Am zweiten Advent habe ich auf Instagram das Bild eines Adventskranzes mit zwei brennenden Kerzen gesehen – eines von vielen. Aber der Text darunter hat mich bewegt: «Erlösung naht!» Erlösung? Oh ja, die ist dringend nötig! Wie wohl so viele Menschen finde ich die Welt mit all ihren Kriegen, Katastrophen und Autokratien erschütternd erlösungsbedürftig. Aber auch persönlich täte mir Erlösung gut: Unlängst hat mich ein Todesfall im nächsten Umfeld aus meinem normalen Alltag katapultiert und just als ich wieder in der Lage war zu arbeiten, erwischte mich eine so heftige Grippe, wie ich sie wohl noch nie im Leben gehabt habe.
Die letzten Wochen waren also ein einziger Ausnahmezustand. Nebst vielen freundschaftlich-solidarischen Erfahrungen des Eingebunden-Seins, konfrontierten sie mich auch mit existenziellen Fragen: Wie erlebe ich Trauer? Wie gehe ich mit dem Tod um? Wer bin ich, wenn ich nichts leisten kann? Dazu gesellte sich so manch ängstlicher Fiebertraum: Was, wenn dieser Zustand noch länger oder dauerhaft so bleibt? Wie könnte ich, wie so viele Menschen, mit einer chronischen Krankheit wie beispielsweise den Covid-Folgeerkrankungen leben? Oder auch: Was braucht es eigentlich, dass ein Mensch aus dem sozialen Netz fällt, die Arbeit verliert, den Weg aus der Trauer nicht mehr findet? Und wo bleibt Gott in alledem?
In diesen Ausnahmezustand hinein spricht dieses so gewisse und einfache «Erlösung naht!». Aber was heisst das denn, Weihnachten als Geburtsfest der Erlösung? Erlösung kann einerseits nicht nur etwas sein, was mich auf das Jenseits, den erlösenden Himmel, vertröstet. Und gleichzeitig kann Erlösung auch nicht nur etwas rein Innerliches, Spirituell-Persönliches sein. Eigentlich Kern der christlichen Religion, ist «Erlösung» zur Formel ohne Sitz im Leben geworden, scheint mir. Und – schwups – bin ich bei der zentralen Fragestellung der Soteriologie, einer Teildisziplin der christlichen Theologie, gelandet …
Was ist Erlösung? Ich bleibe der Frage auf der Spur. Fest steht: Erlösung meint mich als ganzen Menschen, auch mit meinen alltäglichen Erfahrungen. Und so sammle ich für den Moment die kleinen alltäglichen Erlösungserfahrungen: die herzliche Kondolenzkarte des Teams, die erste Tasse Kaffee nach fiebrigen Grippetagen ohne Appetit, eine durchgeschlafene Nacht, das Bild des Adventskranzes auf Instagram und nicht zuletzt die Vorfreude auf Weihnachten und ein neues Vertrauen – Erlösung naht!