«pfarrblatt»: Wenn man sich den Titel Ihres neusten Buches anschaut, könnte man meinen, es folge nun eine Lektüre darüber, was die Schweiz alles besonders gut macht. Dabei wird gleich beim Vorwort klar, dass wir ein differenzierteres Bild zeichnen müssen. Gehen Sie davon aus, dass die goldenen Jahre der Schweiz vorbei sind?
Steffen Klatt: Natürlich kann man nie genau sagen, was die Zukunft bringt. Aber die Schweiz hat in den letzten Jahren sehr gut gelebt. Sie profitierte von einer stark globalisierten Welt, in der die Wirtschaft bis auf ein paar wenige Ausnahmen globalisiert gewesen ist. In dieser Welt hat die Schweiz es geschafft, sich sehr gut zu positionieren. Diese Weltordnung ist nun aber zu Ende, und deswegen ist auch dieses Geschäftsmodell am Ende angelangt.
Sie schreiben aber in Ihrem Buch «die Schweiz ist ein sicherer Hort für sicherheitssuchendes Geld, gerade in Zeiten der Unruhen».
Die Schweiz als Hort von sicherheitssuchendem Geld ist nur ein Aspekt in dem Geschäftsmodell Schweiz, und auch nicht der wichtigste. Das Erfolgsmodell der Schweiz hing in den letzten dreissig Jahren von etwas anderem ab. Schauen wir uns mal die Exporte an. Ungefähr die Hälfte davon kam von der Pharma- und der Chemiebranche. Die eigentliche produzierende Arbeit wurde aber oft im Ausland geleistet – der Gewinn kam dann in die Schweiz. Oder auch für eine Reihe von Rohstoffen ist die Schweiz das wichtigste Handelsland der Welt. Obwohl diese Rohstoffe nie Schweizer Boden berühren, kommen durch den Handel damit Milliarden von Franken in die Schweiz. Die tatsächliche Arbeit wird aber in den Minen, in den Bergwerken und so weiter geleistet – an den Orten, wo diese Rohstoffe abgebaut werden. Diese Form der Wertschöpfung wurde lange so hingenommen. Dies ist nun nicht mehr der Fall.
Weshalb nicht?
Nehmen wir zum Beispiel die Pharma- oder die Chemiebranche. Wenn Sie zum Beispiel die Politik der US-amerikanischen Regierung verfolgen, bemerken Sie zwei Dinge. Erstens will die USA die Medikamentenpreise in den USA senken, und zweitens will sie mehr Produktion im Inland. Konkret bedeutet dies, dass allein Novartis und Roche bereits Milliarden von Franken in den USA investieren. Geld, das dann in der Schweiz nicht mehr investiert wird. Es wird also wahrscheinlich zu einer Verlagerung von Arbeitsplätzen aus Basel in die USA kommen. Auch die Arbeitsplätze im Rohstoffhandel bleiben nicht zwangsläufig gesichert.
Unser Wohlstand ist von der Welt um uns abhängig. Ich habe den Eindruck, dass dieser Umstand nicht im politischen Diskurs der Schweiz abgebildet ist.
Die Schweiz ist da keinesfalls in einer Sondersituation. Die Weltwirtschaft hat sich in den vergangenen dreissig Jahren noch einmal stark globalisiert. Wir sind abhängig von den Geschehnissen auf der Welt. Gleichzeitig ist die Schweizer Politik im tiefen 19. Jahrhundert stecken geblieben: Im Kern besteht ein grosser Widerspruch zwischen der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wirklichkeit auf der einen Seite und der politischen Wirklichkeit auf der anderen.
Ihr Buch heisst «Warum die Schweiz so reich ist und warum nicht alle etwas davon haben». Wie geht es dem Schweizer Individuum?
