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Legende: Religionen könnten Vorreiter in Sachen Friedensarbeit sein. Darin waren sich Jehoschua Ahrens, Judith Wipfler, Ramazan Özgü und Urban Fink einig. Foto: Pia Neuenschwander

Die Zukunft des interreligiösen Dialogs bleibt ungewiss

Dialog ja – aber wie? Bei einem Podium zur Zukunft des interreligiösen Dialogs wurde deutlich: Die Bereitschaft ist gross, das «Wie» bleibt weitgehend offen.


Über die Zukunft des interreligiösen Dialogs diskutierten drei Vertreter der abrahamitischen Religionen auf einem Podium im Haus der Religionen. Das Gespräch unter Moderation von Religionsexpertin Judith Wipfler bildete den Abschluss einer Vortragsreihe mit Urban Fink, Kirchenhistoriker, Jehoschua Ahrens, Rabbiner der jüdischen Gemeinde Bern, und Ramazan Özgü, Muslim und Rechtswissenschaftler.  Sie alle hatten aus ihrer je eigenen Perspektive auf den 60-jährigen  Konzilstext «Nostra Aetate» geblickt. In diesem Text reflektiert die römisch-katholische Kirche ihr Verhältnis zu anderen Religionen und spricht auch den anderen Religionen erstmals einen Wahrheitsgehalt zu.

Mehrheitsreligion entscheidet 

Auf dem Podium diskutierten die drei Referenten die Frage nach der Zukunft des interreligiösen Dialogs. Gleich zu Beginn veranschaulichten der jüdische und der muslimische Vertreter, dass Angehörige von Minderheitsreligionen zwangsläufig in einen interreligiösen Dialog treten, wenn sie sich in der Mehrheitsgesellschaft bewegen. Ramazan Özgü, dessen Eltern aus der Türkei nach Zürich einwanderten, wurde von ihnen in den Religionsunterricht geschickt, damit er die Religion der hiesigen Gesellschaft kennenlerne.

Von dieser Mehrheitsgesellschaft könne man sich als Minderheit nicht abkoppeln, so Ahrens. «Es gibt den interreligiösen Dialog, weil die Kirchen ihn wollten.» Der Rabbiner würdigte «Nostra Aetate» als ersten Schritt dazu. Die Juden und Jüdinnen hätten sich diesen Dialog schon lange gewünscht.

Allerdings fügte er an: «In dem Moment, wo die Kirchen sich offen zeigen für den interreligiösen Dialog, verlieren sie an Bedeutung.» Die Politik habe nicht erkannt, wie sehr Religionen eine Unterstützung für den gesellschaftlichen Frieden, ein Beispiel für den Dialog sein könnten. Urban Fink pflichtete ihm bei: Den Gläubigen sei oft zu wenig bewusst, wie essentiell der interreligiöse Dialog sei.
 


Bildung, Begegnung und Social Media

Genau diese Basis hatte Religionsexpertin Judith Wipfler im Blick. Sie lobte die theologischen und institutionellen Fortschritte im Dialog, mahnte aber auch immer wieder an, nicht in der eigenen Bubble zu verweilen. Auf die Frage, wie diese Basis erreicht werden könne, blieben die Antworten allerdings vage. Am konkretesten wurde Ramazan Özgü, mit 40 Jahren der jüngste Podiumsteilnehmer. Mehrfach erzählte er vom Projekt «Respect», bei dem er zusammen mit einem jüdischen Kollegen Workshops in Schulklassen anbietet. Hier versuchen sie, die Jugendlichen auf einer emotionalen Ebene zu erreichen, indem sie aufzeigen, was antisemtische oder antimuslimische Stereotypen bei ihnen als Betroffene auslösen. 

Solche physischen Begegnungen seien wichtig, ebenso die Bildung, auch darüber herrschte auf dem Podium Einigkeit. Während Urban Fink den Wegfall christlicher Bildungshäuser bedauerte, brach Özgü eine Lanze für Social Media. «Jugendliche haben ein Bedürfnis nach Religion und Spiritualität». Das würden fundamentalistische Influencer:innen nutzen. Wenn das im Religionsunterricht thematisiert würde, könne dieser eine Form von Extremismusprävention sein. «Wir können Tiktok nicht einfach ignorieren, Jugendliche bewegen sich dort täglich viele Stunden.» Er plädierte daher für Dialog-Influencer:innen oder für die finanzielle Unterstützung sogenannter «Sinn-Fluencer:innen», also Menschen, die auf Social Media differenzierte, sinnstiftende Inhalte posten.

Insgesamt war auf dem Podium viel Dialogbereitschaft, aber auch eine gewisse Ratlosigkeit spürbar:  Die Frage, wie der interreligiöse Dialog in Zukunft aussehen wird, beantwortet das Podium nur ansatzweise.