«pfarrblatt»: Die Kirchen werden immer leerer. Wer schaut heute noch Fernsehgottesdienste?
Sibylle Hardegger: Aus Zuschriften wissen wir, dass das Publikum breit ist. Viele Leute hören uns im Auto, beim Joggen oder Wandern. Radio- und Fernsehgottesdienste sind ein niederschwelliges Take-away-Format. Man muss nicht in eine Kirche gehen und kann doch etwas mitnehmen.
Von so viel Publikum können die meisten Pfarrer:innen und Seelsorgenden nur träumen.
Hardegger: Ja, und trotzdem wartet niemand darauf, dass ich anrufe und seine oder ihre Pfarrei auswähle. So ein Gottesdienst ist mit Mehrarbeit verbunden. Alles muss sehr genau geplant und abgesprochen sein. Einige Leute haben auch eine Scheu, vor der Kamera zu stehen. Da braucht es manchmal Überzeugungsarbeit.
Welche Argumente helfen dabei?
Hardegger: Ich versuche, die Ängste zu nehmen. Weil man die Texte vorher einreichen muss, meinen manche, sie würden zensuriert. Das stimmt nicht: Ich zensuriere nichts. Ich gebe einfach Feedback und achte auf die Zeit. Und ich sage den Leuten: «So ein Gottesdienst ist wie ein Schaufenster, da können sie zeigen, wie die Pfarrei funktioniert.» In der Regel bekommen die Pfarreien viele Rückmeldungen. Die Menschen bedanken sich für den sorgfältigen Gottesdienst, die gute Predigt, die schöne Musik. Das wird wahrgenommen.
So ein Gottesdienst bringt aber auch Herausforderungen mit sich.
Hardegger: Der Zugang zur Kirche ist wichtig. Für eine Fernsehübertragung fahren wir mit drei grossen Lastwagen an. Ausserdem sind Radio und Fernsehen ganz unterschiedliche Medien. Im Radio muss immer etwas zu hören sein, sonst stellen die Leute ab. Die grösste Herausforderung ist aber immer die Zeit. Wir haben 50 Minuten. Da muss man sich wirklich an das Drehbuch halten und zur Not noch während des Gottesdienstes kürzen.
Und das klappt so spontan?
Hardegger: Ich habe die Zeit im Blick. Ab der Kommunion rechne ich voraus, dann weiss ich, ob es eine Punktlandung gibt. Wenn es knapp wird, bekommt der Organist oder die Organistin die Information, dass das Schlusslied weggelassen oder gekürzt wird. Es ist jedes Mal aufregend. Aber bisher hat es immer geklappt.