Vor der Globalisierung kam der Reichtum der Schweiz vor allem aus der Produktion von Produkten mit hohen Margen, wie Uhren oder Medikamenten. Durch diese Einkünfte haben Unternehmer:innen ihren Mitarbeitenden hohe Löhne bezahlt – dadurch konnten viele vom Wohlstand profitieren. Nun ist es aber so, dass in den letzten dreissig Jahren viel Geld in die Schweiz kam, das nicht mit Lohnarbeit in der Schweiz verdient wurde. Beispielsweise Geld, dass von einem Milliardär in den USA in die Schweiz verschoben wurde. Dazu kommt der Lohndruck in vielen Branchen, und die Tatsache, dass sehr viel Geld in Immobilien fliesst. Weshalb nun allein in den letzten zehn Jahren die Immobilienpreise in der Schweiz im Durchschnitt um vierzig Prozent gestiegen sind. So werden manche Menschen ärmer, weil sie mehr für die Miete bezahlen müssen, andere durch die steigenden Mieteinahmen, die sie erzielen können, immer reicher. Die Globalisierung hat die Ungleichheit in der Schweiz verstärkt, und bisher gibt es keine Gegensteuer.
Wie kann der Überwohlstand genutzt werden, um benachteiligten Gruppierungen in der Schweiz Unterstützung zu bieten?
Der Teil des Überwohlstandes, der bei der öffentlichen Hand ankommt, etwa über höhere Steuereinnahmen und Ausschüttungen der Nationalbank, wird schon heute für benachteiligte Gruppen in der Schweiz genutzt, wenn auch nur marginal. Auch die heute Privilegierten geben über Spenden und Stiftungen ziemlich viel Geld für Benachteiligte aus. Aber die politische Herausforderung des Überwohlstandes besteht gerade darin, dass er zum übergrossen Teil in den Händen weniger bleibt. Er wird anders als der hohe Wohlstand in der Nachkriegszeit eben nicht über hohe Löhne und hohe Preise an praktisch alle umverteilt und kann so auch nicht umverteilt werden. Der Überwohlstand führt zu mehr Ungleichheit, nicht zu weniger.
Wenn der Staat nicht einspringt, sind es oftmals soziale Organisation und Hilfswerke wie Kirchen, die die Menschen auffangen. Ist das ein politisches Versagen?
Die Kirche oder privates soziales Engagement braucht es immer. Es wird immer Menschen geben, die während einer bestimmten Zeit ihres Lebens nicht den jeweiligen Anforderungen der Gesellschaft entsprechen können. Es ist sehr gut, dass die Kirchen mit ihrem sozialen Engagement eine Tradition weiterführen, die schon viele, viele hundert Jahre alt ist. Die Hilfe der Kirche muss allerdings noch nicht zwingend ein Staatsversagen sein. Der Staat kann und soll sich nicht um alles kümmern. Es ist aber gut, dass es diese Tradition gibt und dass die Kirchen diese Tradition fortführen.
Wie passt kontinuierliches Wachstum mit einem schonenden Umgang mit der Umwelt und der Schöpfung zusammen? Wie können die beiden vermeintlichen Gegensätze miteinander vereinbart werden?
Das Schweizer Geschäftsmodell war nicht auf Wachstum angewiesen, sondern auf Umverteilung aus dem Rest der Welt in die Schweiz. Es könnte sogar funktionieren, wenn die Weltwirtschaft schrumpft, Hauptsache, es würde von ihr genug umverteilt in die Schweiz. Das ist weder nachhaltig für die Welt noch für die Schweiz, war aber bis vor kurzem ihr Geschäftsmodell. Aber eben, es ist nun ohnehin an sein Ende gekommen.
Am 10. September wird im Progr in Bern ihr neuestes Buch vorgestellt – was dürfen die Besucher:innen erwarten?
Ich versuche, die Botschaft zu vermitteln, dass die Schweiz nicht deswegen reich ist, weil wir alle so fleissig arbeiten, sondern weil die Schweiz von einer bestimmten Weltordnung profitiert. Und weil sich die Welt gerade sehr rasch und grundlegend ändert, muss die Schweiz über die Bücher, um ihren Wohlstand zu sichern.
Zur Person
Steffen Klatt ist Journalist, Gründer und Chef der auf Wirtschaftsthemen spezialisierten Nachrichtenagentur Café Europe mit Sitz in Winterthur. Nebst «Warum die Schweiz so reich ist» (2026) erschienen bereits «Blind im Wandel» (2018) und «Mehr Schweiz wagen – mehr Europa tun» (2022) als Publikationen im Zytglogge Verlag.