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«Wir sind vom Tod umgeben und setzen ihm das Leben entgegen». Mirjam Veglio, Geschäftsführerin der Bernischen Genossenschaft für Feuerbestattung (Bgf). Foto: Pia Neuenschwander

Dem Tod das Leben entgegensetzen

In zwei ehemaligen Urnenhallen des Bremgartenfriedhofs öffnet am Sonntag (1.3.) das erste Friedhofsrestaurant der Schweiz. Wo früher Tote ruhten, darf heute gelacht werden.


Wie ein grosser Setzkasten zieren Urnennischen die Wand des Restaurants «La Vie». Seit März kann man hier, in zwei ehemaligen Urnenhallen auf dem Bremgartenfriedhof in Bern, Kaffee trinken und zu Mittag essen. Vasen, Kerzenhalter und Pflanzen schmücken die Nischen, Kalkflecken auf dem Holz zeugen noch von deren früherem Gebrauch. «Wir wollten den früheren Zweck nicht verleugnen», erklärt Mirjam Veglio, Geschäftsführerin der Bernischen Genossenschaft für Feuerbestattung (Bgf). 

Das ist an diesem Ort tatsächlich schwierig: Vom Fenster des Wintergartens, einem abtrennbaren Teil des Restaurants, blickt man auf die Kapelle und einen Turm des ehemaligen Krematoriums.

«Wir sind vom Tod umgeben und setzen ihm das Leben entgegen», sagt Veglio. «Hier darf auch gelacht werden!», fügt Michael Kräuchi, Geschäftsführer des Restaurants, an. Als Gäste denken die beiden an Angehörige Verstorbener, die hier ein Leidmahl halten. An Friedhofsbesucher:innen, die zu Kaffee und Kuchen kommen. Aber auch an Seminare oder kulturelle Veranstaltungen. Das Restaurant sei auf den Tag ausgerichtet. Nach 20 Uhr und an Wochenenden ist es in der Regel geschlossen. 
 


Dem Ort Rechnung tragen

«Die Veranstaltungen müssen dem Ort Rechnung tragen», sagt Veglio. Konzerte seien nur unverstärkt möglich, ohne Schlagzeug, eher Singer- und Songwriter als Rockkonzert, konkretisiert Kräuchi. Lesungen aller Art, auch Krimis. Bei Krimi-Dinnern zögert Veglio. «Die gruselige Atmosphäre solcher Formate passt nicht recht hierher», findet sie. 

Hintergrund der Umnutzung ist die Tatsache, dass immer weniger Urnen auf dem Friedhof bestattet werden. Weil die Urnenhallen aus den Jahren 1916 und 1931 denkmalgeschützt sind, entschied sich die Bgf für eine Nutzung, die einen Mehrwert für den Friedhof bieten sollte. 

Die Betreiber:innen des Restaurants sind sich bewusst, dass Trauernde in einer besonderen Stimmung sind. «Wir haben das im Bewerbungsprozess für das Servicepersonal thematisiert», sagt Veglio. Die Angestellten seien über 50 und hätten somit eine gewisse Lebenserfahrung. «Wir haben keine seelsorgerische Aufgabe», stellt sie gleichwohl klar, «aber wir sind aufmerksam für das, was die Menschen brauchen.» Bei Bedarf verweise man auf Fachpersonen wie etwa jenen reformierten Pfarrer, der angeboten habe, dass ein:e Seelsorger:in einmal pro Woche zu bestimmten Zeiten im Restaurant präsent sein könnte. «Das freut uns sehr», sagt Veglio. «Genau so ein Ort soll das «La Vie» sein!»
 


Meist positive Reaktionen

Natürlich gebe es Menschen, die es pietätslos fänden, auf einem Friedhof ein Restaurant zu führen. «Ein Mann schrieb mir, hier würden noch viele Seelen herumgeistern», erzählt Veglio. Weil es manchen Menschen ein Bedürfnis sei, habe man die Räume energetisch reinigen lassen. «Ich habe mittels Räuchern und Ritualen eine Verbindung zwischen der Welt der Toten und der Welt der Lebenden herzustellen versucht», erklärt die Spezialistin für energetische Raumklärung Sonja Brazerol auf Nachfrage.  

Die Mehrheit der Rückmeldungen auf das Restaurant sei positiv, sagt Veglio. Etwa wie die jener Witwe, der es bislang schwer fiel, auf den Bremgartenfriedhof zu gehen, wo ihr Mann beigesetzt wurde. «Sie sagte mir, das Restaurant helfe ihr, hierher zu kommen. Solche Reaktionen bestätigen uns, dass dies ein guter Weg ist.»

 

Hinweis: Am 1. März ist Tag der offenen Tür im Restaurant «La Vie». restaurantlavie.ch