Was treibt sie dazu an, sich Menschen aus entlegenen Jahrhunderten zuzuwenden, ihre Schicksale aufzugreifen, ihre Lebenswirklichkeiten zu ergründen? «Ich möchte Geschichte und ihre Gestalten für heutige Menschen erlebbar machen», erklärt Therese Bichsel (*1956).
Als Jüngste von drei Töchtern ist sie in Hasle bei Burgdorf aufgewachsen, ein lesefreudiges Mädchen, das gern versonnen mit einem Buch in einer Baumkrone sass. Heute lebt Therese Bichsel in Unterseen und in Bern und hat sich mit ihren Büchern eine treue Leserschaft erschlossen. Gleich mit dem Erstling «Die schöne Schifferin» (1997) erweckte sie meine Aufmerksamkeit. Allein schon das Bild der «Belle Batelière» von Emanuel Locher auf dem Umschlag wirkte anziehend: die junge Frau mit dem Ruder in der Hand, anmutig im Boot stehend und mit der Linken den Hut festhaltend.
«Diese Geschichte m u s s t e geschrieben werden», sagt Therese Bichsel. Einst hatte Elisabeth Grossmann (1795– 1858) vornehme Touristen über den Brienzersee gerudert, dazu Lieder gesungen und mit ihrer gewinnenden Erscheinung bezaubert. Sie wäre zu Höherem bestimmt gewesen, hatte doch ein Baron die Ausbildung in einem stadtbernischen Erziehungsinstitut für sie bezahlt.
Nach einer ersten Liebesenttäuschung willigte sie contre cœur in die Ehe mit einem Schankwirt ein. Der alkoholsüchtige Mann demütigte sie, bis sie beim Chorgericht von Unterseen die Scheidung einreichte – damals ein aufmüpfiges Begehren. Solch ein Sturz aus dem Wolkenhimmel, solch eine leidvolle Paargeschichte bieten für eine heutige Leserschaft zwanglos Identifikationsmuster an.
Doch Therese Bichsel weitet in anderen Büchern den familiären Rahmen aus bis hin zu den Geschichten der Auswanderer. Historische Romane wie «Die Walserin» (2015) oder «Überleben am Red River» (2018) zeichnen Migrationsschicksale nach, die an aktuelle Flüchtlingsbewegungen denken lassen.
Hier wie dort zwingt eine elementare Not die Menschen, ihre Heimat zu verlassen und unter schwierigen Bedingungen einen Neuanfang zu riskieren. Die Illusionen, denen eine Elisabeth Grossmann verfallen ist, betören auch die Emigrant:innen in ihrer Hoffnung auf ein irdisches Paradies. So entpuppt sich die Verlockung des Illusionären als ein Leitmotiv in Therese Bichsels Büchern.
«Wo treffen wir uns, Frau Bichsel?»
Ohne Zögern kommt die Antwort: «In der Elfenau.» Die rasche Reaktion erklärt sich von selbst, denn 2012 hat die Autorin das Buch «Grossfürstin Anna» vorgelegt, die Geschichte der einstigen Bewohnerin des Elfenau-Guts.
Wer heute durch die Anlagen flaniert, ahnt den Glanz einer vergangenen Epoche, die Therese Bichsel in ihrer mitreissenden Biografie erhellt. Auch die Grossfürstin Anna (1781–1860), ursprünglich als Prinzessin Juliane von Sachsen-Coburg-Saalfeld aufgewachsen und bereits 1785 mit dem Enkel der Zarin Katharina II. verlobt, nährte Illusionen. Doch ihr Mann, ein egozentrischer Neurotiker, trieb sie in die Verzweiflung. Sie floh vom Zarenhof, erlebte unstete Jahre, bis sie 1813 ins Brunnaderngut einzog, das sie umbaute und ab 1816 «Elfenau» nannte.
