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Erlösung kann theologisch, medizinisch oder ganzheitlich verstanden werden. Foto: unsplash.com

Erlösung – was ist das eigentlich?

Gibt es Erlösung? Und wenn ja, wovon und wie? Ein Diakon und Zen-Lehrer, ein Schmerzmediziner sowie zwei Theologen geben Antwort.

Anouk Hiedl

 


Karl Scholz, Diakon, Leiter des Pastoralraums Muri AG und Zen-Lehrer
Erlösung. Das ist ein grosses Wort. Ich sitze damit am Küchentisch und merke, dass es mir fast zu gross ist. Wie ein Mantel, der nicht passt. Zu weit. Zu feierlich. Und trotzdem hängt er da, und ich komme nicht an ihm vorbei. Vielleicht ist Erlösung gar kein grosses Finale. Kein Vorhang, der sich hebt. Eher ein Loslassen. Ein Atemzug, der tiefer geht als sonst. Ein Moment, in dem man aufhört, sich gegen das zu wehren, was ist.

Im Zen gibt es den Ausdruck «Die Dinge so sehen, wie sie sind». Das klingt einfach. Ist es aber nicht. Wir sehen fast nie, was ist. Wir sehen, was wir fürchten. Was wir hoffen. Was wir erwarten. Und dazwischen, ganz selten, blitzt etwas auf. Ein Augenblick ohne Filter. Das ist Befreiung.

Die christliche Tradition spricht von Gnade. Davon, dass etwas geschenkt wird, das man sich nicht verdienen kann. Ich mag diesen Gedanken. Er nimmt den Druck raus. Man muss nichts leisten. Man darf einfach da sein. Mit allem, was man ist. Mit allem, was man nicht ist. Erlösung passiert nicht irgendwann. Sie will sich jetzt schenken. In jedem Augenblick. Man kann sie nicht machen. Man kann nur aufhören, sich dagegen zu sperren. 

Und manchmal, wenn man still genug ist, merkt man: Sie war schon da. Die ganze Zeit. Manchmal, manchmal zumindest, streift uns etwas davon. Beim Sitzen am Morgen. Beim Gehen durch den Garten. Beim Schweigen mit einem Menschen, der nichts erwartet. Ich kann es nicht festhalten. Aber für einen Moment ist es da. Ganz still. Ganz nah. 

 


Konrad Streitberger, Arzt und Leiter des Projekts PrePaC zur Schmerzprävention, Inselspital Bern
Das grosse Wort Erlösung kann im Kleinen gut erlebt werden, zum Beispiel wenn man im Alltag nach längerem Harndrang endlich Wasser lösen kann. Komplizierter wird es bei der Frage nach Erlösung vom Schmerz, etwa nach einem schweren Unfall oder einer Operation. Im besten Fall bringt ein starkes Schmerzmittel Linderung, bis die Wunde heilt. 

Was aber, wenn der Schmerz nicht nachlässt? Was, wenn noch andere Faktoren den Schmerz aufrechterhalten? Angst, Depression und andere psychische oder soziale Belastungen können Schmerz verstärken und zu chronischen Schmerzen führen. Was führt dann zu Erlösung? 

Weitere Operationen oder Schmerzmittel helfen da oft nicht oder verschlimmern die Situation nur. Vielmehr hilft die Kombination von verschiedenen Therapien auf körperlicher, psychischer und sozialer Ebene, um die Schmerzen in den Griff zu bekommen. Dabei gibt es zwar meist keine Erlösung vom Schmerz, wohl aber von den Einschränkungen, die dieser verursacht. 

Es hilft zu wissen, dass der Schmerz zum Leben gehört. Jeder Mensch ist in einer individuellen Art und Weise davon betroffen. Es ist eine Kunst und Herausforderung, zu lernen adäquat mit Schmerz im Leben umzugehen. Nur der Tod bringt hinsichtlich des Schmerzes eine definitive Erlösung. Wie diese dann aussieht, ist Bestandteil des Glaubens – egal in welcher Form. 

