«pfarrblatt»: Frau Kalandija, Sie engagieren sich seit Ihrer Flucht aus dem Donbass, dem Osten der Ukraine, für die Roma im Tabor, einer der grössten Roma-Siedlungen Europas. Was ist das Schlimmste an den dortigen Lebensumständen?
Rada Kalandija: Am schlimmsten ist die Isolation. Der Tabor wirkt wie eine abgeschlossene Welt am Rande der Stadt. Wer dort lebt, bleibt vom normalen Leben fast völlig ausgeschlossen. Auch die Wohnsituation ist erschütternd. Viele Häuser wurden ohne Genehmigung errichtet, oft aus einfachsten Materialien, manche wirken fast wie aus Pappe. Es gibt keine Kanalisation, kein Gas, kein fliessendes Wasser. Auf engstem Raum leben manchmal zehn bis zwölf Personen. Bevor ich 2023 hierherkam, war es für mich unvorstellbar, dass Menschen im 21. Jahrhundert so leben müssen.
Was sind die Ursachen dafür?
Kalandija: Viele Roma leben seit Generationen ohne Geburtsurkunden oder Ausweise. Ohne Papiere haben sie keinen Zugang zu Sozialhilfe und ihre Kinder dürfen nicht zur Schule. So entsteht ein Kreislauf von Ausgrenzung, der sich immer weiter fortsetzt. Hinzu kommt die weit- verbreitete Diskriminierung: In Krankenhäusern sind Roma oft nicht willkommen, weil viele Ärzt:innen sich weigern, sie überhaupt aufzunehmen. Auf dem Arbeitsmarkt werden sie von vornherein abgelehnt. Und weil viele Eltern selbst Analphabeten sind, sehen sie Bildung nicht als Priorität. So setzt sich der Kreislauf von Armut und Ausgrenzung über Generationen hinweg fort.
Welche Wege sehen Sie, um diesen Kreislauf zu durchbrechen?
Kalandija: Ein Hoffnungsschimmer zeigte sich 2023. Damals startete ein Pilotprojekt, getragen vom Europarat, dem ukrainischen Ombudsbüro für Menschenrechte und dem Roma-Frauenfonds Chirikli. Erstmals wurden Roma, die seit Generationen ohne Geburtsurkunden oder Ausweise leben, systematisch erfasst. 158 Menschen konnten bereits dokumentiert werden. Für viele ist das mehr als nur ein Formular: Es ist ein Schritt hin zu Rechten, die ihnen bisher verwehrt blieben.
Sie sind Teil dieses Projekts. Worin besteht Ihre Arbeit?
Kalandija: Wir Mediator:innen gehen direkt in die Siedlungen, sprechen mit den Familien, füllen gemeinsam die Formulare aus und begleiten sie zu den Behörden. Allein würden viele diesen Weg nicht schaffen. Zu kompliziert sind die Verfahren, zu gross oft das Misstrauen. Dabei zeigt sich fast immer: Der Bedarf reicht weit über Dokumente hinaus. Viele Familien brauchen zugleich humanitäre Hilfe – Nahrung, Kleidung oder medizinische Versorgung.
Im Zentrum Romodrom, einem von Ihnen gegründeten Bildungs- und Unterstützungszentrum, erhalten Kinder oft zum ersten Mal Unterricht in Lesen, Schreiben und Hygiene. Welche Erfahrungen machen Sie dabei?
Kalandija: Das Romodrom ist für viele Familien wie ein Fenster in eine neue Welt – denn solche Einrichtungen sind in der Ukraine selten. Wenn die Kinder nach Hause kommen und plötzlich die Uhrzeit lesen können oder wissen, wie man sich die Hände richtig wäscht, dann staunen die Eltern. Oft ist es das erste Mal, dass sie den Wert von Bildung wirklich spüren. Manche erzählen uns voller Stolz, dass ihre Kinder Dinge lernen, die sie selbst nie gelernt haben. Das macht etwas mit der ganzen Familie. Natürlich braucht es noch viel Überzeugungsarbeit, doch die Nachfrage wächst. Immer mehr Eltern bringen ihre Kinder, weil sie merken: Lernen kann Freude machen und eröffnet Möglichkeiten.
Am 21. August dieses Jahres schlugen erstmals russische Raketen in Mukatschewo ein. Wie hat die Roma-Gemeinschaft reagiert?
Kalandija: Es war ein Schockmoment. Auch wenn «nur» eine Fabrik getroffen wurde, war es das erste Mal, dass unsere Region direkt betroffen war. Die Menschen hatten grosse Angst. Zwei Familien aus unserem Flüchtlingsheim packten sofort ihre Sachen und flohen noch in derselben Nacht nach Deutschland. Mein Telefon klingelte ununterbrochen: «Was sollen wir tun? Müssen wir jetzt auch fliehen? Wohin können wir gehen?» Viele fühlten sich hilflos und allein gelassen
In der Schweiz wird derzeit diskutiert, Roma aus Transkarpatien, der Region, in der auch der Tabor liegt, vom Schutzstatus auszuschliessen. Was würde eine Rückkehr für die Betroffenen bedeuten?
Kalandija: Eine Rückkehr wäre für viele eine Katastrophe. Diese Familien haben in der Schweiz ein Stück Sicherheit gefunden. Ihre Kinder gehen zur Schule, sie haben ein Dach über dem Kopf. Würden sie zurückgeschickt, fänden sie sich im Tabor wieder: ohne Arbeit und ohne Perspektive. Für die Kinder hiesse das, ihre Bildung abzubrechen, für die Eltern, wieder ums Überleben kämpfen zu müssen. Ich appelliere deshalb an die Schweiz: Suchen Sie Lösungen im Dialog und mit Respekt – und tragen Sie diese Entscheidung nicht auf dem Rücken der Schwächsten aus.
Preisübergabe in Bremgarten
Am 6. September 2025 vergab die Gemeinde Bremgarten bei Bern einen Förderpreis für das Projekt «Tabor Mukatschewo» und unterstützt es mit 5000 Franken. Die finanziellen Mittel sollen für Dokumentationsarbeit, medizinische Hilfe und Bildungsprojekte eingesetzt werden.
Zur Person
Rada Kalandija (42) ist Romni aus dem Donbass. 2022 floh sie mit ihrer Familie nach Mukatschewo in den Westen der Ukraine. Dort leitet sie eine Flüchtlingsunterkunft und setzt sich für die Roma im Lager ein. Sie ist Vorsitzende der gemeinnützigen Organisation «ROMEN» (Roma National Society) und Vertreterin des Roma-Frauenfonds Chirikli. Zudem arbeitet sie eng mit Roma- und Menschenrechtsorganisationen sowie internationalen Partnern zusammen.