Der Comic beginnt mit einem Traum: Ein Metzgermeister namens Erwin, der von Schafen umzingelt auf einer idyllischen Wiese steht. Um ihn herum tollen Tiere im Gras, springen um die Wette, scheinen in einem kleinen Paradies zu leben. Plötzlich werden sie von unbekannten Menschen auf Motorrädern zusammengetrieben, in einen Transporter verschafft – Aufschrift «Lebende Tiere». Erwin reist mit, die Verwirrung steht ihm ins Gesicht geschrieben. Er kommt mit den Tieren im Schlachthaus an, wo die weiteren Prozesse akribisch, detailgenau und mehrheitlich maschinell durchgeführt werden. Wie in einer Fabrik halt.
Irgendwann läutet der Wecker: Erwin wacht schweissgebadet in seinem Bett auf. Vor ihm liegt ein weiterer Arbeitstag als Metzger. So der Beginn des Comics «Fleischeslust» von Martin Oesch – Oesch verantwortet sowohl die Erzählung wie auch die Illustrationen.
Was inspirierte ihn zu einem derart dramatischen Einstieg? «Ich denke, wir wollten mit einem Paukenschlag in die Geschichte starten und eine gewisse Stimmung für das ganze Buch setzen», erklärt Oesch auf Anfrage dem «pfarrblatt». Tatsächlich wird das Buch im Verlauf der Lektüre nicht leichtfüssiger. Erzählt wird die Geschichte des Metzgers Erwin, der nach Jahrzehnten in seinem Beruf mit ethischen und ökologischen Grundsatzfragen der Branche hadert. Mit seinem Erstling gewann der Autor und Illustrator den Preis für das «beste deutschsprachige Comic-Debüt 2026» am Comic Salon Erlangen.
Ein Tag im Leben eines Metzgers
Der Comic thematisiert verschiedene ethische, ökologische und gesundheitliche Fragen des Fleischkonsums. Da ist beispielsweise die Frau Disli, Stammkundin in der Metzgerei, die sich über den Gehalt und die Verwendung von Nitritpökelsalz in den Wurstwaren beklagt. Dass ohne Zusatzstoffe die Waren nicht optisch ansprechend präsentiert werden können, interessiert sie nicht.
In einer Unterhaltung nervt sich ein Restaurantbetreiber in der Stadt – der seine Fleischwaren mehrheitlich im Ausland bezieht – über die immer häufiger anzutreffenden Dönerstände und die geringe Zahlungsbereitschaft der Kundschaft. Der Comic thematisiert auch, ob Metzger neuere und alternativere Ernährungsweisen in ihrem Sortiment berücksichtigen sollen, wie beispielsweise der Veganismus. Das sind Themen, die auch Oesch beschäftigen.
Er ist selbst Metzger, seine Ausbildung hat er in einem kleinen Betrieb in Thun absolviert. Damals malte er das Fleischangebot der Metzgerei, in der er arbeitete, mit bunten Farben auf die Tafel beim Eingang. Irgendwann wurden aus den Zeichnungen mehr als eine Auflistung des täglichen Angebotes und er begann, an seinem Debütwerk zu arbeiten, und gründete fast nebenbei auch die Bio-Metzgerei La Boulotte mit. Vergangenen Februar ist er wieder voll ins Berufsfeld eingestiegen – obwohl er grosse Herausforderungen in der Branche sieht: «Der Personalmangel, das knappe Geld, die fehlende Zahlungsbereitschaft der Gastronomie – es sind Punkte, auf die ich sehr gerne verzichten könnte.»
«Fleischeslust» wurde seit der Veröffentlichung immer wieder rege besprochen. «Der Fleischkonsum und die Zustände in Schlachtbetrieben sind Themen, die eher selten in einem Medium wie der Graphic Novel verhandelt werden», erklärt sich Oesch das grosse mediale Echo. Wie er gegenüber dem «pfarrblatt» erzählt, geht es bei den Rückmeldungen auch nicht zwingend nur um den künstlerischen Hintergrund des Comics: «Viele Leute sehen sich selbst in der Geschichte. Sie erzählen mir, wieso sie kein Fleisch mehr essen oder dass sie neben einer Fleischerei aufgewachsen seien und darum noch wüssten, wie Därme aufbereitet wurden, damals in den 60er-Jahren. Zur Geschichte und dem erzählerischen Handwerk äussern sich nur Berufskolleg:innen. Das machen sie durchaus kritisch, aber konstruktiv.»
Fleischkonsum im Wandel
Das Thema Ernährung ist ein Dauerbrenner in der Öffentlichkeit. Beim Fleischkonsum stehen dabei ethische und ökologische Faktoren im Vordergrund der Diskussion. Seit Langem wird gesellschaftlich immer wieder darüber diskutiert, ob wir Tiere für persönliche Zwecke, wie eben unsere Ernährung, schlachten dürfen. Oft wird emotional diskutiert, was sich auch im Comic Oeschs widerspiegelt – dort beurteilen die Protagonist:innen neue Ernährungsformen wie Fleischersatzprodukte stiefmütterlich oder gar ablehnend.
Gleichzeitig sorgt auch der Klimawandel dafür, dass wir uns über die Ernährung der Zukunft Gedanken machen müssen. Organisationen, wie beispielsweise WWF oder Greenpeace, raten zu einer Ernährung möglichst ohne tierische Produkte. Auch der Bund empfiehlt in seiner Ernährungsstrategie, die pflanzenbasierte Ernährung zu fördern.
Die Ernährung der Zukunft
Oesch macht sich ebenfalls Gedanken darüber, wie wir uns in Zukunft ernähren werden. «Zurzeit beschäftigt mich die Hitzewelle und die gleichzeitige Dürreperiode sehr stark. Der Wassermangel wird in einer Weise Auswirkungen auf unsere Ernährung haben, die manche Fragen obsolet machen. Es wird von allem weniger geben, und manche Sachen werden nur noch den Reichsten unter uns vorbehalten sein.
Die Frage, ob das Protein nun pflanzlich oder tierisch ist, wird vielleicht in den Hintergrund rücken. Wir werden auf jeden Fall lernen müssen, auf gewisse Luxusgüter zu verzichten.» Klare Antworten auf ethische und ökologische Fragen liefert «Fleischeslust» nicht – vielmehr regt der Comicband an. So lädt der Comic dazu ein, sich mit der eigenen Ernährungsweise auseinanderzusetzen, und zeigt, dass selbst Alltägliches wie die Wahl des Nahrungsmittels mit ambivalenten Gefühlen einhergehen kann.
Buchhinweis
Das Buch «Fleischeslust» handelt vom Metzgermeister Erwin, der seit Jahrzehnten gemeinsam mit seiner Frau Margrit eine Metzgerei führt. Seit einer Weile leidet er allerdings darunter, dass der Beruf sich in den letzten Jahren stark verändert hat und nicht mehr das ist, was er einmal war. Unter seinem Frust leidet die Beziehung zu Margrit, und er wird von Albträumen geplagt, was dazu führt, dass er die Fleischindustrie und seine Berufswahl hinterfragt. Erschienen ist das Buch 2025 im Verlag Edition Moderne.