Eher zufällig bin ich über das Romandebüt der bekannten Schweizer Dirigentin und Produzentin Graziella Contratto gestolpert. Welch ein Glück!
In ihrem stark autobiografischen Roman kehrt die Autorin, wie sie selbst sagt, dank «einem starken Hang zur Nostalgie» zurück in ihre Kindheit. Eigentlich ist es eine ziemlich unspektakuläre und gewöhnliche Kindheit. Graziella Contratto wächst in den siebziger Jahren in Schwyz auf. Auf knapp hundertsiebzig Seiten schildert sie ihr Aufwachsen, flankiert von der bisweilen rätselhaften Welt der Erwachsenen, dem den Jahreslauf bestimmenden katholischen Glauben, von Freundschaften und ganz wichtig: von der Musik.
Spektakulär aber ist der Erzählstil der Autorin: Graziella Contratto gelingt es meisterhaft in heiterer und poetischer Sprache zurück in die kindliche Wahrnehmung und Denkweise einzutauchen. Und, das ist das Wunderbare, die Lesenden mitzunehmen. So taucht man ein in diese bunte, bildreiche, wertfreie und unglaublich wohltuende Erfahrungswelt der Kindheit. Eine Lebenszeit, in der man getrost vieles noch nicht zu wissen braucht, staunend die Welt um einen herum aufsaugen kann und dabei ganz unvoreingenommen dem Leben begegnen darf.
Graziella Contratto hat einmal gesagt, dass sie die Noten vor den Buchstaben lesen konnte. Dieser Vorrang der musikalischen Welterschliessung mag die Sinnlichkeit und Virtuosität ihrer bildhaften Sprache erklären. Es ist bewundernswert, wie sie es schafft, den Lesenden dieses Zurückkehren in die kindliche Vorstellungs- und Bildwelt zu ermöglichen. Obwohl eigentlich allzu bekannt – ohne sie hätte ich den Weg dorthin nicht wiedergefunden.
Unbedingte Leseempfehlung!
Séverine Décaillet
Graziella Contratto, Meitsch,
Atlantis Verlag, 2026, 160 Seiten, Fr. 31.–