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Die reduzierte, abstrakte Gestaltung aus Steinen und Kies in kleinen Zen-Gärten dient als visueller Anker für die Meditation. Foto: unsplash

«Es braucht Mut, um Identifikation aufzugeben»

Anna Gamma kam über den Jesuiten Hugo Enomiya-Lassalle zur Zen-Meditation und fand dabei neu zu ihrem christlichen Glauben. Die heutige Zen-Meisterin im Gespräch über Glauben, Stille und Identität.

Interview: Anouk Hiedl

«pfarrblatt»: Wie «zen» sind Sie gerade?

Anna Gamma: Das ist eine zentrale Frage auf dem Zen-Weg. Viele suchen in der Zen-Meditation den Schlüssel zu tiefen spirituellen Erfahrungen. Und seit jeher mahnen grosse Meister, dort nicht stehen zu bleiben. Zen umfasst das ganze Leben. Mitmenschen sollten spüren können, dass man mit der Zeit freier, liebevoller und grosszügiger wird. Wo ich gerade stehe, müssten sie deshalb meine WG-Mitbewohnenden fragen. Die Zen-Haltung zu kultivieren, bleibt ein lebenslanger Weg.

Sie sind katholisch aufgewachsen und heute Zen-Meisterin. Was haben Christus und Buddha für Sie gemeinsam?

Gamma: Jesus und Siddharta Gautama sind herausragende Gestalten in der Menschheitsgeschichte. Beide wurden nach ihrem Tod Religionsstifter und mit einem Ehrentitel gewürdigt: Jesus mit «Christus, der Gesalbte», und Siddharta mit «Buddha, der Erwachte».

Sie haben Zen über Pater Lassalle kennen gelernt, ein Wegbereiter und Brückenbauer zwischen Zen-Buddhismus und Christentum ...

Gamma: Ich suchte nicht nach einem Lehrer, der diese beiden grossen spirituellen Traditionen verband. Ich war interessiert an der Zen-Mediation. Zufälligerweise leitete Pater Lassalle meinen ersten Zen-Kurs. Da ich tief beeindruckt von seiner Persönlichkeit war, habe ich in den ersten Jahren vorwiegend an seinen Kursen teilgenommen. Heute bin ich dankbar, in zwei Weisheitstraditionen der Menschheit einzutauchen, ohne dass ich nach Asien reisen müsste.

Was hat Sie ursprünglich am Zen berührt?

Gamma: Ich war ziemlich frustriert vom kopflastigen Philosophiestudium. Pater Lassalle legte uns nahe, keine Zen-Bücher zu lesen, denn alles Weisheitswissen sei in uns. Seine Übungsanweisung, nicht zu denken, faszinierte mich und berührte eine tiefe Sehnsucht.
 


Sitzen, Schweigen und einfach Dasein: Was begegnet Ihnen im Zazen?

Gamma: Wie schwer die Übung des Nicht-Denkens ist, wissen alle, die Stille suchen. Das Geplapper in unserem Kopf, die inneren Dialoge, die meist der Rechtfertigung dienen, können endlos sein. Seit ich verstehe, dass Denken eine Funktion des Gehirns ist, ist es einfacher geworden. Bilder, manchmal auch schmerzhafte Erinnerungen, tauchen auf, bis es still wird, der Gedankenfaden reisst, die getaktete Zeit in sich zusammenfällt und sich grenzenlose Weite ausbreitet.

Gamma: Manche praktizieren Zazen zur Entspannung oder Stressbewältigung. Ist das ein reduzierter Fokus?

Gamma: Mit dieser Motivation habe auch ich mit Zazen angefangen. Doch die Übung ist so anspruchsvoll, dass es mehr braucht, um dranzubleiben. Es braucht eine grosse Entschlossenheit, um den Zen-Weg weiterzugehen.

Gamma: Das Christentum fragt: Wer bin ich vor Gott? Zen fragt radikaler nach der wahren Natur der eigenen Existenz. Was bleibt, wenn wir uns nicht mehr an unser gewohntes Selbstbild klammern?

