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Die indische Reporterin Nidhi Suresh präsentiert dieses Jahr ihren Film über Sister Ruth. Sie sagt: «Ich musste lernen, zuzuhören, ohne meine eigene Vorstellung von Schuld oder Scham aufzudrängen.» Foto: zVg

Die Nonne, der Bischof und das quälende Schweigen

Die indische Journalistin Nidhi Suresh erzählt am True Story Festival in Bern die Geschichte von Sister Ruth: einer Nonne, die einen katholischen Bischof der Vergewaltigung beschuldigte – und dafür isoliert wurde.


Als die Journalistin Nidhi Suresh zum ersten Mal den abgelegenen Konvent von Sister Ruth im südindischen Bundesstaat Kerala aufsucht, regnet es leicht. Zwei Polizisten dösen vor dem Gebäude, drinnen sitzen mehrere Nonnen schweigend nebeneinander. Skepsis liegt in der Luft. Keine der Nonnen gibt zu erkennen, wer jene Frau ist, die einen katholischen Bischof wegen mehrfacher Vergewaltigung angezeigt hat. 

Später führt eine der Nonnen die indische Journalistin in den Garten. Dort blühen Bougainvillea. «Als die Polizei unsere Aussagen aufnahm, nahmen die Beamten Stecklinge dieser Blumen mit und pflanzten sie vor ihrer Station», erzählt sie. Dann sagt sie leise: «Ja, ich bin die, die du suchst.» 

Mit dieser Szene beginnt die vielfach ausgezeichnete Reportage von Nidhi Suresh. Die Journalistin präsentiert ihre Arbeit am True Story Festival in Bern, einem internationalen Festival für dokumentarisches Erzählen, das seit 2019 Reporter:innen, Autor:innen und Filmemacher:innen aus aller Welt zusammenbringt. Die Reportage von Suresh ist dort für den True Story Award nominiert. Über zehn Monate recherchierte die Journalistin im Umfeld jener Frau, die im Text unter dem Pseudonym «Sister Ruth» auftritt. Es ist die Geschichte einer Nonne, die sich gegen einen mächtigen katholischen Bischof stellte – und einen hohen Preis dafür bezahlte. 
 


Keine andere Wahl 

2018 beschuldigte Sister Ruth den damaligen Bischof Franco Mulakkal, sie zwischen 2014 und 2016 mehrfach vergewaltigt zu haben. Es war das erste Mal in Indien, dass eine Nonne öffentlich einen katholischen Bischof wegen Vergewaltigung anzeigte. Der Fall erschütterte die katholische Kirche in Indien. 2022 wurde Mulakkal freigesprochen. Doch die Geschichte endete nicht mit diesem Freispruch. 

Suresh interessiert sich für das Danach. Für die Jahre der Isolation, für den Alltag im Kloster, für die Frage, was geschieht, wenn innerhalb eines religiösen Systems Machtstrukturen öffentlich infrage gestellt werden. «Es war nicht Stärke, sondern das Fehlen jeder anderen Wahl», sagt Sister Ruth im Gespräch mit Nidhi Suresh. 

Dieser Satz habe sie während der ganzen Recherche begleitet, erzählt Suresh im Gespräch mit dem «pfarrblatt». Denn häufig stünde hinter einer Anzeige zuerst eine tiefe Erfahrung von Enttäuschung: «Wenn Betroffene an die Öffentlichkeit gehen, dann oft deshalb, weil sie zuvor von allen Institutionen im Stich gelassen wurden.» 

Religiöse Dimension der Scham 

Sister Ruth hat sich nach den Ereignissen bewusst in die Abgeschiedenheit ihrer neuen Ordensgemeinschaft in Kerala zurückgezogen. Als sich die Tat ereignete, lebte sie als Oberin eines Klosters in der nordindischen Diözese Jalandhar, der damaligen Wirkungsstätte des beschuldigten Bischofs Franco Mulakkal. 

Besonders beschäftigte Suresh die religiöse Dimension der Scham. «Sister Ruth sagte immer wieder, sie fühle sich mehr als Sünderin denn als Opfer», erzählt die Journalistin. Für Ruth sei es unerträglich gewesen, vor Gericht auszusprechen, dass sie vergewaltigt worden sei – weil sie als Nonne ein Keuschheitsgelübde abgelegt hatte. «Sie hatte das Gefühl, Gott enttäuscht zu haben», so Suresh weiter. 

