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Ritterschlag: Der Grossprior der Schweizer Statthalterei, Bischof Charles Morerod, und Mitglieder des Ordens bei einer Investiturfeier 2023 in der Kirche St. Mauritius in Appenzell. Foto: Fabio Reichmuth

«Der Ritterorden ist nichts Mysteriöses»

Ein weisser Mantel und Béret für die Männer, ein schwarzer Mantel und Schleier für die Frauen, dazu das rote Jerusalemkreuz. Der Ritterorden vom Heiligen Grab wirkt aus der Zeit gefallen. Sein Anliegen allerdings bleibt aktuell.


Marie-Louise Beyeler kann alle verstehen, die die Ordenskleidung und die Insignien der Ritter und Damen vom Heiligen Grab zu Jerusalem merkwürdig finden. «Ich selbst dachte lange Zeit, das ist so eine obskure katholische Geheimorganisation für sehr reiche Menschen», sagt die Präsidentin der Komturei Bern. 

Komtureien, so heissen die Ortsgruppen des weltweit in 40 Ländern vertretenen katholischen Laienordens. In der Schweiz gibt es den Orden seit 76 Jahren, die Berner Komturei feiert dieser Tage ihr 40-jähriges Bestehen. Zeit, mit den Vorurteilen aufzuräumen, findet Beyeler, die auch den Berner Landeskirchenrat präsidiert. «Der Ritterorden ist nichts Mysteriöses. Die Mitglieder sind ganz normale Leute, Laien und Priester, Männer und Frauen, die einfach auf spezielle Art ihr Interesse pflegen.»

Fundraising für das Heilige Land 

Das Interesse des Ritterordens ist seit seinen Anfängen die Unterstützung der Christ:innen im Heiligen Land, also in Israel, Palästina und Jordanien. Er entstand 1868 als «ein aus der puren Not geborenes Fundraising-Konzept», sagt die deutsche Kirchenhistorikerin Barbara Vosberg. 

Der damalige Lateinische Patriarch von Jerusalem Guiseppe Valerga war ab 1847 das erste offizielle Oberhaupt der römischen Katholik:innen in Israel und Palästina seit dem Ende der Kreuzzüge im 13. Jahrhundert. Er hatte vom Papst den Auftrag erhalten, kirchliche Strukturen im Heiligen Land aufzubauen, doch fehlte ihm dazu schlicht das Geld. 

Dieses Problem löste Valerga mit der Gründung eines internationalen, päpstlich anerkannten Laienordens, dessen Mitglieder aus den gut vernetzten, katholischen Eliten Mittel- und Westeuropas kamen. «Sie bekamen den prestigeträchtigen päpstlichen Ritterschlag und durften sich damit in die Tradition der mittelalterlichen Jerusalempilger und Kreuzfahrer stellen, obwohl sie damit direkt nichts zu tun hatten.» So erklärt Vosberg die Attraktivität des Ordens für den finanzkräftigen europäischen Gesinnungsadel des 19. Jahrhunderts.
 


«Friedlicher Kreuzzug» 

Im Gegenzug verpflichteten sich die Ordensmitglieder zum «friedlichen Kreuzzug» ins Heilige Land, das heisst, dazu, durch Spenden, Gebet und persönliches Engagement den Erhalt und Aufbau katholischer Kirchenstrukturen und die Wahrung und Förderung katholischer Interessen im Heiligen Land zu unterstützen. 

Bis heute finanziert der Ritterorden vom Heiligen Grab zu Jerusalem den Grossteil des Budgets des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, dem aktuell Kardinal Pierbattista Pizzaballa vorsteht. Mit der «Investitur», der Aufnahme in den Orden, versprechen die Mitglieder, neben dem jährlichen Vereinsbeitrag eine Spende zu leisten. In welchem Umfang, ist jeder und jedem selbst überlassen. 

Im Ritterorden seien keinesfalls nur reiche Menschen willkommen, sagt Beyeler. Und auch geheim sei nun wirklich gar nichts daran. Die Mitglieder der Berner Komturei verträten im Gegenteil eine sehr offene Haltung. «Es gibt keinen geschlossenen Anlass», sagt die 70-Jährige. Familienmitglieder und Freund:innen dürften jederzeit mitgebracht werden. Der Aufnahme in den Orden müsse allerdings die Empfehlung eines Mitglieds vorausgehen. 

