Artikel

Zur Arbeit ins Gefängnis: Ursula Wyss ist Seelsorgerin in den Justizvollzugsanstalten Thorberg und Witzwil. Foto: Manuela Dick

«Es geht darum, Eingewiesene in dem zu stärken, was ihnen Halt gibt»

Die Seelsorgerin Ursula Wyss begleitet Straftäter in den Berner Justizvollzugsanstalten Thorberg und Witzwil. Im Gespräch erzählt sie, wie es gelingt, hinter Gittern zuzuhören, Vertrauen zu gewinnen und Hoffnung dort zu finden, wo viele sie verloren haben.

Interview: Anouk Hiedl

«pfarrblatt»: Justizvollzug bedeutet Schuld, Scham und Einsamkeit. Was hilft Gefangenen am meisten? 

Ursula Wyss: Sie schätzen es, wenn ich mich für sie und ihre Geschichte interessiere und aufmerksam und mitfühlend zuhöre. Sie spüren, wenn es mir gelingt, ihnen so unvoreingenommen wie möglich zu begegnen und sie als Mensch wertzuschätzen. Das heisst nicht, dass ich ihre Tat verharmlose oder negiere, sie ist Teil ihres Lebens. Wenn ich nachfrage, was sie brauchen, möchten einige, dass ich für sie, ihre Familie oder für die Opfer bete, oder dass wir über biblische und religiöse Themen sprechen. Andere möchten über alles sprechen können, auch über ihre Abgründe und ihr Scheitern. In der ganzen Misere tut Humor zwischendurch gut, um auch mal herzhaft lachen zu können. 

Wen besuchen Sie als Gefängnisseelsorgerin? 

Wyss: Menschen, die für eine Straftat verurteilt wurden. Dieser Teil ihrer Biografie belastet die meisten sehr. Es sind Familienväter, Partner, Söhne, durch deren Tat ihr ganzes Umfeld betroffen ist. Die Jüngsten sind knapp volljährig und die Ältesten gegen 80 – Menschen mit Fähigkeiten und Schwierigkeiten, die manchmal zuversichtlich sind und dann wieder schier verzweifeln. 

Wann zeigt sich Zuversicht? 

Wyss: Wenn Eingewiesene ihre Situation im Gefängnis akzeptieren, wird es für sie einfacher, zuversichtlich zu sein und eine Zukunft zu sehen. 

Wissen Sie von den begangenen Verbrechen? 

Wyss: Einige erzählen mir schon im ersten Gespräch von ihrem Delikt. Bei anderen dauert es länger. Sie sind frei, mit mir darüber zu sprechen. Meistens möchten sie es, weil ihre Taten die Eingewiesenen umtreiben. Einige schämen sich sehr und erzählen deshalb lieber nicht viel. Ich habe Zugang zu den Akten und kann nachschauen, wenn ich es sinnvoll finde. 

Sie treffen auf unterschiedlichste Religionen, Kulturen und Biografien. Wie gelingt Seelsorge in dieser Vielfalt?

Wyss: Ich bleibe offen und interessiere mich insbesondere, wie die Eingewiesenen trotz widriger Umstände und ihrer Taten dranbleiben, ihren Alltag meistern und Perspektiven entwickeln. Ich lerne viel über andere Kulturen, wundere mich manchmal und verstehe nicht alles. Einige religiöse Überzeugungen oder gesellschaftliche Prägungen sind für mich befremdlich und eine Übung in Toleranz. Es geht nicht darum, Eingewiesene von meinem Glauben zu überzeugen, sondern sie in dem zu stärken, was ihnen Halt gibt. So bete ich regelmässig mit Muslimen und argumentiere auch mal mit Christen über biblische Themen. 
 


Wo stossen Sie an Grenzen? 

Wyss: Wenn Perspektiven abhandenkommen. Etwa, wenn ein junger Mann in ein Land ausgeschafft wird, in dem er noch nie gelebt hat. Er hat keine Ahnung, was er dort tun soll, und muss um sein Leben bangen. Ich halte viel Schweres aus, doch Schicksale wie dieses machen mich sehr traurig. 

Was gibt Ihnen Hoffnung? 

Wyss: Zum Beispiel der Mann, der körperlich sehr angeschlagen war und wegen kleiner Delikte inhaftiert wurde. Sein Elend zog mich runter, und ich fragte ihn, wie er es mache, trotz allem so wach und lebendig zu bleiben. Da breitete sich ein Lachen über sein Gesicht aus, er zeigte nach oben und versicherte mir, dass Gott ihn nicht vergessen habe. Das war eine Lektion für mich, für die ich mich bedankte. Letzte Woche erzählte mir ein junger Mann, dem sein Jähzorn oft das Leben schwermacht, dass er begonnen habe, die christlichen Lieder seiner Tradition auswendig zu lernen. Als er mir eines vorsang, war ich zu Tränen gerührt. 

Wie ehrlich sind die Straftäter zu Ihnen? 

Wyss: Ich gehe davon aus, dass sie so ehrlich sind, wie es ihnen im Moment möglich ist. Ich arbeite mit dem, was sie mir erzählen oder zeigen. Wenn ein Eingewiesener Vertrauen gewinnt, fühlt er sich freier, ehrlich und auf Augenhöhe mit mir zu reden. 

Sind Sie bei Ihren Besuchen allein mit den Straftätern?

Wyss: Ja. Meistens führe ich die Gespräche im Seelsorgezimmer oder – auf der Sicherheitsabteilung – hinter der Trennscheibe. Dabei unterstehe ich der Schweigepflicht. 

Gab es Situationen, die Ihnen Angst machten? 

Wyss: Im Gefängnis nicht. Ich fühle mich hier sicher. Es gibt Personal, das unter anderem für meine Sicherheit sorgt. Es gibt Kameras und einen Knopf, den ich bei Gefahr drücken kann. Der Weg ins Gefängnis ist gefährlicher als mein Aufenthalt dort. 

Feiern Sie auch Gottesdienste im Gefängnis? 

Wyss: Ja. Vor jedem dieser Gottesdienste bin ich unsicher: Kommt es gut? Hören die Männer zu? Habe ich die richtigen Worte gefunden? Dann bin ich manchmal überrascht, wie einfach es geht. Oft ist die Stimmung andächtig. Und wenn die Gottesdienstbesucher nach dem Segen laut «Amen» sagen, denke ich: Ok, es hat sich gelohnt. 

Welche Rolle spielt Gott im Gefängnis? 

Wyss: Die Frage nach Gott ist präsent: Wo war er, als das Delikt passierte? Warum hat er mich nicht davon abgehalten? Kann Gott ein solches Delikt vergeben? Einige sagen mir, dass sie mit Gott abgeschlossen haben. Andere haben im Gefängnis den Glauben gefunden. Ich bin froh, dass Gottes Geist weht und wirkt, wo er will, und mich begleitet. 

Hat sich die Bedeutung von Freiheit für Sie verändert? 

Wyss: Ich kann mir noch immer nicht ganz vorstellen, was es bedeutet, hinter Gittern zu leben. Ich kann mich jederzeit frei bewegen, und dafür bin ich sehr dankbar. 

Wie beeinflusst Ihre Arbeit Ihren Blick auf Menschen? 

Wyss: Es ist mir bewusst, dass Menschen zu Bösem fähig sind. Trotzdem bin ich überzeugt, dass jeder Mensch Würde hat – und die Fähigkeit, sich zu verändern.