Der Muttertag stand vor der Tür, und ich sass am Schreibtisch auf der Suche nach den richtigen Worten. Mir fiel ein Bibelwort aus dem Buch Tobit ein: «Ehre deine Mutter und verlasse sie nicht, solange sie lebt. Tu, was ihr gefällt, und betrübe sie nicht» (Tob 4,3).
Während mir diese Gedanken durch den Kopf gingen, klingelte mein Handy. Es war meine Mutter. «Warum ruft sie eigentlich jeden Tag an?», dachte ich genervt – ich war mitten in wichtigen Terminen und drückte den Anruf weg. Eilig stieg ich in den Zug.
Mir gegenüber sass eine schwangere Frau. Sie strich sanft über ihren Bauch, und plötzlich wurde mir wieder bewusst, was eine Frau alles auf sich nimmt, um Mutter zu werden: die Veränderungen am Körper, die Achterbahn der Gefühle, die Schmerzen der Geburt – und doch diese überwältigende Freude danach. Jesus hat es so treffend gesagt: «Wenn die Frau gebiert, hat sie Schmerz; ist aber das Kind geboren, erinnert sie sich nicht mehr an die Not vor Freude» (Joh. 16,21).
Und dann beginnt erst der wahre Einsatz: schlaflose Nächte, die stille Sorge, die sich nie ganz abschalten lässt, die tägliche Hingabe, die oft unsichtbar bleibt. Eine Mutter ist oft das stille Zentrum des Hauses – eine «Multitaskerin», die früh aufsteht, für die Familie sorgt, alle Verantwortungen jongliert und ihre eigenen Bedürfnisse hintanstellt. Wenn ihr etwas zustösst, gerät alles andere ins Wanken.
Wir nehmen das viel zu oft als selbstverständlich hin. Ein Haus ist nur so lange ein echtes Zuhause, wie unsere Eltern darin leben. Sind sie fort, bleibt ein Ort voller Erinnerungen, der plötzlich still und leer wirkt.
An meinem Ziel angekommen, ging ich zur Dorfkirche. Gerade fand eine Beerdigung statt – die Mutter eines guten Freundes war gestorben. Ich sah ihn dort stehen, tief getroffen, mit Tränen in den Augen. In seiner Ansprache sagte er leise, wie sehr er es bereue, nicht öfter angerufen, nicht mehr Zeit mit ihr verbracht zu haben. Jetzt war es zu spät. In diesem Moment traf mich die Wahrheit wie ein Schlag: Wir jagen dem nach, was wir noch erreichen wollen, und übersehen dabei das Kostbarste, das uns längst geschenkt wurde: Mütter sind immer da – und gerade deshalb vergessen wir manchmal ihren Wert. Oft erkennen wir ihn erst, wenn sie fehlen.
Am Abend sass ich wieder im Zug. Es war still geworden. Da klingelte mein Handy erneut. «Mama» leuchtete auf dem Display. Diesmal zögerte ich keine Sekunde. Ich nahm ab und sagte mit warmer Stimme: «Alles Gute zum Muttertag, Mama. Ich liebe dich.»
Vielleicht beginnt echte Dankbarkeit genau dort – in einem einfachen Anruf, in einem dankbaren Herzen, bevor es zu spät ist.