«pfarrblatt»: 2028 jährt sich die Berner Reformation zum 500. Mal. Die Spiezer Tagung blickt diesen Sommer bewusst auf die Zeit unmittelbar vor der Reformation. Warum lohnt es sich, gerade diese Zeit anzuschauen?
Martin Klöckener: Die Reformation brachte einen tiefgreifenden Umbruch des kirchlichen Lebens mit sich. Das zeigte sich äusserlich in der Zerstörung der Ausstattung der Kirchenräume oder in der Vernichtung liturgischer Bücher. Diesen sichtbaren Veränderungen gingen in der Regel theologische und meist auch politische Entscheidungen voraus. Für viele Menschen bedeuteten diese Veränderungen einen radikalen Einschnitt in ihr Glaubens- und Frömmigkeitsleben, denn innerhalb kürzester Zeit wurden viele von dessen Ausdrucksformen verworfen. Einige Menschen empfanden dies als Befreiung, für andere war es aber ein gravierender Verlust.
Wenn wir einen Gottesdienst im Bernbiet um 1500 besuchen könnten: Was würde uns am meisten überraschen – und was käme uns vielleicht sogar vertraut vor?
Ich würde weniger von einem einzelnen Gottesdienst sprechen. Es ging vielmehr um ein gottesdienstliches Gesamtsystem. In einer grösseren Stadtkirche wie dem Berner Münster fanden nicht nur die Sonntagsmessen, sondern auch viele Messen an Werktagen statt. Hinzu kamen das mehrmals tägliche Stundengebet, zahlreiche Heiligenfeste und öffentliche Prozessionen, die das Kirchenjahr prägten. Gottesdienste begleiteten zudem die wichtigsten Stationen des Lebens – von der Taufe über die Beichte und Trauung bis zur Letzten Ölung und zum Begräbnis. Das ganze menschliche Leben war gewissermassen liturgisch eingebettet.
Das Spätmittelalter war von einer grossen Sorge um das Seelenheil geprägt. Wie prägte diese Vorstellung die Liturgie und den Gottesdienst?
Die Sorge um das Seelenheil wurde von bestimmten theologischen Entwicklungen verstärkt. So hatte die Kirche seit dem frühen Mittelalter eine eigene Erinnerungskultur für Verstorbene entwickelt. Gebet und Eucharistiefeiern für die Verstorbenen reichen weit in die Kirchengeschichte zurück, wurden aber im Spätmittelalter besonders intensiv gepflegt. Vor allem sogenannte Jahrtagsstiftungen waren weit verbreitet. Die Angehörigen sicherten durch Zuwendungen an eine Kirche oder ein Kloster, dass jedes Jahr am Todestag der verstorbenen Person eine Messe für deren Seelenheil gefeiert wurde.
Die Menschen stifteten Altäre, Kapellen oder Messfeiern und investierten viel in ihre Kirchen. Was sagt das über ihren Glauben und ihr Verhältnis zu Gott aus?
Glaube ist nicht nur eine intellektuelle Angelegenheit, sondern bedient sich häufig Zeichen und materieller Ausdrucksformen. Dieses Phänomen verbindet das späte Mittelalter mit der Gegenwart. Nehmen Sie als Beispiel die einfache Kerze, die jemand mit einem bestimmten Anliegen entzündet. Im Spätmittelalter waren die Menschen durch Risiken bei Krankheit, Geburt und Verletzungen viel stärker mit dem Tod konfrontiert als heute. Religiöse Stiftungen dienten der Lebenssicherung und gründeten auf einem tiefen Gottvertrauen. Dass solche Vorstellungen theologisch auch kritisch zu beurteilen sind, steht ausser Frage. Das gilt besonders für das «Do ut des»-Prinzip, also die Vorstellung, dass ich, wenn ich als Mensch etwas gebe, eine entsprechende Gegenleistung von Gott bekomme.
Wenn das kirchliche Leben so lebendig war, weshalb wuchs dennoch die Kritik an der Kirche?
Kritik entstand unter anderem an einem überbordenden System von Messstiftungen und am Ablass als gängiger Praxis zur Sicherung des eigenen Seelenheils. Die meisten Reformatoren lehnten auch die Heiligenverehrung und damit verbundene Frömmigkeitsformen wegen fragwürdiger oder missbräuchlicher Praktiken ab. Zudem bedeuteten Stiftungen und Ablässe finanzielle Belastungen für die Gläubigen und dienten zugleich dem Unterhalt des Klerus. Nicht wenige Kleriker sicherten ihren Unterhalt vor allem durch die Übernahme von Stiftungsmessen.
Heute erscheint das Spätmittelalter oft als eine Zeit des kirchlichen Niedergangs. Wird diese Epoche damit richtig beschrieben, oder sollten wir unser Bild korrigieren?
Jede Epoche kennt Entwicklung und Niedergang. Das Spätmittelalter nur als Phase des Niedergangs zu betrachten, wird dieser Zeit nicht gerecht. Neben Fragwürdigem brachte es auch wichtige theologische Aufbrüche sowie innerkirchliche Erneuerungsansätze hervor, die nicht zu einem kirchlichen Bruch führten. Schliesslich erleben wir im späten 15. Jahrhundert einen medialen Wandel durch den Buchdruck, dessen sich die Kirche im Sinne der Modernisierung bedient hat.
Mit der Reformation veränderte sich der Gottesdienst grundlegend. Was bedeutete das für die Menschen konkret? Was ging verloren, was wurde neu gewonnen?
Die Reformatoren lehnten viele Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit oder Breitenreligiosität ab. Auch die meisten Sakramentenfeiern wurden nicht mehr als solche begangen. Stattdessen konzentrierte man sich in der Regel auf Taufe und Abendmahl, wobei Letzteres wesentlich seltener als zuvor die Messe gehalten wurde – teilweise nicht einmal jeden Sonntag. Der Predigtgottesdienst, den es bereits vor der Reformation gab, wurde ausgestaltet. Und die Konzentration auf das Wort Gottes, eines der grossen Anliegen der Reformation, brachte insbesondere eine neue Wertschätzung der Predigt als Unterweisung der Gläubigen mit sich.
Was wünschen Sie sich, dass die Besucher:innen nach der Spiezer Tagung über die Kirche unmittelbar vor der Berner Reformation mit nach Hause nehmen?
Ich würde mich freuen, wenn es gelänge, dass bei allem notwendigen kritischen Hinterfragen auch der Reichtum des Glaubenslebens dieser Zeit deutlich würde.
Spiezer Tagung 2026
Unter dem Titel «Am Vorabend der Berner Reformation» widmet sich die Spiezer Tagung am 14. und 15. August der Kirche im späten Mittelalter. Sieben Referate beleuchten Frömmigkeit, Liturgie, Kunst sowie soziale, politische und wirtschaftliche Entwicklungen vor der Berner Reformation. Eine Führung durch die Schlosskirche Spiez und eine Exkursion nach Reutigen und Erlenbach ergänzen das Programm.
Anmeldung bis 3. August unter www.spiezertagung.ch
Zur Person
Martin Klöckener (*1955) ist katholischer Theologe und war bis 2022 Direktor des Instituts für Liturgiewissenschaft an der Universität Freiburg. In der Forschung gilt sein Interesse vor allem der Geschichte der Liturgie, der Interpretation liturgischer Quellen sowie der Liturgiereform des Zweiten Vatikanischen Konzils und deren Rezeption.