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Der Prophet Jeremia. Detail im Deckenfresko der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo (1511). Foto: Wikimedia commons

Der Prophet Jeremia zwischen Kritik und Hoffnung

Autokrat:innen richten die Gesellschaft zugrunde und treiben die Welt in Krieg und Elend – das war zu biblischen Zeiten nicht anders als heute. Biblische Propheten(bücher) kritisieren die Diktatoren und Gewaltherrscher ihrer Zeit und fordern Frieden und Gerechtigkeit für alle Menschen.


Prophet:innen des Alten Testaments sind keine Hellseher:innen. Sie sagen nicht auf übernatürliche Weise offenbarte Zukunft voraus. Sie sind vielmehr Gesellschaftskritiker:innen: Sie nehmen soziales, politisches und wirtschaftliches Unrecht deutlich wahr und warnen vor den Folgen. So auch Jeremia, der aus Anatot, wenige Kilometer nördlich von Jerusalem, stammte. Das Jeremiabuch beschreibt das Wirken des Propheten ab etwa 627 v. Chr. – in einer Zeit, in der das kleine Königreich Juda zwischen den Grossmächten Assyrien, Ägypten und Babylon zerrieben wurde. 

Starke Worte 

Jeremia kritisiert nicht nur die fremden Herrscher (Jer 46–51), sondern vor allem vier aufeinander folgende eigene Könige Jerusalems, die in den Jahren 609–587 v. Chr. regierten. Er wirft den Königen Jerusalems mitsamt ihrem Hofstaat, den falschen Hofpropheten sowie den Tempelpriestern soziales Unrecht und Ausbeutung vor. Gegen König Jojakim (609–598) beispielsweise mit den Worten: «Weh dem, der sein Haus mit Unrecht baut und seine Obergemächer mit Rechtsbruch, der seinen Nächsten umsonst arbeiten lässt und ihm seinen Lohn nicht gibt» und «Deine Augen und dein Herz sind auf nichts gerichtet als auf deinen Gewinn, auf unschuldiges Blut, um es zu vergiessen, auf Bedrückung und Erpressung» (Jer 22,13.17). 

Lug und Trug 

Die Könige sollten gerade den Schwächsten Recht sprechen und Schutz zukommen lassen, doch sie versagen komplett. Jeremia kritisiert ihre Prunksucht und ihre Selbstüberhebung. Die Könige brechen noch und noch ihre Versprechen und halten aussenpolitische Verträge nicht ein. Damit brechen sie gemäss Jeremia auch mit Gott – denn Gott steht für Gerechtigkeit und Ehrlichkeit. Das Fehlverhalten der Könige Jerusalems führte schliesslich zur Zerstörung Jerusalems und von dessen Tempel sowie zur Deportation unzähliger Menschen ins babylonische Exil (587–539 v. Chr.) 
 


Tiefe Depressionen 

Durch sein Engagement für Gerechtigkeit, Transparenz und Frieden erlebt Jeremia Anfeindung und Verfolgung: Staatsbeamte wollen ihn ermorden lassen, er wird als Armeefeind verschrien, der König lässt ihn ins Gefängnis werfen, wo Jeremia beinahe umkommt. Besonders hart ist für Jeremia auch, dass ihn selbst Männer seines Heimatorts Anatot umbringen wollen und seine nächsten Verwandten ihn ablehnen. Das führt bei Jeremia zu tiefen Depressionen, die in den Konfessionen des Jeremiabuchs in beeindruckender Ehrlichkeit beschrieben werden: Jeremia zweifelt an sich, der Menschheit und an Gott. 

Zeichen der Hoffnung 

Dennoch hält Jeremia an seinem Gott fest und verkündete als dessen Willen Frieden und das Wohlergehen aller Menschen. So gibt es neben den Anklagen im Jeremiabuch auch Zukunftshoffnung: Schon bei seiner Berufung sieht Jeremia einen blühenden Mandelzweig, der gedeutet wird: Gott wacht über seinem Wort – nicht nur um niederzureissen, sondern auch um zu bauen und zu pflanzen (Jer 1,10–12; 31,28). Den Verschleppten in Babylon schreibt Jeremia, sie sollen das Wohl der Stadt suchen, denn Gott habe «Gedanken des Friedens» und wolle ihnen «Zukunft und Hoffnung» geben (Jer 29,7.11). Schliesslich erhofft Jeremia einen neuen Bund: Gott wird seine Weisung nicht mehr auf Steintafeln schreiben, sondern in die Herzen der Menschen (Jer 31,31–34).
 

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