Vermittlung zwischen den Religionen

 Donata Maria Krethlow-Benziger ist seit bald acht Jahren Statthalterin und damit oberstes Ordensmitglied der Schweiz. Die 54-Jährige ist dem Orden aus einer Familientradition heraus beigetreten, schon ihre Eltern und Grosseltern waren Mitglieder. Im Jahr 2008 machte sie ihre erste Pilgerreise ins Heilige Land. «Da hat’s mich gepackt», sagt sie. «Die heiligen Stätten und die Christ:innen dort haben mich sofort begeistert.» 

Seitdem reist Krethlow-Benziger jedes Jahr mindestens einmal nach Jerusalem und besucht christliche Institutionen und Familien. Zurzeit gehe es den Christ:innen im Heiligen Land sehr schlecht, sagt sie. Mit dem Angriff der Hamas auf Israel vor gut zwei Jahren habe die Armut stark zugenommen. Die 64 Pfarreien des Lateinischen Patriarchats betreiben katholische Schulen und Kindertagesstätten, eine Universität, Altersheime und Sterbehospize. Die Einrichtungen stehen allen Menschen gleich welcher Religion offen und geniessen laut Krethlow-Benziger einen guten Ruf. 

Die Luzernerin berichtet von einer Schule in Ramallah, die aus Geldmangel geschlossen werden sollte. «Die muslimischen Eltern haben sie gerettet. Sie haben gesagt, sie wollen, dass ihre Kinder auf eine katholische Schule gehen, nur diese seien frei von Fundamentalismus.» 

Die christlichen Institutionen dienten der Vermittlung im ökumenischen und interreligiösen Dialog und damit der Friedensarbeit. Welches Projekt wie viele Spenden bekomme, entscheide das Grossmagisterium des Ordens in Rom. «Die Gelder werden von dort zu hundert Prozent weitergeleitet », sagt Krethlow-Benziger. 

Auf unkomplizierte Art katholisch sein

 Fast 160 Jahre nach der Gründung des Ritterordens ist der Unterstützungsbedarf der Christ:innen im Heiligen Land also nach wie vor hoch. Marie-Louise Beyeler ist zuversichtlich, dass auch der Orden weiterhin bestehen wird. Weltweit hat er rund 30000 Mitglieder, in der Schweiz sind es aktuell 385, in Bern 30, viele jünger als 50 Jahre. 

Neben dem caritativen Element schätzt Beyeler an dem Orden, «gemeinsam auf unkomplizierte Art katholisch sein zu können». Gewisse Dinge, wie etwa das Feiern der Eucharistie, würden nicht hinterfragt. Bei der Aufnahme versprechen die Mitglieder, «nach den Tugenden der Caritas, Spiritualität und Tradition, ein im Glauben verwurzeltes Leben» zu führen. «Trotzdem diskutieren wir über Fragen wie die Frauenordination und andere innerkirchliche Kontroversen», sagt Beyeler. Die Bandbreite der Meinungen sei ebenso gross wie in einer normalen Pfarrei. 

Und die komischen Kleider, braucht es die wirklich noch? Das habe sie sich anfangs auch gefragt. «Wir tragen sie in der Regel nur einmal im Jahr, bei der Investitur. Das hat schon etwas sehr Feierliches», sagt Beyeler. «Mir hat mal jemand gesagt: ‹Das ist jetzt einfach unser Pilgermantel, den kann man mit Demut tragen.› Das finde ich eine gute Haltung.» 

 

40 Jahre Berner Komturei 

Am Samstag, 24. Januar, um 10.30, feiert die Berner Komturei des Ritterordens vom Heiligen Grab zu Jerusalem in der Dreifaltigkeitskirche (Bern, Taubenstrasse 6) ihr 40-jähriges Bestehen im Rahmen eines Gottesdienstes mit Bischof Felix Gmür, Prior der Sektion Deutschschweiz und Liechtenstein.