Es ist Therese Bichsels Lieblingsort in Bern, birgt er doch für sie all die Geschichten, die sie in ihrem Buch zum Leben erweckt hat. «Schreiben Sie jetzt über die Hautevolee, Frau Bichsel?», haben einige Leserinnen und Leser mahnend gefragt, nachdem bereits 2004 «Catherine von Wattenwyl» erschienen war.
Die Autorin schmunzelt und erzählt von ihrem neuesten Buch «Das Jahr ohne Sonne», das in diesem Herbst veröffentlicht wird. Darin greift sie die Jahre 1816/17 auf, eine Phase mit überdurchschnittlich vielen und heftigen Regenfällen, welche die Ernten vernichteten. «Die Kartoffeln hatten lediglich die Grösse von Kirschen», erläutert die Autorin. Das extreme Wetter und in der Folge die Missernten lösten grosse Not aus. Viele Menschen überlebten nur dank öffentlicher Suppenküchen, etliche verloren ihr Hab und Gut.
Monatelange Recherche
Wieder spielt das Thema «Migration» eine Rolle. Wie gelingen Therese Bichsel die anschaulichen und genauen Schilderungen, sodass man mitten ins Geschehen hineingezogen wird?
Etwa ein halbes Jahr wendet sie für Recherchen auf, bevor sie mit dem Schreiben beginnt, wobei während des Schreibprozesses weitere Fragen auftauchen, die weitere Nachforschungen verlangen.
«Schwierig ist der Alltag zu eruieren, je weiter die Geschehnisse zurückliegen», sagt Therese Bichsel. Schriftliche Quellen wie Briefe, Tagebücher oder Reiseberichte in Archiven und Bibliotheken müssen konsultiert werden. Die Autorin spricht im Hinblick auf ihre Bücher von «faktenbasierten Texten», auch wenn sie durchaus Fiktionen zulässt. Sie räumt eine subjektive Deutung und Gewichtung des vorhandenen Stoffes ein, sodass ein anderer auf eine unterschiedliche Interpretation des gleichen Materials kommen könnte.
Mich fesselt auch das Auswahlkriterium Therese Bichsels, denn sie sagt: «Die Figuren müssen zu mir passen, es muss sich eine Stimmigkeit einstellen.» Erst dann kann sie die Umwandlung des Stoffs in Literatur vornehmen. Und welche Szenerie entfaltet sich nun, wenn sie wie etwa im Roman «Anna Seilerin» (2020) ihren Blick ins 14. Jahrhundert wirft, als Bern von der Pest heimgesucht wird und eine junge vermögende Witwe plötzlich neue Möglichkeiten entdeckt, um den Armen und Kranken beizustehen?
Anna Seiler (ungefähr 1314–1360) geht als Stifterin des Inselspitals in die Sozialgeschichte ein. «Woher nehmen Sie die Energie, Frau Bichsel?» Es ist der Wechsel zwischen stiller Tätigkeit am Schreibpult und dem Kontakt mit dem Publikum bei Lesungen, der eine gesunde Balance schafft. Da die Autorin im Umgang mit der Geschichte eine hohe Sensibilität aufweist, weiss sie auch, dass Europas Kultur auf dem Boden des Christentums gewachsen ist.
Sie selbst, von der reformierten Gläubigkeit des Emmentals geprägt, möchte sich nicht von der angestammten Konfession verabschieden. «Die Kirche hat sich bis heute sehr für Kranke, Arme, Senioren, Emigranten engagiert.» Da ist es wieder: Therese Bichsels Thema.
Zur Person
Die Autorin Therese Bichsel (*1956) hat Germanistik und Anglistik an der Universität Bern studiert. Auslandaufenthalte in Paris, Kanada und den USA erweiterten ihre Erfahrungen. Ab 1987 arbeitete sie als Journalistin und Redaktorin, seit 1995 ist sie auch als Autorin und Leiterin von Schreibkursen tätig. Sie lebt in Bern und in Unterseen und ist Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Ihre Bücher erscheinen im Zytglogge-Verlag (Schwabe Verlagsgruppe, Basel).
Weitere Infos: www.theresebichsel.ch