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Fenster zum Göttlichen: Ikonen verbinden die sichtbare mit der unsichtbaren Welt. Foto: Elisabeth Zschiedrich

«Eine Ikone trägt die Herrlichkeit Gottes in sich»

In den Ostkirchen spielen Ikonen eine grosse Rolle. Auch bei uns steigt das Interesse an der sakralen Kunst. Zu Besuch in einem Ikonen-Malkurs.


Wer einen Ikonen-Malkurs besucht, muss mit dem Geschmack von Schnaps und Knoblauch rechnen. Nina Gamsachurdia zumindest legt Wert darauf, dass die Teilnehmenden in ihren Kursen natürliche Materialien benutzen. «Es soll alles so sein wie früher», sagt sie. 

Von chemisch hergestellten Werkstoffen und Farben hält sie nicht viel. Früher, das ist im Fall der Ikonen die Zeit zwischen dem 4. und dem 14. Jahrhundert. In dieser Zeitspanne sind der byzantinische Malstil und die Techniken entstanden, nach denen die Kursteilnehmenden bei Gamsachurdia das Ikonen-Malen lernen. 

Lapislazuli, Malachit und Bernstein 

Neben Schnaps, Knoblauch, Eiern und Wein hat die Kursleiterin ins Kloster Kappel am Albis einen Koffer mit kleinen Glasflakons mitgebracht. Jeder Flakon enthält ein Farbpigment, extra fein gemahlene Steine und Edelsteine. Lapislazuli aus Afghanistan, Malachit aus Deutschland, Bernstein aus Polen, Jade und Zinnober aus China. Mit diesen Farben arbeitet Gamsachurdia auch sonst. «Es wäre viel zu teuer, sie nur für einen Malkurs anzuschaffen», sagt die Künstlerin, die in ihrem Basler Atelier vor allem Ikonen restauriert.

Sie will, dass die Tradition der Ikonen-Malerei erhalten bleibt. Deshalb stellt sie den Kursteilnehmenden ihre Materialien einfach so zur Verfügung. «Ich finde es wichtig, dass die Menschen Ikonen als Teil der christlichen Kultur wertschätzen», sagt die gebürtige Georgierin. 

Ehrenamtlich engagiert sich die 60-Jährige daher auch als Präsidentin von «Iconarium», einem Verein zur Sicherung und Erhaltung von sakralem Kulturgut in der Schweiz. Der Verein organisiert Studienreisen und Ausstellungen, die Ikonen aus Privatbesitz für eine Zeitlang der Öffentlichkeit zugänglich machen. 
 


«Jede:r kann lernen, eine Ikone zu malen» 

Das Interesse an den Ausstellungen steige, sagt Gamsachurdia, und auch ihre Malkurse seien meistens ausgebucht. Ein Mann und 14 Frauen aus der ganzen Deutschschweiz sind dieses Mal dabei. Corinna Meissner ist aus Risch-Rotkreuz angereist. Ihr gefallen der starke Ausdruck und die leuchtenden Farben der Ikonen. «Ich male sonst nicht», sagt die 55-Jährige, «aber das wollte ich einmal ausprobieren. Nina sagt, jede:r kann lernen, eine Ikone zu malen.» 

Theresa Dietze aus Bern war schon einmal bei einem Ikonen-Malkurs. Die 43-Jährige wollte dieses Mal eigentlich nur ihren Kollegen zum Kurs bringen. Unerwartet war ein Platz frei, und sie konnte bleiben. Emilia Meyer aus Basel nimmt gemeinsam mit ihrer Mutter teil. Die 39-Jährige malt den heiligen Martin, den Namenspatron ihres Mannes, als Weihnachtsgeschenk. «Ich hätte nicht gedacht, dass so viel Arbeit in einer Ikone steckt», sagt sie. 

Symbolischer Gehalt 

Gestern haben die Teilnehmenden die Konturen ihres Wunschmotivs auf ein Holzstück übertragen und einzelne Stellen mit Blattgold verziert. Bevor sie heute die Farben auftragen können, müssen die Pigmente mit Eigelb, Schnaps oder Wein gemischt werden. Die Lebensmittel helfen bei der Bindung der Pigmente. 

Zuerst malen die Teilnehmenden die Hautstellen ihrer Ikonen. Die Hautfarbe, das sogenannte «Inkarnat», wird aus verschiedenen Farben zusammengemixt und in drei Schichten unterschiedlicher Intensität von dunkel nach hell aufgetragen. 

Neben dem Künstlerischen hat alles an den Ikonen auch eine symbolische Bedeutung. Die drei Schichten des Inkarnats stehen für die Dreifaltigkeit. Das Gold zeigt das göttliche Licht. 

«Eine Ikone ist kein reiner Kunstgegenstand, sondern auch ein heiliges Bild», sagt Gamsachurdia. «Die dargestellte Person trägt die Herrlichkeit Gottes in sich.» Um dies zum Ausdruck zu bringen, brauche es die kostbaren natürlichen Farben, die ihre Leuchtkraft jahrhundertelang behalten. 
 


«Die Ikone lässt Raum für das Unsichtbare» 

Georgiana Huian, Professorin am Institut für Christkatholische Theologie der Universität Bern, beschäftigt sich wissenschaftlich mit Ikonen. Spricht man sie darauf an, benennt sie das theologische Problem, das hinter den Ikonen steht: «Was bedeutet es, dass etwas als Bild Gottes bezeichnet wird?» 

Diese Frage wurde schon im Jahr 787 beim Zweiten Konzil von Nizäa verhandelt, das die Verehrung von Ikonen ausdrücklich erlaubte. «Weil Gott sich als Mensch selbst gezeigt hat, darf er bildlich dargestellt werden», sagt Huian. «Die Ikone lässt aber auch Raum für die Unsichtbarkeit Gottes.» Sie stehe für die Spannung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt und bilde als «Fenster zum Absoluten» zugleich eine Brücke zwischen beiden Welten. «Heilig ist die Ikone, weil Christus die Materie durch seine Menschwerdung geheiligt hat», sagt Huian. 

Malen als Gebetsakt 

Huian gehört wie auch Gamsachurdia der orthodoxen Kirche an. In den christlichen Kirchen des Ostens haben Ikonen eine besondere Tradition. Das Malen gilt als Gebetsakt, und die Gestaltung, die Farben und die Perspektive der Ikonen sind theologisch festgelegt. Die römisch-katholische Kirche lässt hier mehr Freiraum, sie legt den Akzent eher auf pädagogische und ästhetische Aspekte. 

«Man muss auf den Prozess vertrauen» 

Saskia Stekhoven aus Aarau nimmt gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Grossmutter schon zum fünften Mal an einem IkonenMalkurs teil. Die 17-Jährige ist die jüngste, aber auch eine der erfahrensten Teilnehmer:innen. Sie kennt die wichtigsten Tricks und Kniffs und weiss auch, wofür es eigentlich den Knoblauch braucht. «Der hilft, wenn das Gold die Farbe nicht richtig annehmen will», erklärt sie. 

Eines hat Stekhoven in den Kursen aber auch gelernt: «Eine Ikone kann man nicht richtig planen. Man muss auf den Prozess vertrauen.» Was vom Unsichtbaren am Ende in der Ikone sichtbar sein wird, bleibt also immer eine Überraschung.