Gamma: Für mich ist der christliche Weg nicht weniger radikal. Alle kontemplativen Wege haben gemeinsam, dass sie lieb gewonnene Selbstbilder entzaubern und sie uns wegnehmen. Es braucht Mut, die eigene Identifikation mit Rollen, Funktionen, Aufgaben und Status aufzugeben. Selbstbilder sind letztlich Gefängnisse, die den göttlichen Kern, unser wahres Wesen, verdunkeln oder gar verschliessen.
 


Das Christentum ist von Worten, Bildern und Bitten in der Anrufung und Beziehung zu einem persönlichen Gott geprägt. Im Zen-Buddhismus geht es um eine unmittelbare Erfahrung der Wirklichkeit in Stille. Was haben die beiden Wege gemeinsam?

Gamma: Ich bin überzeugt, dass die Praxis der Stille seit uralter Zeit – noch vor der Entstehung der grossen Religionen – von Menschen gepflegt wurde. Es ist ein Weg, der in den verschiedenen Religionen verschieden ausgefaltet wurde.  Auch christliche Mystiker:innen geben Zeugnis vom grossen Geheimnis der stillen Präsenz. So lesen wir bei Angelus Silesius: «Gott ist ein lauter Nichts, ihn rührt kein Nun noch Hier. Je mehr du nach ihm greifst, je mehr entwird er dir.» Für viele Christ:innen klingt das erschreckend, gar häretisch. Im interreligiösen Dialog jedoch kann das sehr hilfreich sein.

Gibt es Gegensätzlichkeiten zwischen christlicher Kontemplation und Zen-Buddhismus, die man nicht auflösen sollte?

Gamma: Beide Wege sind in verschiedenen religiösen Traditionen, Kulturen und Sprachen entstanden. Die grössten Spannungen und Konflikte entstehen dort, wo Absolutheitsansprüche aufeinandertreffen – ein Wesensmerkmal aller Religionen. Zu lernen, respektvoll damit umzugehen, war an den interreligiösen Tagungen des Lassalle-Hauses ein wichtiger Beitrag zum Frieden in der Welt.

Gibt es Erfahrungen im Zen, die Sie christlich nicht einordnen können?

Gamma: Das war und ist für mich kein Thema. Die christliche Kontemplation und der Zen-Weg gehören verschiedenen Geistestraditionen an. Gar zu oft findet eine unbedachte, spirituelle Aneignung statt oder eine Harmonisierung der Unterschiede. Mir ist wichtig, sie in ihrer Verschiedenheit zu ehren und zu würdigen. Das ist für mich auch eine politische Aussage: Frieden in allen Bereichen der Gesellschaft - zwischen Religionen und Nationen - finden wir nur, wenn wir lernen, Ergänzungen in der Verschiedenheit zu finden.

Hat die Zen-Praxis Ihren Glauben verändert?

Gamma: Ja. Die Zen-Praxis führte mich dazu, den Reichtum des Christentums neu zu entdecken und den kontemplativen Weg genauso konsequent wie den Zen-Weg zu gehen. So leite ich mittlerweile neben Zen-Kursen auch kontemplative Tage der Stille.

Was würden Sie vermissen, wenn es in Ihrem Leben kein Zen gäbe?

Gamma: Die Geistesschulung durch eine nicht-europäische Kultur.

Und was, wenn es kein Christentum gäbe?

Gamma: Die Erfahrung, dass der Urgrund allen Seins Liebe ist.

 

Zur Person

Anna Gamma (*1950) ist promovierte Psychologin, autorisierte Zen-Meisterin sowie Kontemplationslehrerin, Unternehmerin und Autorin. Sie war 35 Jahre Mitglied des katholischen Säkularinstituts Katharina-Werk. Sie arbeitet heute u. a. als Lehrbeauftragte an der Business School der Universität St. Gallen, als Zen-Lehrerin und Referentin. Sie gründete und leitet das Zen-Zentrum Offener Kreis sowie das ANNA GAMMA Institut Zen & Leadership in Luzern.


Zazen in Kürze

Zazen ist ein traditionsreicher Übungsweg, der aus dem chinesisch-japanischen Buddhismus stammt. Die Praxis des Zazen bedeutet Sitzen in Versunkenheit. In seiner reinsten Form verweilt man in einem Zustand gedankenfreier, hellwacher Aufmerksamkeit, die auf kein Objekt gerichtet ist und an keinem Inhalt haftet.