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Patriarchaler Mainstream? Einige Bibel-Texte zeigen einen anderen Blick auf die Wirklichkeit. Foto: Unsplash

«Die Bibel ist ein Männer-Buch»

Die Texte des Alten und Neuen Testaments sind in einer patriarchal geprägten Gesellschaft entstanden. Kein Wunder, dass Frauen da eine geringere Rolle spielen. Es lohnt sich aber, genauer hinzuschauen.

Interview: Elisabeth Zschiedrich


«pfarrblatt»: Der Titel Ihres neuesten Buches lautet: «Ist die Bibel frauenfeindlich?» Angesichts der männlichen Autorenschaft und des patriarchalen Entstehungskontexts der Schriften eine rhetorische Frage, oder? 

Sigrid Eder: Die Bibel ist von Männern für Männer geschrieben. Es kommen circa 15-mal mehr Männernamen vor als Frauennamen. Das Umfeld in den Jahren 800 v. Chr. bis 200 n. Chr. war eindeutig patriarchal geprägt. Man könnte sagen, die Bibel ist ein «Männer-Buch». Aber deshalb muss sie ja nicht gleich frauenfeindlich sein. 

Nahe liegt das aber schon. 

Eder: Die Bibel berichtet durchaus positiv von Frauen in wichtigen Rollen. Es gibt die Erzmütter und die Prophetinnen, aber auch Frauen, die erben, und Frauen, die in Gemeindeversammlungen sprechen. Es sind zwar insgesamt weniger Frauen als Männer. Sobald aber von einer Frau in einer herausgehobenen Position erzählt wird, geht die Forschung davon aus, dass es in Wirklichkeit mehrere Frauen in solchen Positionen gegeben hat. 

Im Buch Genesis ist zu lesen, Gott habe die Frau aus der Rippe des Mannes geformt. Ist dadurch ein hierarchisches Geschlechter-Verhältnis in der Bibel nicht schon vorgegeben? 

Eder: Der hebräische Text zielt im Gegenteil auf die Gleichwertigkeit der Geschlechter. Gott nimmt aus Adam, dem Erdling, dem geschlechtlich noch nicht differenzierten Menschen, ein Stück und baut daraus ein neues Wesen. Erst danach werden zwei neue Begriffe eingeführt: isch und ischschah, Mann und Frau. Diese Bibelstelle zeigt also, dass Mann und Frau aus demselben Stoff gemacht sind. In der Rezeption wurde das aber anders ausgelegt.

Das Problem ist nicht nur die Auslegung. Manche Texte enthalten selbst eine patriarchale Prägung. 

Eder: Das stimmt. Man kann aber immer versuchen, das literarhistorisch einzuordnen. Im Buch Jesus Sirach 25,24 heisst es mit Bezug auf die Paradieserzählung, der Anfang der Sünde sei durch die Frau gekommen. In der Paradieserzählung ist aber nirgends von Sünde die Rede. An der Übertretung des Gebotes Gottes sind beide Menschenwesen beteiligt. Das Buch Kohelet enthält viele Zitate, deren Inhalt Kohelet nicht unbedingt teilt. In der Einheitsübersetzung kommt das in Koh 7,26 auch zum Ausdruck. Wichtig ist allgemein, dass man im Sprechen über frauenfeindliche Texte nicht das Unrecht wiederholt, sondern die Stimme dagegen erhebt. Andernfalls wird die Sprache selbst zum Gewaltwerkzeug. 

Gibt es auch Stellen in der Bibel, die sich vom «Mainstream» unterscheiden? 

Eder: Ja, die gibt es. Das Buch Rut zeigt beispielsweise einen kreativ-subversiven Umgang mit den Gesetzen. Begünstigt werden die Ausländerin Rut und ihre Schwiegermutter Noomi. Beide Frauen sichern sich das Überleben in einer patriarchalen Gesellschaft durch ihren Mut, ihre Risikobereitschaft und Handlungsfähigkeit. Auch das Mirjam-Lied, das Debora-Lied, das Lied der Hanna, das Buch Ester und das Buch Judit fallen aus der Reihe. Daher fragt die feministische Exegese, ob diese Texte nicht doch von Frauen geschrieben wurden. Beweisen lässt sich das allerdings nicht.

