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Synagoge im Abrahamic Family House: Symbol für interreligiösen Dialog und menschliche Geschwisterlichkeit. Foto: zVg

Dialog und Geschwisterlichkeit

Das «Abrahamic Family House» in Abu Dhabi enthält eine Moschee, eine Kirche und eine Synagoge. Papst Franziskus gilt als Mitbegründer.

 

Am 4. Februar 2019 unterzeichneten Papst Franziskus und der ägyptische Grossimam der al-Azhar-Universität, Ahmad al-Tayyeb, in Abu Dhabi eine gemeinsame Erklärung mit dem Titel «Über die Geschwisterlichkeit aller Menschen». Die Unterzeichnung kam überraschend. Wie ist sie einzuschätzen? 

Die Erklärung von Abu Dhabi sei kein Lehrdokument, sondern «eine Geste», so der Jesuit und Islamwissenschafter Felix Körner in einem Interview. Es ist Ausdruck der Freundschaft, die sich zwischen Papst Franziskus und Grossimam al-Tayyeb entwickelt hat, und eine Einladung an alle Menschen guten Willens, aufeinander zuzugehen und Mauern zu überwinden. 

Keine Angst vor dem interreligiösen Dialog 

Im kirchlichen Kontext sieht man sich manchmal mit Vorbehalten gegenüber interreligiösen Begegnungen konfrontiert. Neben stereotypen negativen Bildern des Gegenübers ist oft eine diffuse Angst spürbar, den eigenen Glauben zu verlieren, bzw. aufgeben zu müssen. Es besteht die Vorstellung, Einigung in Glaubenssachen erzielen und Kompromisse schliessen zu müssen. 

Doch der interreligiöse Dialog ist ein Weg der Verständigung, nicht der Einigung. Begegnungen geben die Möglichkeit, zu erfahren, wie andere ihren Glauben leben, wie sie Gott und die Welt sehen. Damit bieten sie die Chance, im Verstehen des Fremden wie auch des Eigenen zu wachsen. 

Menschliche Geschwisterlichkeit

In vielen Religionen findet sich die Überzeugung einer tiefen Verbundenheit der Menschen. Auch Papst Franziskus und Grossimam al-Tayyeb sprechen von der menschlichen Geschwisterlichkeit und fordern angesichts von Kriegen und nationaler Egoismen eine geschwisterliche, solidarische Menschheit. Sie tun dies auf dem Hintergrund ihrer je eigenen religiösen Tradition. 

Christlicherseits sprechen wir davon, dass wir alle Kinder Gottes sind und Gott unser aller Vater. «Wir können aber Gott, den Vater aller, nicht anrufen, wenn wir irgendwelchen Menschen, die ja nach dem Ebenbild Gottes geschaffen sind, die brüderliche Haltung verweigern.» (Konzilserklärung Nostra aetate 5) 

Die Rede von der Geschwisterlichkeit aller Menschen ist auch im Islam verbreitet, aber der Begründungszusammenhang ein anderer. Denn Menschen muslimischen Glaubens nennen Gott nicht Vater, was für sie eine zu grosse Vermenschlichung wäre. «Die Begründung», so Körner, «verläuft vielmehr über Adam und Eva: ‹Ihr Menschen! Wir haben euch geschaffen aus einem männlichen und einem weiblichen Wesen, und wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr euch untereinander kennt› (Koran, Sure 49:13).» 

Indem er die Menschheitsfamilie auf ein Elternpaar zurückführt, betont der Koran die Gleichheit der Menschen. Damit will er Privilegien aufgrund von Zugehörigkeit durchbrechen. «Als der Vornehmste gilt bei Gott derjenige von euch, der am gottesfürchtigsten ist.» (ebd.) Die Verschiedenheit der Menschen und Völker interpretiert Sure 49 als Einladung, einander kennenzulernen und aufeinander zu hören. Verschiedenheit bedeutet nicht Konkurrenz und Recht des Stärkeren, sondern ist vom göttlichen Schöpfer als Geschwisterlichkeit gedacht. 

Das Abrahamic Family House 

Die Unterzeichnung der Erklärung der Geschwisterlichkeit führte in Abu Dhabi zu einem ganz konkreten Ergebnis: dem Abrahamic Family House. Es vermittelt Wertschätzung den Religionen gegenüber und erinnert an die Religionsfreiheit, die gerade in arabischen und muslimischen Staaten oft nicht gegeben ist.

 Möge die Einladung von Abu Dhabi viele Menschen ermutigen, weit zu denken und entschieden die Wege des Dialogs und der Geschwisterlichkeit zu gehen.