«pfarrblatt»: Das Haupthaus der Propstei St. Gerold, wo Sie wohnen und arbeiten, wurde während drei Jahren restauriert. Was hat diese Baustelle mit Ihnen gemacht?
Martin Werlen: Das ist eine grosse Herausforderung, wenn man Schweigeoder Firmenseminare durchführt. Ich habe gemerkt, dass wir diese Seminare nicht neben, sondern nur mit der Baustelle durchführen können. Also haben wir sie integriert.
Was heisst das konkret?
Werlen: Als das Dach abgedeckt werden musste, haben wir die Dachziegel als Tischdekoration eingesetzt. Ich habe mit allen Seminargästen eine Führung über die Baustelle gemacht, sodass sie das selbst erleben konnten. Es gab Leute, die immer wieder kamen, weil sie interessiert waren, was sich in der Zwischenzeit verändert hatte.
In Ihrem Buch deuten Sie die Baustelle als Symbol für die Kirche. Wie meinen Sie das?
Werlen: Das Bild der Baustelle ist das häufigste Bild für die Kirche, das der heilige Paulus in seinen Briefen braucht. Ein starkes Bild, das aber wenig bekannt ist. Wenn ich als Festprediger für eine Kirchweihe oder eine Patronatsfeier eingeladen werde, wird oft ein Lied gesungen, in dem die Kirche als «Haus voll Glorie» bezeichnet wird – ein fürchterliches Bild.
Was ist so schlimm daran?
Werlen: Dieses Bild führt dazu, dass all das, was nicht dieser Glorie entspricht, unter den Teppich gewischt wird. Wie anders ist es, wenn ein junger Theologe oder eine junge Theologin in eine Pfarrei kommt, um «ein Haus voll Glorie» zu pflegen oder um auf einer Baustelle zu arbeiten. Eine Baustelle kann man nie allein bewältigen. Ein Haus pflegen kann eine Person allein, indem sie anderen Befehle gibt, es zu reinigen. Durch unseren Umbau wurde mir allerdings bewusst, dass unsere Kirchengebäude sehr stark vom Bild des Hauses voll Glorie geprägt sind.
Sie sagen, Baustellen seien nötig, damit es Entwicklung gibt. In der Kirche gibt es viele Baustellen: Stichwort Missbrauchskrise, Reformstau, Spaltung in Konservative und Liberale usw. Wo sehen Sie Entwicklung?
Werlen: Wichtig ist zuerst einmal, dass wir eine Baustelle als solche wahrnehmen und benennen, ohne bereits die Lösung zu haben. Dazu müssen wir zusammen sitzen und gemeinsam nach einer Lösung suchen. Nehmen wir die Stellung der Frau in der katholischen Kirche. Das ist eine Baustelle! Wir drängen jedoch sofort dazu, eine Lösung zu haben. Gerade auch Leute, die regelmässig Gottesdienste besuchen, nehmen das überhaupt nicht als Baustelle wahr.
Aber wie bringt man die Leute dazu, das wahrzunehmen?
Werlen: Indem ich die Baustelle angehe, aber auch jene mitnehme, die noch nicht so weit sind. In der Zeitschrift «Gemeinsam glauben» publiziere ich jeweils ein E-Mail an Papst Leo. In der Februar-Nummer erinnere ich ihn daran, dass im 19. Jahrhundert der konservative Papst Pius IX. einen Nicht-Priester zum Kardinal ernannt hat. Ich schlage Papst Leo vor, drei hochrangige Personen – zwei Frauen und einen Mann –, die im Vatikan Ämter innehaben, deren Leiter bisher zu Kardinälen ernannt wurden, ebenfalls in den Kardinalsrang zu erheben. Auf diese Weise werden auch die mitgenommen, die das 19. Jahrhundert besonders hochhalten.
Sie loben die Baustelle. Eine solche bedeutet aber auch Lärm und Schmutz und Unannehmlichkeiten.
Werlen: Lärm und Schmutz sind kein Wert an sich, aber im Hinblick darauf, dass daraus etwas Besseres wird, nehmen wir das in Kauf. Papst Franziskus hat den synodalen Prozess angestossen. In der weltweiten Umfrage, an der auch die Schweiz teilgenommen hat, wurden zuerst die Baustellen benannt. Die Umfrage stiess auf geringes Interesse, weil man nicht in Kategorien der Baustelle gedacht hat. Dabei gilt der synodale Weg nicht nur für die Weltkirche. Wir können überall dort, wo wir Verantwortung tragen, gemeinsam an der Baustelle arbeiten. Die meisten Lösungen, die wir in der Propstei gefunden haben, entstanden im Austausch am Tisch.
Es gab keinen Architekten, der das vorher geplant hat?
Werlen: Entscheidend war, dass der Architekt ein Teamplayer wie wir alle war. Im Atrium zum Beispiel sieht man 1000 Jahre Baugeschichte im gleichen Raum. Die Idee vom Boden in Lehm kam von mir, die Betriebsleiterin brachte ein, dass die Originalwand aus dem 11. Jahrhundert sichtbar bleibt, der Bereichsleiter schlug eine Christusfigur von 1710 vor, die sich farblich dieser Wand angleicht. Der Architekt fand diese Ideen grossartig und nahm sie auf.
Nicht alle Amtsträger in der katholischen Kirche sind Teamplayer.
Werlen: Ja, sie waren lange Zeit nicht als solche gefragt. Es ist Teil der Baustelle, dass man miteinander an die Arbeit geht.
Sie benutzen das Bild auch für das Leben überhaupt.
Werlen: Alles Wichtige verdanken wir Baustellen. Der Raum, in dem ich hier drin bin, das Zimmer, in dem ich heute Abend schlafe, verdanken wir Baustellen. Sobald das Gebäude fertig ist, blenden wir die Baustelle aus. Wenn wir mit Baustellen nur Schrecken und Horror verbinden, haben wir ein Leben lang Probleme. Wesentlich ist, dass man Freude an Baustellen bekommt. Ein liebevoller Blick darauf eröffnet viele Perspektiven.
Zur Person
Der Benediktiner Martin Werlen (63) war von 2001 bis 2013 Abt des Klosters Einsiedeln. Seit fünf Jahren ist er Propst der Propstei St. Gerold in Vorarlberg (A). 2024 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel «Baustellen der Hoffnung. Eine Ermutigung, das Leben anzupacken» (Herder 2024, 208 S.). Zum gleichen Thema hält er am 23. Februar um 19.00 einen Vortrag in der Pfarrei Sankt Michael in Wabern (Gossetstrasse 8).
Informationen dazu erhalten Sie unter: 031 960 14 64, ruth.rumo@kathbern.ch.