 


Mathias Wirth, reformierter Theologe und Leiter des Instituts für Systematische Theologie, Universität Bern 
Erlösung ist die ureigene Idee aller Religionen. Sie bedeutet zunächst, die Welt und die Verhältnisse, wie sie sind, können so nicht bleiben. In diesem Sinn ist sie immer auch Kritik: an Gewalt, Ausbeutung, Krankheit und Ungerechtigkeit. 

Zugleich bedeutet Erlösung mehr als die Überwindung des Negativen. Sie zielt auch darauf, dass das, was heute Bedeutung hat, Zukunft haben soll. Erlösung heisst also nicht einfach Vernichtung und Neuanfang, sondern Bewahrung und Vollendung dessen, was gut ist. 

Im Christentum ist Erlösung oft mit der Vorstellung verbunden, dass Gott Leid und Schuld überwindet und dem Guten eine Zukunft gibt. Andere Religionen verstehen Erlösung als Befreiung aus leidvollen Kreisläufen, als Versöhnung oder als inneren Weg zur Freiheit.

Damit Erlösung bedeutsam wird, muss sie in Bezug zu Personen, ihren Geschichten, Körpern und Beziehungen konkret sein. Wovon und wozu wird erlöst? Antworten darauf ergeben sich innerhalb der Vielfalt menschlichen Lebens. Für mich bedeutet Erlösung das Ende deutlich sichtbaren Leids und die nie endende Bedeutung des Guten, das es bereits gibt. Sie ist kein Besitz, sondern eine Hoffnung, die über uns hinausweist. Vielleicht liegt genau darin ihre Kraft: dass sie uns erlaubt, trotz aller Ohnmacht an dem festzuhalten, was Bedeutung hat in der Welt, in anderen Menschen und in unseren Beziehungen. 

 


Rainer Bucher, katholischer Theologe, bis 2022 Leiter des Instituts für Pastoraltheologie, Universität Graz
2005 sass ich an den Bayreuther Wagner-Festspielen im «Parsifal» des Regisseurs Christoph Schlingensief. Dieser inszenierte damals keine Oper zur Frage «Gibt es Erlösung für den Menschen und wenn ja, wovon und wie?», sondern brachte diese Fragen als Oper auf die Bühne. Das klingt ähnlich, ist aber ein Unterschied. 

Schlingensief ging es nicht um bürgerlichen Kunstgenuss, sondern um das existenzielle Problem: Was ist Erlösung? Gibt es sie? Wovon soll und will man überhaupt erlöst werden? Womit darf man Frieden schliessen und womit nicht? Und wie viel Gewalt enthält allein schon der Erlösungswunsch? Denn dem Wunsch nach Erlösung wohnt eine potenzielle und historisch leider oft realisierte Gewaltkomponente inne. 

Schlingensief hat diese Fragen mit existenzieller Wucht auf die Bayreuther Bühne gebracht – ohne Rücksicht auf sich, die Konventionen der Form «Oper» und aufs Publikum, dem er nicht erlaubte, genau das zu sein: distanzierte Zuhörer:innen. Der Komponist Richard Wagner behauptet in seiner Oper «Parsifal», dass Mitleid und Kunst erlösen. Beides hat Schlingensief in seiner Inszenierung präsentiert, in Frage gestellt und alle im Publikum dabei schmerzhaft und unausweichlich gefragt: Wie hältst Du es mit Frieden, Tod und Erlösung? Dies, ohne auch nur den Hauch einer Antwort zu geben. 

So belasse auch ich es dabei: Gibt es Erlösung irgendwann, irgendwie, irgendwo? Von all dem Schrecklichen, das bedrückt? Der Glaube sagt es, die Liebe ahnt es, und die Hoffnung – sie tröstet und schmerzt.