellungen und belegte Kurse in Malerei und Plastischem Gestalten an der Kunstgewerbeschule Bern. Ihr Mann begriff schnell, wie ernst es ihr war, und unterstützte sie dabei.
Den eigenen Stil fand sie schneller, als sie dachte
Zehn Jahre gab sie sich Zeit, um den eigenen Stil zu finden. Dass das viel schneller gehen würde als gedacht, hatte sie nicht erwartet. «Ich habe gemalt, und plötzlich waren die Menschlein da.» Figuren in langen Kleidern, ohne Gesicht und weitere Details wurden bald zu ihrem Markenzeichen.
Auch in der aktuellen Ausstellung sind viele davon zu sehen. Auf Leinwänden und Porzellan, in Rot- und Blautönen gehalten, stehen oder laufen die «Mönschli», wie Hayoz-Häfeli sie selbst nennt, durch südlich anmutende Landschaften. In Bronze gegossen lehnen oder liegen sie auf Steinen, die die Künstlerin auf ihren Reisen gesammelt hat.
Etwa 2000 Werke hat sie im Laufe der Zeit verkauft, auch ausserhalb der Schweiz wurde ihre Kunst ausgestellt. Eine ihrer grösseren Figuren, der «gute Geist», steht seit 1978 im Berner Rosengarten.
Krippe für die Berner Dreifaltigkeitskirche
Ihren ersten offiziellen Auftrag erhielt Hayoz-Häfeli von der Berner Pfarrei Dreifaltigkeit. Der damalige Dekan Johann Stalder habe als Erster ausserhalb der Kunstschule an sie geglaubt und sie bestärkt, erzählt sie.
Für Weihnachten 1974 durfte sie Krippenfiguren für die Dreifaltigkeitskirche gestalten, die hier seitdem jedes Jahr aufgestellt werden. Niemand habe ihr damals verraten wollen, wie man solche grossen Tonfiguren macht. Bis nach Italien habe sie telefoniert. «Aber herausfinden musste ich es schliesslich selbst.»
Dieses Jahr hat sie der Dreifaltigkeitskirche ein Gemälde mit dem Titel «Pilgerweg zu Gott» geschenkt, das jetzt in der Rotonda hängt. Stolz sei sie, aber vor allem dankbar, dass sie das alles geschafft habe, sagt die Künstlerin heute. Ihre Augen werden immer schlechter, das Malen schwieriger, in der Werkstatt Figuren modellieren kann sie nicht mehr.
Die Menschen seien auch weniger bereit, Geld für Kunst auszugeben, meint sie. Hayoz-Häfeli selbst kann sich ein Leben ohne Kunst nicht mehr vorstellen: «Für mich ist das wie Futter für die Seele.»
Ausstellung «Seelenfutter»
Königweg 2a in Bern
Geöffnet donnerstags und am ersten Sonntag jeden Monats, jeweils von 14.00 bis 17.00 Uhr sowie auf Anfrage.