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Keine grössere Macht als die Liebe: In Märchen verbindet sie, bringt zusammen und hält für immer. Foto: Unsplash

«Es war einmal...»: Märchen und Theologie

Der 26. Februar ist der «Erzähl-ein-Märchen-Tag». Seinen Ursprung hat der Aktionstag in den USA, aber auch in der Schweiz wird er gefeiert. Was haben Märchen mit Religion und Glaube zu tun?


Als die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm anfingen, Volksmärchen aufzuschreiben, folgten sie zunächst einem wissenschaftlichen Impuls: Ihre erste Märchensammlung von 1815 enthielt wenig Illustrationen, dafür viele Quellenhinweise. Das verfehlte den Geschmack der Leser:innen. Diese wollten mehr Bilder, weniger Grausames und Anstössiges. Daran orientierte sich der zweite Band – und hatte Erfolg. 

Zwar gelten Märchen hauptsächlich als Kinderliteratur, die zugrunde liegenden Motive sind jedoch Tausende von Jahren alt und enthalten allgemeingültige und zeitlose Weisheiten. So gibt es durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Märchen und der Bibel. Und unter den Märchenforscher:innen finden sich einige Theolog:innen. 

Ursprünge in der Heldenreise

 Der deutsche katholische Theologe Heinrich Dickerhoff etwa machte sich in den 1990er-Jahren einen Namen als professioneller Märchenerzähler, Autor und Herausgeber von Märchen. Von 2001 bis 2012 war er Präsident der Europäischen Märchengesellschaft. 

In einem Gespräch mit Bibel TV sagt er, die Bibel wie auch die Märchen behandelten grundsätzliche Lebensfragen. Sie erzählten nicht unbedingt historische Wahrheiten, sondern Dinge, die wir bewahren sollten. Dass Märchen die Menschen anrührten, habe einerseits mit der Bildhaftigkeit des Erzählens und andererseits mit ihrem guten Ende zu tun. 
 


Mut zum Selbst und die Kraft des Guten

 Den meisten Märchen liegt die ursprüngliche Erzählform der Heldenreise zugrunde. «Wie in der eigenen Seelengeschichte geht es um Veränderungen, um Verlust von Geborgenheit, um neuen Mut zum Selbst und um die Kraft des Guten», sagt der deutsche Theologe Hans Jürgen Luibl gegenüber der evangelischen Presse. 

Und: Die Helden seien allesamt keine Superhelden, im Vordergrund stehe vielmehr die verändernde und rettende Kraft der Liebe. Bei der Liebe im Märchen gehe es um weit mehr als um das Finden eines Gegenübers. Oft fänden sich zwei, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassten, aber am Ende ein Bild der Harmonie abgäben. Das zeigt: Am Ende siegt immer die Liebe.

Kleine, die eine Chance haben

 Ähnlich sieht dies der deutsche evangelische Theologe und Journalist Gunnar Lammert-Türk. Für ihn besteht eine Verbindung von Märchen mit der Religion durch die Art der Charakterisierung der Märchenheld:innen als Stiefkinder, als schwach, einfältig oder anderweitig verachtet und unterschätzt. 

Religiös gesprochen seien sie Fremdlinge, zu Gast auf dieser Erde. Sie lernten, dass hier Schein und Sein auseinanderklafften, aber auch, dass die diesseitige und jenseitige Welt eng miteinander verbunden seien. Als hilfsbedürftige Menschen seien sie offen für unerwartete Unterstützung, auch durch sonderbare Wesen. Auf ihrem Reifungsweg müssten sie viel erdulden, sammelten dabei aber auch Kräfte, um für andere zum Helfer und Erlöser zu werden. 

Oder wie es Dickerhoff auf den Punkt bringt: «Die Märchen erzählen von Kleinen, die eine Chance haben.» Im Märchen siegt das Gute. Und zwar nicht wie im Krimi, wo am Ende das Gute durch die Kraft der Logik und im Zuge der polizeilichen Aufklärung an Macht gewinnt, sondern weil Menschen sich verändern und das Leben neu entdecken.

Das Ende im Märchen ist immer auch ein Neuanfang. Die deutsche Theaterpädagogin und Märchenforscherin Kristin Wardetzky sagt 2012 in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk: «Das Märchen ist die einzige poetische Form, in der das Böse am Ende verschwunden ist. Und zwar für immer, ohne Wiederkehr.» 

«Steh auf, mach dich auf den Weg!» 

Auf die Frage, was ihn als Theologe an Märchen fasziniere, sagt Dickerhoff gegenüber der Zeitschrift «aus.sicht» Anfang des Jahres, in den Märchen wie auch in der Religion gehe es um die grossen Träume der Menschen, um ihre tiefsten Wünsche und Sehnsüchte. Die Bibel und die Märchen behandelten die grossen Fragen des Lebens: Wie werde ich erwachsen und gehe meinen eigenen Weg? Wie viel Vertrauen und welche zwischenmenschlichen Beziehungen riskiere ich? Wie gehe ich mit Vergänglichkeit und Abschied um?

In der Bibel wie auch im Märchen seien die meisten Geschichten Weggeschichten, deren Botschaft laute: «Steh auf, mach dich auf den Weg!» Die Liebe verbinde und bringe zusammen, sei übermächtig. 

Abschiednehmen heisse, sich mit der Endlichkeit zu versöhnen. Gläubige können auch heute noch aus Märchen lernen. Zum Beispiel, dass man aus Krisen herauskommen kann. Dies zeigen Märchen laut Dickerhoff auf eine durchaus christliche Weise: «Ich muss mich auf den Weg machen, und ich muss erkennen, dass ich dabei mehr Unterstützung bekommen und Gnade erfahren kann, als ich ahne. Und: Liebe bleibt immer bestehen, auch über den Tod hinaus.» 

Glaube an die Liebe 

Mit dem Thema Märchen und der Entdeckung von Gottes Gegenwart darin hat sich auch der deutsche katholische Theologe, Kirchenkritiker und Psychoanalytiker Eugen Drewermann befasst: «Geschichten gelebter Menschlichkeit. Wie Gott durch Grimmsche Märchen geht», heisst sein 2012 erschienenes Buch. 

Im SRF benannte er vor zehn Jahren das Märchen als einzige Erzählgattung der Weltliteratur, die daran glaube und glauben machen möchte, dass einzig die Liebe imstande sei, uns glücklich zu machen. Aus dem Wahnsinn, den wir für normal hielten, aus der Welt, die ein Gefängnis sei aus Macht, Geldgier und Entfremdung, fänden wir nur heraus im Glauben an die Liebe. Das dies so sei, erzählten einzig die Märchen. 

Wieder einmal ein Märchen zu lesen und damit den Glauben an das Gute und an die Liebe zu nähren, ist daher gerade in Zeiten der Resignation vielleicht gar keine so schlechte Idee.


Schweizerische Märchengesellschaft
Europäische Märchengesellschaft