In diesen Texten zeigt sich also eine weibliche Sicht auf die Wirklichkeit? 

Eder: Das könnte man so sagen. Zumindest rücken diese biblischen Texte Frauenerfahrungen ins Zentrum. Es stellt sich allerdings die Frage, was «weiblich» eigentlich meint. Wer das zu definieren versucht, verfällt leicht in stereotype Rollenklischees. Es sollte generell darum gehen, Machtverhältnisse aufzubrechen. Deshalb folgte auf die feministische Exegese die exegetische Gender-Forschung. 

Worin besteht der Unterschied? 

Eder: Die feministische Exegese gibt es seit den 1970er-Jahren. Sie stellt ganz klar die Frau ins Zentrum und verbindet dies mit einer politischen Mission. Es geht ihr um die Befreiung der Frauen aus der Unterdrückung. Etwa 20 Jahre später etabliert sich die Analysekategorie «Gender», die auf das soziale oder kulturelle Geschlecht abzielt. Exegetische Genderforschung hinterfragt auch die  Zweigeschlechtlichkeit als Norm. Wer jemand ist, hängt nicht nur vom Geschlecht ab, sondern auch von der Position. Macht hat, wer oben ist, wer delegieren kann, wer sprachlich mehr Raum einnimmt oder wer sich weniger bewegen muss – unabhängig vom Geschlecht. Das zeigt sich bis heute und auch schon in der Bibel.
 


In Ihrem Buch finden sich verschiedene Bezeichnungen für «Gott». Warum? 

Eder: In den hebräischen Texten des Alten Testaments gibt es einen eigenen Namen für den Gott Israels. Er besteht aus vier Buchstaben: JHWH. Beim lauten Vorlesen hat man den Gottesnamen aus Respekt nicht ausgesprochen, sondern stattdessen Ersatznamen eingesetzt. Einer dieser Namen war das hebräische «Adonaj», in der griechischen Übersetzung wurde daraus «Kyrios», im Deutschen «Herr». Im Neuen Testament wird «Kyrios» nicht mehr allein auf Gott, sondern auch auf Menschen bezogen: auf Besitzer, Eigentümer, eben menschliche «Herren». Im Deutschen dient «Herr» selbst der banalen Anrede von Männern als Herr Müller oder Herr Meier. Mit den vier Buchstaben des Originalnamens Gottes hat das nichts mehr zu tun. 

Sie schlagen stattdessen vor, verschiedene aus der Tradition mögliche Ersatznamen zu verwenden. 

Eder: Genau. Der Gottesname selbst ist im Prinzip unaussprechbar und unübersetzbar. In Exodus 3 offenbart sich Gott Mose als «Ich bin, der:die:das ich bin» oder als «Ich bin für dich da». Im Deutschen lassen sich dann viele verschiedene Namen ableiten, etwa der:die Eine, der:die Lebendige, der:die Ewige. Mehrere Ersatznamen werden dem Gottesnamen jedenfalls eher gerecht als ein einziger Name. Dies passt ausserdem zu dem Verbot, sich ein einziges Bild von Gott zu machen. Mit der Verwendung vieler Namen bleibt das Geheimnis Gottes bewahrt. Natürlich kann man Gott unter anderem auch als «Herr» bezeichnen, wenn das persönlich stimmig scheint. Für mich selbst passt das allerdings nicht mehr.

 

Zur Person:

Sigrid Eder ist Professorin für Altes Testament an der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.
Ein von ihr gemeinsam mit der Wiener Theologin Agnethe Siquans herausgegebener Sammelband vereint 39 Beiträge unter dem Titel «Ist die Bibel frauenfeindlich? Biblische Frauenbilder und was wirklich dahinter steckt» (Verlag Katholisches Bibelwerk 2025, 318 Seiten).

 

Bibelsonntag am 25. Januar 2026

 Der «Sonntag des Wortes Gottes» wird zum Abschluss der «Weltgebetswoche für die Einheit der Christ:innen» jeweils am dritten Sonntag des Jahres gefeiert. Er soll «der Feier, der Betrachtung und der Verbreitung der biblischen Texte» dienen, schrieb der 2025 verstorbene Papst Franziskus 2020 bei der Einführung des Tages für die römisch-katholische Kirche. Eine Materialsammlung zur Gestaltung des Tages findet sich hier.