Die Geschichte der Sammlung «Destination: Usakos» beginnt mit Unterdrückung, Gewalt und einem bern-jurassischen Sammlerehepaar namens Victor und Marie Solioz in Namibia. Namibia war zwischen 1884 bis 1915 eine der wenigen Kolonien des Deutschen Kaiserreichs. Victor Solioz war dort Chefingenieur eines deutschen Eisenbahnprojektes. Ziel des kolonialen Projektes war der möglichst effiziente Abbau von Kupfererz in der Region.
Um das abgebaute Kupfererz nach Europa verschiffen zu können, wurden zuerst Eisenbahnlinien zu den Häfen gebaut. Für deren Bau wurde die einheimische Bevölkerung ausgebeutet. Die Unterdrückung der Bevölkerung mündete 1904 in einem Aufstand – in den darauffolgenden zwei Jahren starben schätzungsweise hunderttausend Menschen durch Gewalt oder Gefangenschaft in Lagern. In dieser Zeit transportierten die Solioz Hunderte von Kulturobjekten in die Schweiz. Einige der Objekte verkauften sie damals dem Bernischen Historischen Museum. Wie genau das Ehepaar an die Sammlung kam, ist bis heute nicht bekannt.
Die Geschichte hinter den Objekten
Nachdem die Sammlung während der letzten 120 Jahre im Depot des Bernischen Historischen Museum aufbewahrt worden war, beschloss das Museum, die Geschichte aufzuarbeiten. Also begann ein länderübergreifender Repatriierungsprozess. Dieser entstand dank einer langjährigen Beziehungsarbeit und Partnerschaft des Bernischen Historischen Museums mit der Museums Association of Namibia, dem Usakos Town Council, dem Advisory Board des Usakos Museums sowie weiteren namibischen und Schweizer Institutionen.
Mit den Nachfahren der Eisenbahnarbeiter:innen wurden in Usakos und Bern im Rahmen des Projektes verschiedene Workshops durchgeführt. Das Ziel des Berner Museums war, sich Wissen über die Verwendung und die Herkunft der Kulturgegenstände anzueignen. Im Juni 2026 hat das Bernische Historische Museum dann das Eigentum an der Sammlung der gesamten Usakos Railway Workers’ Collection an das Stadtmuseum in Usakos übertragen.
Nun wird der Prozess und die Geschichte dahinter als «Destination: Usakos. Heimreise nach Namibia – Zukunft eines kolonialen Erbes» bis zum 4. Juli 2027 im Bernischen Historischen Museum gezeigt. Es ist die letzte Ausstellung vor der Sanierung des Museums, die bis 2032 dauern soll. Wie kam das Museum dazu, sich spezifisch dieser Sammlung und deren Hintergründen zu widmen? «Diese Sammlung hat sich für dieses Projekt besonders angeboten, weil der Hintergrund aufgrund der enormen Gewalt speziell problematisch ist, die Anzahl Objekte sehr gross ist und es auch bereits Beziehungen mit Partnern in Namibia gab», sagt Samuel Bachmann, Kurator der Ausstellung, bei einem Museumsrundgang.
Eine wichtige Rolle spielte auch Namibia selbst als Kooperationspartner, wie Thomas Pauli-Gabi, Direktor des Bernischen Historischen Museums, betont: «Die Bereitschaft des Herkunftslandes, mit uns zusammenzuarbeiten, war sehr wichtig. Ohne das Interesse von namibischer Seite wäre das nicht möglich gewesen.»
Stimmen der Nachkommen
Die Ausstellung im Museum konzentriert sich weniger auf die zurückgegebenen Objekte und deren Bedeutung, sondern stellt die Rückgabe ins Zentrum: Es soll gezeigt werden, welche Akteure in einem solchen Prozess beteiligt sind, was dabei alles beachtet werden muss und was in den Jahren der Repatriierung passiert ist. Mittlerweile besitzt das Bernische Historische Museum keine der Ausstellungsgegenstände mehr, und 28 der Objekte sind bereits wieder in Usakos.
Dazu erklärt der Kurator Samuel Bachmann: «Die Ausstellung fokussiert auf die Praxis der Rückgabe der Usakos Railway Workers’ Collection und zeigt deren Meilensteine auf. Dabei beleuchtet die Ausstellung, was der mehrjährige Prozess und die Repatriierung sowohl für das Museum als auch insbesondere für die Menschen in Usakos bedeuten – heute und in Zukunft.» Entsprechend werden die Objekte in der Ausstellung auch präsentiert: in Transportkisten, bereit für die lange Reise, teilweise zum Schutz mit Papier und Klebeband umwickelt.
Ein hervorzuhebender Bestandteil der Ausstellung ist eine Videoinstallation, in der einige der Nachfahren namibischer Eisenbahnarbeiter:innen mit den Kulturgütern ihrer Vorfahren und ihrer Vergangenheit konfrontiert werden. Die Nachfahren wählten vor laufender Kamera Gegenstände aus, die sie mit Erinnerungen aus ihrer Kindheit assoziieren. Darunter Gefässe, die traditionell zum Kochen verwendet wurden, die nun Jahrzehnte im Depot des Bernischen Historischen Museums lagen.
Spätestens hier wird klar, dass die Objekte für lange Zeit an einem Ort waren, an den sie eigentlich nicht gehört hätten. Samuel Bachmann ist sich dieser Tatsache bewusst. Auch, dass dadurch das Wissen über die Kulturgüter für eine lange Zeit lückenhaft war: «Eine der zentralen Erkenntnisse des Projektes war, dass die Objekte für die namibische Bevölkerung noch einmal eine ganz andere Bedeutung haben als für uns. Jahrelang wurde das Wissen zu dieser Sammlung nie überarbeitet, wir hatten die Informationen zur Verfügung, die mit dem Ehepaar Solioz ins Museum kamen.»
Mit diesem Projekt sei auch viel über die Hintergründe der Objekte ausfindig gemacht worden. Ein Blick in die Zukunft In welcher Form das Bernische Historische Museum in Zukunft das Thema Repatriierungen angehen wird, wird sich zeigen. Das gilt auch für andere Museen in der Schweiz. Fest steht, dass die Bedeutung kolonialer Kontexte in den Institutionen angekommen ist. Beispielsweise haben im Juni dieses Jahres drei Museen 18 Kulturgüter aus dem Königtum Benin an Nigeria zurückgegeben.
«Kulturerbe soll dort genutzt werden, wo es für Menschen Bedeutung hat als Quelle von Wissen und Identität», lässt sich Thomas Pauli-Gabi in der Medienmitteilung zitieren. Ausgestellt werden die Artefakte in Zukunft im Stadtmuseum in Usakos, wo die lokale Bevölkerung für deren Erhalt verantwortlich ist. Dort sollen sie nicht weggeschlossen, sondern für die Bevölkerung zugänglich sein. Dadurch bleiben die Objekte nicht einfach nur Teil ihrer Vergangenheit, sie werden auch Teil ihrer Zukunft.
Destination: Usakos
Die Ausstellung «Destination: Usakos. Heimreise nach Namibia – Zukunft eines kolonialen Erbes» ist bis zum 4. Juli 2027 im Bernischen Historischen Museum zu sehen. Im Fokus steht die Rückgabe von fast 300 Objekten aus dem Alltag namibischer Eisenbahnarbeiter:innen. Die Objekte wurden während der kolonialen Besatzung des deutschen Kaiserreichs Anfang des 20. Jahrhunderts in die Schweiz gebracht und lagen seither im Depot des Bernischen Historischen Museums.