Die Journalistin selbst ist keine Christin. Gerade deshalb habe sie sich gefragt, ob sie die religiöse Komplexität dieser Geschichte überhaupt verstehen könne. «Ich musste lernen, zuzuhören, ohne meine eigene Vorstellung von Schuld oder Scham aufzudrängen», sagt sie. Viele Gespräche im Kloster seien zunächst nicht um den Fall gegangen. Man habe zusammen Kaffee getrunken oder gegessen. Erst langsam entstand Vertrauen. 
 


Isolation als Strafe 

Fünf Monate lang besuchte Suresh die Nonne, bevor diese der Reportage zustimmte. «Sister Ruth wollte nicht nur als Opfer gesehen werden», sagt Suresh. «Sie wollte, dass jemand ihren Alltag versteht.» Deshalb zog die Journalistin zeitweise selbst ins Kloster ein. Sie beobachtete, wie die dort lebenden Nonnen versuchten, sich eine fragile Normalität zu bewahren – indem sie über Kochrezepte oder Hühner stritten, als Gegenpol zur Belastung der Situation. Denn die soziale und institutionelle Ausgrenzung nach dem Verfahren wirkt tief in das Leben der Nonnen hinein und verändert Beziehungen, Sicherheit und Zugehörigkeit.

In ihrer Reportage beschreibt Suresh den Alltag der Nonnen eindringlich: die langen Gänge des halb verlassenen Klosters, Stromausfälle, stickige Zimmer, Stickarbeiten gegen die Stille. Die strukturelle, institutionelle und psychische Gewalt ist permanent zu spüren, erscheint aber in der Reportage nie voyeuristisch, sondern wird eingebettet in eine Atmosphäre permanenter Kontrolle. 

«Sister Ruth wurde faktisch isoliert – als Folge der kirchlichen Reaktionen nach dem Verfahren», sagt Suresh. Besonders eindrücklich schildert die Reportage die Haltung der Kirche nach dem Freispruch. Sister Ruth schrieb mehrfach an kirchliche Autoritäten bis hin zum Vatikan. Antworten erhielt sie kaum. Stattdessen wurden Unterstützerinnen versetzt, finanziell unter Druck gesetzt oder zum Austritt gedrängt. Von den ursprünglich fünf Verbündeten leben heute nur noch zwei mit Sister Ruth im Kloster in Kerala. 

Gewalt des Systems 

Suresh dokumentiert dabei nicht nur die Perspektive der Nonne, sondern auch jene des freigesprochenen Bischofs Franco Mulakkal. Im Gespräch erklärt sie, weshalb sie ihm so viel Raum gab: «Wenn wir nicht zuhören, wie jemand wie Franco spricht, verstehen wir nicht, welche Vorstellungen von Macht, Sexualität und Frauen dahinterstehen.» 

Seine Aussagen seien verstörend, aber aufschlussreich. Die Frage nach Macht zieht sich durch die gesamte Reportage – einerseits juristisch, andererseits auch spirituell. «Sister Ruth musste ihren Fall gleichzeitig vor Gericht und innerhalb der Kirche austragen», sagt Suresh. Genau darin liege die eigentliche Gewalt des Systems. Inzwischen hat Sister Ruth entschieden, ihre Identität öffentlich zu machen: Nach der Veröffentlichung der Reportage trat sie erstmals ohne Pseudonym in lokalen Medien auf. Für Suresh ist das ein wichtiger Schritt. «Sie wollte zeigen: Wir sind noch hier.»

Am Ende bleibt weniger eine Gerichtsreportage als eine Geschichte über Glauben, Loyalität und Widerstand. Und über eine Frau, die trotz allem im Ordensleben bleiben will. «Ich kam hierher, um Nonne zu sein», sagt Sister Ruth in der Reportage. «Und ich werde als solche weiterleben.»

 

True Story Festival 

Das Reporter:innenfestival findet vom 5.–7. Juni in der Berner Altstadt statt. Alle Veranstaltungen sind gratis, Tickets mit Platzreservation gibt es online. 
Nidhi Suresh spricht am 6. Juni, 16.45 im Kulturlokal ONO, Kramgasse 6, über ihre nominierte Reportage.
www.truestoryfestival.ch